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Krimis Der Killer hört Vivaldi

Zerzauste Romantikerin gegen fiesen Mafiakiller - mit dieser Konstellation gelang dem amerikanischen Autor George Green ein Bestseller.
aus DER SPIEGEL 5/1995

Annie Laird ist alleinerziehende Mutter und Bildhauerin, und sie ist nicht besonders tough. Auf Sex kann sie verzichten, auf die Kunst nicht. Sie fällt kaum auf, wenn sie verträumt durch New York wandert: eine zerzauste Schönheit, die Männer erst nach dem dritten Blick fasziniert, eine komische Romantikerin, die fast nie Zeitung liest oder in die Glotze guckt. Und die deshalb, was so böse Dinge wie Habgier, Korruption oder gar Mord angeht, nicht so recht auf dem Laufenden ist.

Annie ist »Die Geschworene« in einem Mafiosoprozeß, die Heldin in dem gleichnamigen Psychothriller von George Green*. Das Buch, gerade auf deutsch erschienen, ist drauf und dran, ein ähnlicher Erfolg zu werden wie die Justizromane von John Grisham.

Greens Krimi steht auf Platz 19 der deutschen Bestsellerliste - und bevor das Buch in den USA überhaupt auf den Markt kam, waren die Rechte für 15 Länder verkauft. Columbia Pictures sicherte sich für 1,5 Millionen Dollar die Filmrechte.

Dem Amerikaner Green ist dieser Erfolg, erschrieben in einem Jahr, fast unheimlich. »Nie hätte ich damit gerechnet, so schnell zu Geld zu kommen«, sagt er, »obwohl ich natürlich wußte, daß das Buch guter und spannender Lesestoff ist.«

Bis vor einigen Jahren lief es bei Green mit der Schreiberei ziemlich mies. Acht Monate trug der Mann seinen ersten Roman »Der Höhlenmensch von New York City« (erscheint im Mai _(* George D. Green: »Die Geschworene«. ) _(Droemer Knaur, München; 412 Seiten; ) _(39,80 Mark. ) auf deutsch) von Verlag zu Verlag. Als er endlich veröffentlicht wurde, begeisterte er die Kritiker weit mehr als die Leser. Green war, wie er rückblickend sagt, »pleite und ziemlich am Ende«.

Der Autor, der sein Alter verschweigt, um sich »mit einer Aura von Geheimnis« zu umgeben, hielt sich mit diversen Jobs über Wasser und schrieb unverdrossen weiter. Die Idee für Annies Story kam ihm beim Lesen einer Zeitungsmeldung. Den Rest hat er sich ausgedacht.

»Die Geschworene« erzählt in knapper Sprache von Annie, die sich als Jury-Mitglied verpflichten läßt, im Prozeß gegen Louie Boffano, den Mafia-Boß aus Westchester County. Der ließ einen seiner Geschäftspartner und dummerweise auch dessen kleinen Enkel umbringen. Finsterling Boffano hat schon viele Menschen umlegen lassen - wenngleich er den Tod des Kindes ein wenig bedauert, lassen ihn die beiden Morde eigentlich kalt.

Lästig ist nur, daß es da eine Menge Indizien gibt. Und die reichen aus, um ihn vor Gericht zu bringen. Boffanos Lieblings-Killer Vincent, genannt »der Lehrer«, soll seinen Chef vor der drohenden Verurteilung bewahren. Die naiv wirkende Annie scheint Vincent ein geeignetes Erpressungsopfer zu sein.

Er spioniert ihr Leben aus, verwanzt ihr Haus und setzt die Geschworene unter Druck: Entweder sie plädiert für »nicht schuldig« und kann das auch den anderen Geschworenen verklickern - oder der Lehrer wird sie und ihren Sohn Oliver, 12, töten.

Green erzählt seine Geschichte mal aus der Perspektive Annies, mal aus der des Lehrers. Was den Roman so spannend macht, ist Greens psychologisch genaue, durch Intelligenz und emotionale Wärme bestechende Charakterzeichnung. Denn auch der schurkische Lehrer ist nicht bloß ein zynischer Killer, Marke einsamer Wolf, der Menschen beiläufig umbringt; er ist zugleich ein Kunst- und Musikliebhaber, der Violinkonzerte von Vivaldi hört, meditiert und seine Kumpels mit Sätzen des Philosophen Laotse nervt.

»Wer seine eigene Angst durchschauen kann, wird von ihr befreit«, zitiert der praktizierende Taoist etwa oder: »Der Meister war den ganzen Tag gereist, ohne das Haus zu verlassen.«

Green hat für seinen Reißer sowohl die Gewohnheiten des Mobs als auch die Lehren des Taoismus erkundet. Nur gelegentlich neigt der Lehrer zu pathetischem Abschweifen, meist drückt Green aufs Tempo. Seine Protagonisten sind weniger grüblerische Sinnsucher, die über Leben und Tod räsonieren, als gewöhnliche Menschen, die um Geld, Karriere und Überleben kämpfen.

Die überraschende Wende in Greens Thriller ergibt sich durch die allmähliche Verwandlung des sogenannten Bösen: Der Lehrer, ein fanatischer Jäger, der nicht von seiner Beute läßt, verhält sich zunehmend merkwürdig. Zunächst sieht es so aus, als sei er eine Killermaschine und habe sein Selbst liquidiert, um sich emotions- und mitleidlos seiner Aufgabe zu widmen.

Gleichzeitig aber leidet der geniale Psychopath unter seiner - uneingestandenen - Einsamkeit. Er ist ein verstörter Desperado, der eine grausige Kindheit hinter sich hat. Wenn er über sich, das Leben und die Menschen um sich herum die Kontrolle verliert, verfällt er in tödliche Panik. Der Auftrag läuft erst mal schief, und so wird die verletzliche, schutzlose Annie für ihren Widersacher zunehmend bedrohlich. Je näher er ihr kommt, desto mehr verwirren ihn ihre Aufrichtigkeit und ihre Unschuld, ihr unberechenbares, weil chaotisches Verhalten, ihre wachsende Kraft. Nach etlichen Morden und einer Flucht durch die USA kommt es in Guatemala zum Showdown.

Dieser Kampf Frau gegen Mann ist eine moderne Version von David gegen Goliath und ein lustvoller Psychoclinch der Geschlechter.

Pläne für die nächste Zeit hat Green reichlich: Er möchte Filmdrehbücher schreiben und auch Regie führen, außerdem, so sagt er in aller Bescheidenheit, weiterhin »derart spannende Bücher schreiben, daß die Leute sie einfach nicht aus der Hand legen können«. Y

* George D. Green: »Die Geschworene«. Droemer Knaur, München; 412Seiten; 39,80 Mark.

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