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SCHIFFAHRT / "ADOLPH BERMPOHL" Der Kaventsmann

aus DER SPIEGEL 11/1967

Es war ein Orkan, wie ihn die Fahrensleute in der Deutschen Bucht noch nie erlebt hatten. Die Böen der Sturmzyklone (bis 150 Stundenkilometer) packten Helgoland mit solcher Wucht, daß sich die Insulaner auf dem Oberland zeitweise nur auf allen vieren zu bewegen wagten.

Die See war aufgewühlt. Acht Meter hoch gingen die Wellen -- ein für die Nordsee ungewöhnlich hoher Durchschnittswert. Die Grenze zwischen Meer und Luft verwischte sich. Hochwirbelnde Gischt, in die der Regen prasselte, machte die Radargeräte blind.

In dieser See trieb -- am Nachmittag des 23. »Februar -- der holländische 38-Tonnen-Fischkutter »Burgemeester van Kampen«, hilflos, drei Mann an Bord, in Seenot. Position: etwa acht Seemeilen nördlich von Helgoland.

Um 16.09 Uhr funkte Kutter-Schiffer Jacob Vos, 28, auf der Seenotwelle 2182 Kilohertz den internationalen Hilferuf: »Mayday«. Die Küstenfunkstelle Norddeich-Radio wiederholte für alle Schiffe: »Fischkutter Burgemeester van Kampen' ... in Seenot, hat Wassereinbruch und benötigt dringend Hilfe.«

Für Schiffer Vos und seine Leute, durchnäßt, unterkühlt, schien die Stunde zu schlagen. Da riß, knapp 90 Minuten nach dem »Mayday«-Notruf, vor den Holländern die Wand der Wasserwolken auf. Ein weißer Schiffsrumpf, orangefarbener Schornstein, ein rotes Hansa-Kreuz auf weißem Grund -- das verhieß Rettung. Die »Adolph Bermpohl«, der modernste Kreuzer der »Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger« (DGzRS), war da, zu helfen.

»Bermpohl«-Vormann (Kapitän) Paul Denker, 55, ließ das Tochterboot »Vegesack« aussetzen -- ein kleines, aber voll seetüchtiges Motorboot, wie es alle DGzRS-Rettungskreuzer an Bord führen (unter anderem für Einsätze in flachen Gewässern). Zwei Mann der vierköpfigen »Bermpohl«-Besatzung holten die drei Holländer an Bord der »Vegesack«.

Um 18.19 Uhr meldete der Kreuzer: »Haben die drei Besatzungsmitglieder des holländischen Fischkutters 'Burgemeester van Kampen' abgeborgen. Das Schiff ist aufgegeben. Fahren mit dem Tochterboot getrennt nach Helgoland ... Die Fahrt wird also länger dauern.«

Sie dauerte nicht lange und nahm ein schlimmes -- Ende. Denn während die Einsatzleitung in der DGzRS-Zentrale Bremen notierte: »Der Seenotfall 'Burgemeester van Kampen' wurde aufgehoben«, ereignete sich auf See ein unvorstellbares Desaster: Retter wie Gerettete wurden von einer möglicherweise kirchturmhohen Wasserwand erschlagen.

Das sagt Kapitän John Schumacher, 56, technischer Inspektor der DGzRS. »Es muß so passiert sein«, berichtete er dem SPIEGEL. »Als die Männer auf der 'Vegesack' erkannten, daß die drei lebensgefährlich unterkühlten Holländer unbedingt auf dem Kreuzer ins Trockene gebracht werden mußten, stoppten Tochterboot und Kreuzer. Als sie nebeneinander lagen, muß sich hinter ihnen eine fürchterliche Grundsee aufgestellt haben. Wenn die dann zusammenbricht, begräbt sie Mann und Maus unter Tausenden von Tonnen Wasser. Dann ist alles aus.«

Das klingt wie Seemannsgarn und ist dennoch möglich. Dr. Gerhard Tomczak, 51, Ozeanograph und Oberregierungsrat beim Deutschen Hydrographischen Institut in Hamburg: »Das kann unter ganz extremen Bedingungen und in dieser Gegend ausnahmsweise schon mal vorkommen.« Nämlich dann, wenn sich hohe Brecher über einer Untiefe kreuzen und eingeschlossene Luftmassen die See explosionsartig in die Höhe jagen -- 50 Meter hoch und noch mehr.

Auf offener See türmen sich Wellen entgegen der noch vor wenigen Jahrzehnten vorherrschenden Ansicht selbst bei Orkanen keineswegs zu turmhohen Bergen. Die höchste Welle, die jemals im Nordatlantik exakt gemessen wurde -- und zwar von dem Vermessungsschiff »San Francisco« -,hatte eine Kammhöhe von knapp 20 Metern. Der Wellenhöhe sind Grenzen gesetzt -- durch den Wind, der sie erzeugt; er zerfetzt die Kämme zu Gischt oder kippt sie als Brecher ab.

Ganz anders jedoch verhalten sich die Seen, wenn sie auf Küsten branden oder über Untiefen rollen -- etwa über die Sellegrund-Riffe, wo die »Adolph Bermpohl« und ihr Tochterboot am Abend des 23. Februar lagen. Sie werden dort am Meeresgrund gebremst; dadurch verkürzt sich der Abstand von Wellenberg zu Wellenberg (in der offenen Nordsee bei Orkan: 100 bis 120 Meter). Die Wellenberge werden mehrere Meter höher, »steilen sich auf«.

Freilich, aufsteilende Seen allein fügen sich noch nicht zu einer 50-Meter-Wasserwand. Dazu wäre ein Kaventsmann nötig gewesen -- so nennen Seeleute und Ozeanographen den Wellenberg, der entsteht, wenn zwei aus verschiedenen Richtungen anbrandende Wellen (Kreuzseen) auf einanderprallen und sich vereinen*. Gewöhnlich sind Kaventsmänner rund 60 Prozent höher als die Wellen, aus denen sie sich bilden.

Nach Schätzungen von Ozeanographen waren die Kaventsmänner, die am 23. Februar an den Sellegrund-Riffen aus der See schossen, etwa 14 Meter hoch: Durch den Auf steil-Effekt waren die acht Meter hoch anlaufenden Nordseewellen auf etwa zehn Meter angewachsen; vier Meter weiteren Höhenzuwachs brachte die Vereinigung der Kreuzseen.

Schon eine solche See hätte genügt, die »Bermpohl« unter sich zu begraben und unter Umständen die beiden an Bord zurückgebliebenen DGzRS-Leute

falls sie an Deck und nicht angeschnallt waren -- Vom Schiff zu reißen.

Aber Fachleute glauben an noch Schlimmeres: an das, was -- so Ozeanograph Tomczak -- während eines Orkans »unter 10 000 Wellen vielleicht einmal geschehen kann«. Es geschieht dann, wenn ein besonders hoher Kaventsmann, vielleicht 18 Meter hoch, vornüberschießt und dabei Tausende Kubikmeter Luft einschließt. Die Wassermassen komprimieren die Luft, bis der Gegendruck so stark wird, daß die Riesenblase zerplatzt und dabei mehrere hundert Tonnen Wasser 50 Meter oder noch höher senkrecht in die Luft schleudert.

Wenn eine solche Wasserwand zusammenbricht, »versagt auch unsere Kunst, die Natur zu überlisten« (Schumacher). Selbst wenn die Retter -- wie bei schwerem Wetter üblich -- in ihrem offenen Fahrstand angeschnallt gewesen wären, hätte sie, so Schumacher, »die grüne See unweigerlich aus den Gurten geschnitten.«

Mit Sicherheit aber wären die beiden Seeleute an Bord der »Adolph Bermpohl« davongekommen, wenn sie sich zu dieser Zeit unter Deck des Kreuzers befunden hätten. Wohl zerfetzte die Sturzsee die stählerne Reling, zerschlug 15 Millimeter« starke Panzerglasscheiben und knickte den Leichtmetallmast -- doch der Kreuzer selbst blieb seetüchtig.

Denn wie alle sieben Seenot-Rettungskreuzer der DGzRS ist die »Adolph Bermpohl« kentersicher und unsinkbar. Die luftdicht abgeschlossenen Auf bauten haben so große Auftriebskraft, daß sie das Schiff selbst dann wieder aufrichten würden, wenn es kopfstünde. Und: Der Kreuzer hat eine doppelte Haut. Zwischen der äußeren und der inneren befinden sich mehr als 50 gegeneinander abgeschottete Zellen; die »Bermpohl« ist so ausgelegt, daß sie noch schwimmen würde, wenn die äußere Haut aufgeschlitzt wäre.

Tatsächlich lief der Backbord-Diesel der »Adolph Bermpohl« noch, als sie am Morgen nach der Katastrophe von dem Versorgungsschiff »Atlantis« südlich Helgoland menschenleer treibend entdeckt wurde. Die »Atlantis« funkte: »Auf Anruf rührte sich nichts an Bord.«

* Kaventsmann: mundartlich für Prachtexemplar; von lat. cavere = verbürgen.

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