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SHAKESPEARE Der längste Tag

aus DER SPIEGEL 6/1964

Auf der Bühne wuchsen die Berge der Leichen, im Parkett die Bärte der Zuschauer. Rund zwölf Stunden lang, von halb elf morgens bis in die Nacht, wurde im Londoner Aldwych-Theater mit elisabethanischer Maßlosigkeit erstochen, erschlagen, geköpft und aufgespießt.

Mit dem Monumental-Gemetzel würdigte das »Royal Shakespeare«-Ensemble schon jetzt den bevorstehenden 400. Geburtstag (23. April) seines Namenspatrons aus Stratford-on-Avon. Die berühmte Schauspieltruppe präsentierte dem Londoner Publikum jeweils an den drei letzten Januar-Sonnabenden eine nur von kurzen Verzehrpausen unterbrochene Marathon-Aufführung von drei sogenannten Königsdramen Shakespeares: »Heinrich VI.«, »Eduard IV.« und »Richard III.«.

Die aufgeführte Trilogie - unter dem Titel »Die Rosenkriege« zusammengefaßt

- schildert die blutigen Konflikte zwischen den Parteien der »Weißen Rose« und der »Roten Rose«, zwischen den Häusern York und Lancaster, die im 15. Jahrhundert um die Krone Englands rauften und dabei einander und das Land zerfleischten.

Während aber »Richard III.« seit Jahrhunderten einen festen Platz im Shakespeare-Repertoire aller Bühnen behauptete, wurde das überlange und unförmige Frühwerk »Heinrich VI.« nur selten aufgeführt.

Peter Hall, einer der Direktoren und Regisseure des »Royal Shakespeare« -Theaters, hielt das Drama für verkannt. Zusammen mit einem ehemaligen Cambridge-Kommilitonen, dem heutigen Professor für englische Literatur John Barton, machte er sich daher 1962 an eine Bearbeitung des dreiteiligen Dramas.

Hall und Barton eliminierten rund 40 Personen aus der verwickelten Handlung, schoben zum besseren Verständnis eigene Texte ein, feilten am chronologischen Ablauf und teilten das Stück neu auf: in die Teilstücke »Heinrich VI.« und »Eduard IV.«. In dieser revidierten Fassung und gekoppelt mit »Richard III.« hielten sie das Werk für bühnenreif.

Der Erfolg gab ihnen recht - schon nach einer Aufführung, die im Sommer des vergangenen Jahres in Stratford-on -Avon stattfand, und erst recht jetzt in London. Die »Times« widmete den »Rosenkriegen« sogar einen Leitartikel und schrieb, die Welt sei um ein »neues Meisterwerk« Shakespeares bereichert worden.

Gerühmt wurde auch, daß Hall-Bartons »Rosenkriege«-Trilogie das Verständnis für »Richard III.« vertiefe: Der gewöhnlich als blindwütiger Tyrann aufgefaßte König erscheine nun vielmehr als ein Vollstrecker göttlichgeschichtlicher Gerechtigkeit. Hall-Bartons Bearbeitung, fand der »Observer«, eröffne »eine ungeheure historische Perspektive«.

Londons Shakespeare-Fans füllten an allen drei Aufführungs-Sonnabenden sämtliche 1024 Plätze im Aldwych-Theater, obwohl für die tagesfüllende Tripel-Schau auch dreifache Eintrittspreise gezahlt, drei Programmhefte gekauft und für Operngläser dreifache Leihgebühren entrichtet werden mußten.

Einige Theaterbesucher brachten zum drastisch inszenierten Shakespeare -Marathon - fünf abgeschlagene Köpfe wurden zur Schau gestellt - Brotbeutel und Thermosflaschen mit. »Allen Theaterbesuchern mit Kraft und Enthusiasmus« hatte der »Daily Telegraph« geraten, »die Gelegenheit der Ganztagsaufführung auf keinen Fall zu versäumen«.

Anders der »Guardian": »Selbst denen, die mit schottischen Predigten und Richard Wagner groß geworden sind und sich durchhaltestark fühlen, ist vom Besuch abzuraten.«

Londoner »Aldwych«-Theater

Heinrich + Eduard + Richard

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