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MUSIKINDUSTRIE Der kleine Gott dankt ab

Der Manager Tim Renner, der nun seinen Job im Universal-Konzern verlor, galt als Symbolfigur eines kreativen Musikgeschäfts: Sein Abgang markiert das Ende vieler deutscher Pop-Hoffnungen. Von Thomas Hüetlin
aus DER SPIEGEL 4/2004

Es war kurz nach elf Uhr am vergangenen Donnerstag, als Tim Renner, Chef von Universal Music Deutschland, den chromglänzenden Fahrstuhl im Erdgeschoss seines Berliner Hauptquartiers verließ. Er hielt die Schultern gerade, sichtlich um Haltung bemüht, aber seine Schritte wirkten unsicher, wie die eines Mannes, der barfuß über heißen Sand geht. Wahrscheinlich lag es daran, dass Renner einen langen Abend in einer Bar hinter sich hatte und vor sich den kürzesten Arbeitstag seiner Karriere.

Renner bog nach links, guckte in die Gesichter von ein paar hundert Mitarbeitern und griff sich ein Mikrofon. Diese Firma, sagte er, sei Teil seines Traums gewesen, er habe hier sehr viele Freunde, mit denen er im deutschen Musikgeschäft ein anderes Herangehen versucht hätte. »Aber nur, wenn ich an das glaube, was ich tue, werde ich es gut tun können. Und dass ich es gut tue, bin ich der Firma, euch und auch mir schuldig. Das heißt auch, dass ich jeden Morgen das Gefühl brauche, mit Anstand in den Spiegel gucken zu können. Bevor dies unmöglich wird, gehe ich lieber.«

Es folgte Applaus, der in eine fünf Minuten währende Standing Ovation überging. Ein paar Dutzend Leute weinten, als Renner noch einmal das Mikrofon packte und ironisch anmerkte: »Ehe die Klatscherei jetzt das Ausmaß von SED-Parteitagen annimmt, sage ich: Ciao. Passt auf die Firma auf - und jetzt: Ab an die Arbeit, Kinder!«

Dann verschwand er zum letzten Mal in seinem Chefzimmer im 8. Stock, wo er die Geschenke seiner Mitarbeiter sammelte: ein Schäferhund aus Porzellan in Lebensgröße ist dabei, ein Reichsapfel aus Seide und ein Jesus-Plakat mit dem Ausspruch: »Tim, lass Manna vom Himmel fallen!«

Das Manna drohte irgendwo dort oben im Globalisierungsfirmament zu verschwinden. Unten in der Kantine kauerten derweil ein paar Mitarbeiter auf den weißen Ledersofas, als hätte mitten in einer langen Partynacht plötzlich einer den Plattenspieler abgestellt und einen Suchscheinwerfer eingeschaltet. »Ein Riesenverlust«, murmelte einer. »Er war innovativ, sprühte dazu vor Musikleidenschaft, Intelligenz und Energie.« Ein anderer schimpfte: »Das Letzte, was wir jetzt hier brauchen, sind ein paar internationale Controller mit Riesengehältern, die eh nichts bringen.« Als sei es eine Operninszenierung, schob draußen vorm Fenster der Wind schwarze Regenwolken über die Wellen der Spree.

Renners Abgang - nur einen Tag vor dem Rauswurf des deutschen BMG-Chefs und RTL-»Superstar«-Jurors Thomas M. Stein (siehe Seite 153) - markiert einen neuen Höhepunkt der Krise in der deutschen Musikindustrie; zugleich aber symbolisiert der Rücktritt des 39-jährigen Universal-CEO einen Strategiewechsel in den internationalen Medienkonzernen, der die hiesige Pop-Industrie entscheidend verändern dürfte.

Über Monate hatte Renner versucht, die Pläne seines Konzerns zu korrigieren: Um die Rendite des weltweiten Marktführers Universal Music zu sichern, verlangte die Leitung der Firma von ihm, noch mal 50 Prozent seiner deutschen Künstler zu feuern und sich künftig vor allem auf die Distribution internationaler Superstars wie U2, Sting und Eminem zu konzentrieren.

Beharrlich hatte der Manager Renner darauf hingewiesen, dass er es bis zuletzt geschafft habe, zweistelliges Rendite-Manna regnen zu lassen; er wollte einen Kompromiss mit der Zentrale finden. Im letzten Jahr hatte er bereits hundert Mitarbeiter entlassen und die Verträge der Hälfte der hiesigen Universal-Musiker gelöst. Doch für seinen in London residierenden Vorgesetzten Jorgen Larsen, 62, zuständig für alle Märkte außerhalb Nordamerikas, war dies nicht genug. Er wollte so viel weitere Zugeständnisse, dass Renner nicht mehr das Gefühl hatte, in einer Industrie, die mit der Gegenwart ringt, noch eine Zukunft zu haben.

Denn mit den radikalen Lösungen in Deutschland zertrümmert Universal sein nationales Repertoire, und das, obwohl man mit diesem gerade 3 Prozent Wachstum erzielt hat. Mit dem übrigen Universal-Repertoire hat man weltweit rund 20 Prozent verloren. Fest steht: Das Projekt einer vielfältigen, durchaus kommerziellen, deutschen Popkultur gilt mittlerweile konzernintern als erledigt. So musste beispielsweise der Münchner DJ Hell, ein Mann, der weltweit die Laufstege von Donatella Versace beschallt und der bei dem New Yorker Pop-Mogul Puff Daddy ein- und ausgeht, Universal verlassen.

Sinkende Umsätze - innerhalb von fünf Jahren büßte der deutsche Markt über 23 Prozent ein - haben die Konzernzentrale anscheinend dazu bewogen, nur noch auf das Altbewährte zu setzen: ein gewagtes Unterfangen in einer Branche, die wie kaum eine andere Industrie darauf angewiesen ist, die Trends der Gegenwart und der nahen Zukunft aufzuspüren und dazu mit der Anpassung an revolutionäre neue Kopier- und Abspieltechniken zu kämpfen hat.

Mit Renner verliert die deutsche Musikindustrie ausgerechnet jenen Mann, der sich am lautesten weigerte, die existenzbedrohenden Probleme der letzten Jahre auszusitzen, und stattdessen eifrig an neuen Ideen arbeitete, um den Niedergang aufzuhalten.

»Unser Markt ist nicht in der Krise, unser Markt boomt«, lautet das Credo von Renner. Jede von jungen Raubkopierern gebrannte CD sei eine gute CD. »Denn sie beweist, dass unsere Stars und unsere Musik nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben.« Das Problem sei nur, dass die Plattenindustrie nur noch unzureichend in der Lage sei, aus diesem Pop-Boom Kapital zu schlagen. Vor die Wahl gestellt, von der elektronischen Revolution geschluckt zu werden oder sie für seine Zwecke zu nutzen, setzte Renner auf Letzteres.

»Unsere Musik muss überall und zu jeder Zeit verfügbar sein«, sagte Renner immer wieder, »als DVD, Handy-Klingeltöne, Download aufs Handy oder per Vertrieb im Internet.« Es war nur konsequent, dass Universal im August 2002 als erste deutsche Medienfirma unter dem Namen Popfile ein Online-Musikangebot eröffnete, bei dem sich Fans zum Preis von 99 Cent pro Song bedienen können.

Damit die Branche überleben kann, meint Renner, muss sie näher ran an das Publikum und an die Talente. Die einseitige »Durchvermarktung« nach dem Vorbild Hollywoods, die das in Panik geratene Gewerbe jetzt anstrebt, ist ihm ein Gräuel. »Ich glaube fest daran, dass der Markt auch Szenen und Nischen braucht, um Inhalte nach oben zu bringen, die authentisch sind«, sagt er.

Ein Befund, der zwar gestelzt klingt, aber trotzdem richtig ist. Selbst im Plattenregal eines Durchschnittskunden finden sich heute Künstler aus Genres, die nichts miteinander zu tun haben. So zählt zum Beispiel Shania Twain zum Country-Genre; Eminem zum Rap; U2 ist Rock-Alternative, und Die Ärzte sind Deutsch-Pop.

Den Aufstieg verdankte Renner der Tatsache, dass er lange nah dran war an der Szene. Seine Trendhörigkeit trug ihm schon im Kindesalter eine Lungenentzündung ein. Er hatte sich von seiner Mutter einen Pullover mit der Aufschrift »I like Abba« gewünscht. Er bekam ihn. Bald fand er Abba nicht mehr cool und versteckte den Pulli auf dem winterlichen Weg zur Schule im Ranzen. »Es war das erste Mal, dass ich merkte, wie flüchtig Pop sein kann«, sagt Renner heute.

Mit 16 wurde aus dem Fan ein Unternehmer. In kleinen Kellern probten die Vorläufer das, was später einmal unter dem Etikett Neue Deutsche Welle bekannt werden sollte, und Renner hielt über diese Leute ein Referat. Weil er es zum Wegwerfen zu schade fand, nahm er sein Werk auf Kassette auf, schnitt Musik dazwischen und Plattenrezensionen, vervielfältigte das Ganze und verkaufte das Ergebnis unter dem Titel »Festival der guten Taten« für 1,99 Mark in einem kleinen Punk-Versandhandel namens Rip Off; erst 25 Stück, dann 150, schließlich 1000.

Emporgestiegen zu einem Mini-Helden der Szene im Hamburger Stadtteil Poppenbüttel, durfte Renner jetzt mit einer Band auftreten, die sich Quälende Geräusche nannte und genauso klang. Die Instrumente hatte man von der Schule geliehen, allzu großes Können galt als Makel, weshalb man die Instrumente ständig rotieren ließ. Dazu verlas Renner stalinistische Arbeiterlyrik.

Aber Renners Rebellion war trotz seiner Aufsässigkeit frei von Arroganz. Er blieb freundlich und zugänglich. Diese Offenheit und ganz normaler Hunger führten ihn als Musikjournalisten an ein Büfett des

Schlagerduos Klaus & Klaus ("An der Nordseeküste"), wo ihm ein Manager von Polydor einen Job anbot.

Polydor war damals eher ein Schlagerlabel mit Leuten wie Max Greger und James Last und für einen Hipster wie Renner ziemlich unerträglich. Trotzdem nahm er an und ging bald über Flure mit abgelaufenem braungrauem Teppichboden, überstrichenen Plastiktapeten und fest verschlossenen Plastikfurniertüren. »Okay«, dachte sich Renner, »das ist der Tod.«

Die Lustlosigkeit auf den Gängen fand ihre konsequente Fortsetzung in der Laune der Sänger, für die Renner zuständig war. Es handelte sich um Menschen, die ihren Bands Namen gaben wie Felix de Luxe, einmal einen Hit wie »Taxi nach Paris« hatten und danach nur noch ins Telefon maulten. Renner musste sich um zehn Künstler von dieser Sorte kümmern, und seine Betreuung bestand darin, dass er sie rauswarf - einen nach dem anderen.

Nur, was sollte an ihre Stelle treten? Damals, im Jahr 1986, war die Neue Deutsche Welle verebbt. Da erzählte einer von Renners Chefs, er habe etwas gelesen über eine Bande von Kriminellen, die Musik machten. »Wahrscheinlich meint er Element of Crime«, dachte Renner und fuhr nach Berlin.

Der Sänger von Element of Crime heißt Sven Regener und ist heute so etwas wie der ideelle Pate des Mythos Kreuzberg. Sein Roman »Herr Lehmann« hat sich 700 000-mal verkauft, den Kinofilm haben über 600 000 Leute gesehen, und Regener kann sich jetzt erst recht leisten, was schon immer seine Spezialität war: das Leben ironisch zu kommentieren. »Das Marc-Aurel-Syndrom«, sagt er über Renners Abgang. »Er übernahm das Römische Reich, als es bereits dem Untergang geweiht war.«

1986 zählte Regener noch nicht zur Adelsklasse der Berliner Subkultur, sondern war einer, der stolz darauf sein musste, dass den Lärm seiner Band in ganz Deutschland »weniger Leute mochten, als in eine Straßenbahn passten«. Bis Renner an seiner Tür klingelte und sich schlecht behandeln ließ. »Wir waren eine fiese, arrogante Hippiebande, hielten ihn für ein Kommerzschwein, und wir hatten natürlich Recht damit«, sagt Regener. Renner habe wohl wirklich die Musik der Band gemocht: »Anders kann ich mir nicht erklären, dass er uns einen Vertrag gab.«

Renners Spürsinn ließ sich auch durch die schroffe Persönlichkeit eines Phillip Boa nicht abschrecken, dessen Platte prompt die Charts hochkletterte - als erstes neues deutsches Popwerk bei der Firma Polydor innerhalb von acht Jahren. »Ich fühlte mich«, sagt Renner, »wie der einäugige König unter Blinden.«

Bald hatte Renner mit Motor Music sein eigenes Label bei Polydor - es breitete sich der Ruf aus, dass es da einem gelungen war, in der vermeintlich bösen, großen Plattenindustrie einen coolen Ort einzurichten. Und dann hatte Renner auch noch Glück: Er, der stets auf der Suche gewesen war nach einer spezifischen deutschen Pop-Identität, hörte in Berliner Kellern »eine Art elektronische Marschmusik« (Renner), die dann unter dem Namen Techno die Charts weltweit überrollte. Auch die Düsterrocker von Rammstein wurden ein internationaler Erfolg.

Die Szene, die früher stolz darauf gewesen war, Renner mies zu behandeln, verehrte den kleinen Tycoon jetzt wie einen Heiligen, er konterte diese Hochachtung, indem er seine E-Mails jetzt in etwas schiefer Ironie mit »Gott« unterschrieb: ein Religionsstifter, der mit seinen Angestellten per Du war; einer, der jederzeit bereit war, an einem Wasserpistolenduell teilzunehmen. »Führen durch Quatschmachen«, nannte er das. »Spaß und Leidenschaft fürs Produkt und dann real was wegschaffen.«

Renners Liebe zum Pop wurde allerdings stets von seinem Ehrgeiz übertroffen. »Er muss sich seine Ausnahmestellung immer neu beweisen«, sagt ein früherer Mitarbeiter. »Sogar beim Abendessen will er dauernd wetten, und wenn es nur darum geht zu wissen, was die Hauptstadt von Burkina Faso ist.«

Diesen Ort in Westafrika wird Renner vielleicht bald besuchen. Er plant jetzt erst mal eine Reise in 18 Tagen um die Welt. Danach sehe man weiter. Jobangebote gebe es genug. Sogar aus der Politik, wo er Edmund Stoiber und Kanzler Gerhard Schröder die Hand schütteln durfte, wenn sie mal wieder einen Unternehmerzirkel zu sich riefen.

»Das mit der Politik kann man getrost vergessen«, sagt einer von Renners Freunden. »Wenn, dann kommt für einen mit seinem Ehrgeiz und seiner Ungeduld sowieso nur Bundeskanzler in Frage. Ein Job als Kulturminister - das rockt ihm nicht genug.«

* Bei einer Veranstaltung der Initiative »Wir für Schröder« imAugust 2002 in Berlin.

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