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Der Kritikerzar als Rassist

aus DER SPIEGEL 20/1990

Ich bin nicht fair.

Nein - fair war der amerikanische Kritiker Henry Louis Mencken (1880 bis 1956) wirklich nicht, Ausgewogenheit des Urteils nicht seine Sache. Und an allem hat er herumgenörgelt: Literatur, Politik, Religion.

Als Mittel der Überredung verwendete er neben giftiger Ironie und ätzender Satire vor allem gewalttätige Invektive und persönliche Schmähung. Nicht das Florett, sondern der schwere Säbel war seine Waffe. Er nannte das - unartige - Kind beim Namen: F. D. Roosevelt war ein »Betrüger«, Truman ein »Narr«, Coolidge ein »billiger, schäbiger Kerl«.

Doch gerade seine rhetorische Brutalität verschaffte ihm im ganzen Land Gehör: Sie wurde als Unerschrockenheit begrüßt - oder als Unverfrorenheit abgelehnt. Mencken war entweder »der Weise aus Baltimore« oder »eine heulende Hyäne«, entweder »der große Bilderstürmer« oder »ein kleines Stinktier«.

Das Establishment der »Wasps« - der W(hite) A(nglo)-S(axon) P(rotestants) - fand ihn degoutant. Doch die jungen Intellektuellen erfrischten sich an seinen Attacken auf altehrwürdige Institutionen und genossen es, wie er ganze Herden heiliger Kühe abschlachtete.

Menckens Einfluß war immens - besonders in den zwanziger Jahren, als er die Monatszeitschrift The American Mercury herausgab und jede Woche in der Montagskolumne der Baltimore Evening Sun einer staunenden Öffentlichkeit seine Meinung kundtat. In Hemingways »Fiesta« (1926) - dem Roman einer desillusionierten Nachkriegsgeneration - ist nachzulesen, daß »so viele junge Leute ihre Vorlieben und Abneigungen von Mencken bezogen«. Die New York Times hielt Mencken in jener Zeit gar für den mächtigsten Bürger in Amerika. Jedenfalls war er eine Institution und gehörte zum »Jazz Age« wie Scott Fitzgerald, Al Capone und die Prohibition.

Und heute? Mencken hat sich zwar manches Fehl- und Vorurteil geleistet: Zweitklassige Lyriker lobte er über den grünen Klee, und die Demokratie der USA denunzierte er als eine Herrschaft von »Gaunern« über »Memmen und Schwachköpfe«.

Doch er hat sich auch bleibende Verdienste erworben: als Verteidiger der Pressefreiheit, als Kämpfer gegen Korruption und bigotte Heuchelei, als Anwalt neuer realistischer Literatur, als Förderer wichtiger Autoren wie Theodore Dreiser, Sinclair Lewis, Francis Scott Fitzgerald, Eugene O'Neill - und als Autor eines Standardwerks zur amerikanischen Sprache.

Für gewaltige Aufregung in den USA hat nun Menckens unlängst veröffentlichtes Tagebuch gesorgt*. Mencken hat sein Tagebuch, das er von 1930 bis 1948 führte, der Pratt Library in Baltimore vermacht. Erst 25 Jahre nach seinem Tode sollte es Wissenschaftlern zugänglich gemacht werden: Noch lebende Zeitgenossen wollte er nicht durch seine Kanonaden verletzen. Doch 1981 lebten immer noch einige der von ihm im Tagebuch liebevoll Bedachten: Die Pratt Library hatte Bedenken, es veröffentlichen zu lassen, bis schließlich 1985 ein Gutachten des Generalstaatsanwalts von Maryland ihr die Skrupel nahm.

Diese Zögerlichkeit war berechtigt: Ungehindert durch literarische Absich* »The Diary of H. L. Mencken«. Edited by Charles A. Fecher. Alfred A. Knopf, New York, 1989; 476 Seiten; 30 Dollar. ten und frei von persönlicher Rücksichtnahme, die selbst bei Mencken sonst rudimentär vorhanden ist, schießt er in seinem Tagebuch mit vollem Rohr auf alles, was ihm vor die Flinte läuft. General Patton ist »bescheuert«, Sinclair Lewis ein »Psychopath«, Louis Bromfield ein »Schuft«.

Doch nicht so sehr die Verbalinjurien, mit denen er schließlich nur seinen Ruf bestätigt hat, machen Spektakel, es geht um mehr: Antisemitismus wirft man ihm vor und heimliche Liebe zu den Nazis. Und die schwarzen Amerikaner soll er verachtet haben.

Da ist einiges dran. Jedoch ist paradoxerweise Menckens Antisemitismus in seinem intimen Tagebuch weniger penetrant als in seinen Briefen und den für ein Lesepublikum bestimmten Texten. Auch wimmelt das Tagebuch nicht gerade von Heraushebungen jüdischer Personen und Angelegenheiten: 22 Beispiele auf 461 Seiten zeugen wohl kaum von antisemitischer Besessenheit, »wie ein Leitmotiv« - so der Herausgeber - zieht sich der Antisemitismus jedenfalls nicht durch das Buch.

Kurios erscheint es, daß der Herausgeber sich erst aufgrund des Tagebuchs bemüßigt fühlt, »klar und unmißverständlich« zu erklären: »Mencken war Antisemit.« Nicht im Tagebuch nämlich, sondern andernorts finden sich die wüstesten antisemitischen Ausfälle Menckens: Das Exempel wird am falschen Text statuiert. Am 12. Februar 1910 schreibt Mencken an den Romancier Theodore Dreiser, einen notorischen Antisemiten: _____« Hirshberg ist, wie alle Juden, verdammt überheblich . » _____« . . Die Angelegenheit erfordert Takt, den die Jidden nie » _____« gehabt haben. »

Dem Mussolini-Verehrer Ezra Pound macht er in einem Brief vom 15. November 1934 klar, wer nach seiner Meinung die USA beherrscht: »eine Bande von Kommunisten - hauptsächlich Itzigs«.

Während Mencken derartige Bemerkungen vielleicht witzig fand, meinte er seine Tiraden im berüchtigten »Traktat über die Götter« (1930) todernst. Dort attackierte er die Juden _____« . . . als die unangenehmste Rasse, die je existiert » _____« hat . . . Ihnen fehlen viele Eigenschaften, die den » _____« zivilisierten Menschen ausmachen. Mut, Würde, » _____« Unbestechlichkeit . . . Sie haben Eitelkeit ohne Stolz, » _____« Sinnlichkeit ohne Geschmack, Wissen ohne Weisheit . . . »

Solche Polemik hinderte Mencken jedoch nicht daran, mehrfach seine Abscheu gegenüber der nazistischen Judenverfolgung zu äußern. So schreibt er in einem Brief vom 6. Januar 1936 unmißverständlich: _____« Die ungeheuerliche Brutalität gegen harmlose Personen » _____« muß jeden anständigen Menschen abstoßen. »

Darüber hinaus waren viele seiner engsten Freunde und Mitarbeiter Juden. Dieser Widerspruch zwischen Äußerung und Verhalten erklärt sich vielleicht zum Teil aus Menckens radikalem Eintreten für die Rede- und Pressefreiheit - so in einem Brief vom 22. Januar 1941: _____« Jemand, der glaubt, daß die Juden eine Bedrohung für » _____« die USA darstellen, sollte dies sagen dürfen. Die » _____« Tatsache, daß er im Unrecht ist, hat damit nichts zu tun. »

Auch seine Haltung gegenüber den schwarzen Amerikanern ist widersprüchlich. Er singt gelegentlich Lobeshymnen auf intelligente und fleißige Schwarze - und redet oft genug verächtlich von »Niggern«, »Mohren« und »Darkies«.

Wiederum äußert sich Mencken außerhalb seines Tagebuchs weit drastischer. 1926 erreicht Mencken den Gipfel rassistischer Verstiegenheit und schwadroniert davon, daß die Mehrheit der Schwarzen »nur zwei bis drei Zoll von Gorillas entfernt« sei. Dies schreibt ein Mann, der die Rassentrennung und den Ku-Klux-Klan bekämpft.

Nicht widersprüchlich aber ist seine Meinung zu den Nazis. Für ihn waren sie ein »Haufen Verrückter«, die einem »Ganoven« folgten - einem »Idioten« und »zweitklassigen Tapezierer«. Wie viele andere Zeitgenossen hat er diese »Bande von Demagogen« nicht ernstgenommen. Überhaupt spielen die Nazis im Tagebuch kaum eine Rolle - die Alliierten um so mehr.

Mencken wettert gegen den Kriegseintritt der USA, gegen den »Kriegstreiber« Roosevelt, gegen die »Schweine« in Washington, gegen die einfältigen »Americanos«, die von den schlauen Engländern in den Krieg gelockt worden seien. Wider allen Anschein spricht Mencken hier nicht als Nazi-Sympathisant, sondern als deutschstämmiger Amerikaner, der seine traumatischen Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg in den Zweiten transportiert hat.

In Erinnerung an die damalige Greuelpropaganda der Alliierten gegen die »Hunnen« hält er nun auch Presseberichte über den Naziterror für Ammenmärchen - von den Engländern in die Welt gesetzt, von amerikanischen »Anglomanen« in Umlauf gebracht und von Roosevelt für »seinen Krieg« ausgenutzt.

Menckens Anglophobie - sie ist das wirkliche Leitmotiv in seinem Tagebuch: Kein anderes Thema wird so häufig angeschlagen, aber auch im jetzigen Konzert der Kritiker überhört. In seine Abneigung gegen alles Englische bezieht Mencken »Anglo-Saxons« ein, wie er sie im nahen North Carolina beobachten konnte - Amerikaner englischer Herkunft und von niedrigem sozialen Status. Gegen diese Underdogs richten sich (wiederum gegen Ende des Krieges) seine rabiatesten rassistischen Ausfälle - nicht gegen Juden oder Schwarze, wie meist behauptet wird. Er beschimpft sie als »Ungeziefer«, »Krebsgeschwür« und »Menschenaffen": Sie leben »wie Tiere und sind in ihren Gewohnheiten und Vorstellungen von Tieren nicht weit entfernt«.

Hier ist Menckens Verachtung der Untüchtigen und Erfolglosen auf die Spitze getrieben. Dem elitären Prinzip hatte er stets gehuldigt und daher die Deutschen bewundert. Diese Hypostasierung gelang ihm um so eher, als er sie in seiner eigenen Familie bestätigt fand: Zahlreiche seiner Vorfahren waren hervorragende Gelehrte, wohlhabende Kaufleute - und eine Wilhelmine Mencken war die Mutter Bismarcks. Menckens Großvater war 1848 eingewandert - nicht als armer Schlucker, sondern mit 500 Talern in der Tasche, die ihm den Aufstieg zum erfolgreichen Geschäftsmann erleichterten.

Kein Wunder, daß Mencken die Sieger im Überlebenskampf schätzte und auf die Verlierer herabsah, gleich welcher ethnischen Gruppe sie angehörten. Nur der Deutsche (tüchtig, fleißig, pünktlich wie er selbst) ging ihm über alles; die Mehrheit der Amerikaner hielt er für inferior.

In solcher Umgebung fühlte er sich manchmal deplaziert. Am 27. August 1942 notiert er: _____« Mein Großvater machte einen Fehler, als er in dieses » _____« Land kam . . . Ich glaube, daß Einwanderung immer unklug » _____« ist . . . Ich finde es immer noch unmöglich, mich an » _____« bestimmte amerikanische Verhaltens- und Denkmuster » _____« anzupassen. Nach all diesen Jahren bin ich ein Ausländer » _____« geblieben. »

Ca y est. Solche Malaise teilt Mencken mit vielen Einwanderen: In der Fremde bekommen sie das heulende Elend - welch letzteres Wort nicht umsonst ursprünglich »Ausland« bedeutet. In der Heimat war alles besser: das Pilsner hopfiger, die Debrecziner feuriger, die Krakauer knackiger, die Pasta frischer.

Doch kein Einwanderer macht dem Heinrich Ludwig Mencken dieses nach: sich so an der Fremde zu reiben, daß die Funken stieben und rassistische Brände entstehen. Stemmler, 53, lehrt als Anglist an der Universität Mannheim.

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