Samira El Ouassil

Ein Warteschlangen-Knigge Vom Impfen und Schimpfen

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Wer jetzt geimpft wird und nicht über 70 Jahre alt ist, bekommt verwundertes Nachbohren oder direkte Kritik zu spüren. Das muss aufhören.
Schlange vor dem Aachener Impfzentrum

Schlange vor dem Aachener Impfzentrum

Foto:

David Young / dpa

Ich werde morgen geimpft!

Seien Sie ehrlich: Was ist Ihre erste Reaktion auf diese Aussage?

Bei mir stimmt das leider noch nicht, aber glücklicherweise liest man diese Nachricht in letzter Zeit immer häufiger in sozialen Netzwerken. Irritierenderweise folgen solchen guten Nachrichten allerdings nicht selten drei Reaktionen, die weniger schön sind: erstens, das verwunderte Nachfragen; zweitens, das investigative Nachbohren, wie das denn jetzt schon sein kann; und drittens – mal mehr, mal weniger sachlich – empörte Kritik.

Personen, die nicht über 70 Jahre alt sind oder die sich nicht mit einem Profilbild präsentieren, das sie abgekämpft mit Sauerstoffmaske im Krankenhaus zeigt, werden plötzlich die nervigsten Fragen über etwaige Vorerkrankungen gestellt; sie werden verhört, inwiefern sie Kontakt mit einer Schwangeren haben; es wird ermittelt, welche Pflegestufe die Eltern haben; oder aber man möchte wissen, wen sie bestochen haben, um das Privileg einer frühen Impfung zu genießen.

Am albernsten bei all dieser Fragerei – weil es einen gewissen Impfneid so unangenehm schlecht kaschiert – sind jedoch Ferndiagnosen à la »So gefährdet siehst du aber gar nicht aus!«. Als ob man Menschen ihre chronischen Erkrankungen von der Stirn ablesen könnte. Was veranlasst einige Kommentator*innen gegenwärtig dazu, ihre soziale Kompetenz zu vergessen und von wildfremden Personen im digitalen Raum übergriffigerweise eine Rechtfertigung für einen Impftermin einzufordern? Woher kommt diese offen zur Schau gestellte Impfpertinenz?

Impfreihenfolgen sind ja nichts anderes als eine große, über die ganze Republik verteilte Warteschlange. Und diese wiederum ist eine Verkörperung verfahrensmäßiger, bürokratischer Gleichheit. Vielleicht lässt sich demnach diese gegenwärtige Empörungslust über das Impfen der anderen mit der Psychologie der Warteschlange nach Richard Larson erklären. Der Professor für technische Systeme am Massachusetts Institute of Technology ist ein so renommierter Warteschlangenexperte, dass er sogar »Dr. Queue« genannt wird. 2009 erklärte er dem Moderator Neal Conan des Radiosenders NPR so lakonisch wie einleuchtend: »Warteschlangen-Wut kann vor allem dann auftreten, wenn es sich um eine Verletzung des Prinzips ›Wer zuerst kommt, mahlt zuerst‹ handelt oder um das, was die Leute für Fairness halten. «

Fairness ist hier das Schlüsselwort. In einer lebensbedrohlichen Krisensituation empfindet die Mehrheit es als natürlich und glücklicherweise als fair, dass vulnerablen Gruppen der Vortritt gelassen wird. In solch einer kollektiven existenziellen Herausforderung, die von jeder und jedem abverlangt, dass man wartet, bis man an der Reihe ist, versorgt uns die Illusion einer geordneten Warteschlange mit einem gewissen Gefühl von Gemeinsinn, der die notwendige Geduld leicht zu ertragen macht.

Gleichzeitig lässt uns diese Anordnung aber auch allerorts Regelbrüche unterstellen. »Allein die Tatsache, dass Unfairness prinzipiell ermöglicht wird, weckt in uns offenbar das Gefühl, tatsächlich unfair behandelt zu werden«, zitieren die Autoren Jochen Metzger und Søren Harms in »Brandeins« die israelische Management-Forscherin Anat Rafaeli. In ihrer Studie belegt sie, dass wir uns nicht von dem Gefühl befreien können, in Anstellsituationen die Nachbarschlange für schneller zu halten, uns selbst also immer in der falschen Schlange wähnen – selbst wenn alles fair zuging.  

Unsere kulturellen Werte der Gleichheit und der Ordnungsliebe sind mit dem Respekt vor dem ethischen Prinzip des Schutzes der Schwächsten verbunden, dem die Idee der Impfreihenfolge folgt, aber wehe jemand drängelt sich vermeintlich vor! Wehe, jemand verletzt nur mutmaßlich die unsichtbare Etikette der Warteschlange! Wer mit dem Gesellschaftsvertrag der Wartenden bricht, der muss sich erklären, der wird sozial sanktioniert oder zumindest verbal mit Impf und Schande angezeigt, um die Ordnung der Schlange wiederherzustellen. Dabei werden manchmal bestimmte Umgangsformen, zwischenmenschlicher Anstand und Diskretion ausgehebelt.

Erlauben Sie mir daher, aus der Beobachtung des gegenwärtigen gemeinsamen Wartens einen kleinen Impfwarteschlangen-Knigge zu extrapolieren:

Wenn Sie erfahren, dass jemand einen Impftermin hat, von der oder dem sie nicht auf Anhieb vermuten, dass er oder sie in einer der priorisierten Gruppen ist:

  1. Fragen Sie nicht argwöhnisch wie eine Nonne, die Kinder beim Rauchen erwischen will, wie die Person an den Termin kam.

  2. Fragen Sie nicht, warum die Person vor dem Onkel ihrer Cousine geimpft wird.

  3. Fragen Sie die Person auch nicht, ob Sie das Gefühl hat, jemandem den Impfstoff wegzunehmen.

  4. Zwingen Sie Personen nicht dazu, ihre Gesundheit oder Familiensituation vor Ihnen oder anderen ausbreiten zu müssen.

  5. Beschämen Sie vor allem ältere Personen nicht dafür, wenn sie Angst vor einer Impfung mit AstraZeneca haben und sich nicht damit impfen lassen möchten.

  6. Respektieren Sie die Entscheidung, wenn jemand sich (noch) nicht impfen lassen will, auch wenn es natürlich wahnsinnig viele gute Gründe gibt, das zu kritisieren (aber mit Vorwürfen werden Sie die Person sicher nicht überzeugen).

  7. Kanalisieren Sie Ihre berechtigte Wut darüber, dass Sie oder Ihre Verwandten und Lieben noch nicht dran sind, nicht auf eine Person, die wirklich nichts für die gesamte langsame, frustrierende Organisation kann.

  8. Die einzig adäquate Reaktion auf die Nachricht »Ich werde morgen geimpft!« ist eigentlich nur: »Großartig!«

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