Zur Ausgabe
Artikel 68 / 118
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

BUCHMESSE Der liebeskranke Detektiv

Graham Swift lässt eine schöne Frau ihren Mann töten und einen anderen bezaubern
aus DER SPIEGEL 41/2003

Nicht ein Schlachtfeld ist die Liebe in diesem Roman, sondern ein Gräberfeld. Die meisten Menschen im Zentrum der Geschichte sind lebendig begraben, nur einer ist ganz und gar tot: Der Frauenarzt Robert Nash, genannt Bob, wurde von seiner Frau Sarah durch einen Messerstich in die Brust getötet - und das, obwohl der Doktor seiner jungen, aus Kroatien stammenden Geliebten Kristina gerade Lebewohl gesagt hatte.

Berichtet wird das alles von jenem Mann, der die verurteilte Gattenmörderin Sarah liebt - es ist der Privatdetektiv George Webb, der einst im Auftrag der Betrogenen Bob und Kristina beschattete. Nun legt er, wieder auf Sarahs Geheiß, frische Rosen auf Bobs Grabstein.

So eine Konstellation kann man Ironie des Schicksals nennen, hier aber ist es wohl mehr die Ironie des Schriftstellers Graham Swift. Der nämlich, mittlerweile 54 Jahre alt und spätestens seit dem schönen Pub-Roman »Letzte Runde« (1997) auch in Deutschland halbwegs bekannt, erweist sich in seinem neuen Werk »Das helle Licht des Tages« als abgefeimte Spielernatur: Aus der Tradition der Romane von Raymond Chandler und Dashiell Hammett und der Schwarzen Serie Hollywoods scheinen seine Männer und Frauen entsprungen, verschlagen aber hat es sie in die Londoner Nobelvororte der neunziger Jahre, nach Wimbledon und Chislehurst.

George, der einst unehrenhaft aus dem Polizeidienst entlassene Schnüffler, erzählt uns am zweiten Jahrestag der Mordtat, wie er sich in seine Klientin verliebte. Sarah ist zwar schon etwas über 40, aber schön und traurig und geheimnisvoll, am allerschönsten sind ihre Knie, die George am liebsten gleich bei ihrer ersten Verabredung berühren möchte.

Wie aber kommt's zum Verhängnis? »Wir sind nicht dazu da, über das Leben der anderen zu wachen«, heißt einer der Schlüsselsätze des Buchs, den George leider nicht begriffen hat: Er ist verdammt zu übertriebener Anteilnahme, unfähig zur in unserer Zeit zwingend gebotenen Härte und Loslösungsbereitschaft - der Wächter, der »Kustos«, wie er sich mehrmals in diesem Buch nennt, über die Geschicke seiner Lieben.

Wir erfahren sehr viel über George, seine Vorlieben und sein Vorleben in »Das helle Licht des Tages«, vielleicht ein bisschen zu viel: Von seiner ersten Ehe und seinem Fotografenvater (auch er ein »private eye« sozusagen) berichtet er, von seiner längst erwachsenen Tochter Helen und vom rosa Bademantel und den Brüsten seiner Sekretärin Rita, mit der er selbstverständlich diverse Male Beischlaf pflegte; und natürlich vom Geheimnis seiner jäh gescheiterten Polizeikarriere. George, der Ex-Polizist, schreibt in kurzen, oft abgehackten Sätzen. Protokollstil eben. Und er stellt viele Fragen. Dauernd. »Wie entscheiden wir uns?« zum Beispiel, oder »Wie wählen wir?«, oder »Wozu ist die Liebe sonst gut?«

Swifts Roman ist ein gerissenes Virtuosenstück. Allerdings merkt man ihm dauernd an, wie hier ein munteres Typenkabinett aufgeboten wird, um eine alte Geschichte neu zu erzählen: Wir alle sind Leichen auf Urlaub, wissen die Leser von Chandler und Hammett - in »Das helle Licht des Tages« sind die Leichen allesamt sehr amüsante Gesellen. Jederzeit würde man sie in jeder Bar einladen; auf ein paar allerletzte Runden. WOLFGANG HÖBEL

Zur Ausgabe
Artikel 68 / 118
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.