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KUNST Der Maler lacht sich tot

Eine Kölner Ausstellung feiert den Rembrandt-Schüler Arent de Gelder. Der übertraf sogar seinen Meister im Gefühl für Effekte.
Von Jürgen Hohmeyer
aus DER SPIEGEL 7/1999

Alles, so sinnierte im Jahr 1715 der holländische Künstler-Chronist Arnold Houbraken, »ist der Mode unterworfen« - ob nun Kleidung, Hausrat oder auch die Kunst. »Mal liebt man, was kühn gemalt und grob aufgetragen ist«, dann wieder sei eine »glatte und ausführliche« Machart gefragt.

Jahrzehntelang hatte Rembrandt (1606 bis 1669) als Mann fürs Grobe und Kühne den Ton angegeben. Ihn ahmte wohl oder übel nach, wer Erfolg haben wollte. Indes erlebte der Meister selber noch, daß der Zeitgeschmack umkippte: Sein Riesenbild für das Amsterdamer Rathaus, das ein Komplott der Bataver gegen die alten Römer in dramatisch flackerndem Helldunkel schilderte, bekam er zurück; die Stadtregenten wünschten Glatteres.

Doch gerade um 1661/62, als Rembrandt die »Verschwörung des Julius Civilis« im Atelier hatte, ging ihm da ein Adept namens Arent de Gelder zur Hand. Und der fühlte sich so gründlich in den Stil des Lehrherrn ein, daß ihm aus der großen Zahl der Rembrandt-Schüler »keiner in dieser Weise zu malen gleichkam« (Houbraken) - und daß »er allein daran festhielt«.

De Gelder (1645 bis 1727) ist ein Sonderfall der Kunstgeschichte. Er demonstriert: Ein großes künstlerisches Lebenswerk kann auch einmal weit über den Tod seines Schöpfers hinaus und gegen den Hauptstrom der Entwicklung in der Produktion eines fähigen Nachfolgers weiterleben. Mit knapp 70 Gemälden und Zeichnungen de Gelders soll eine Ausstellung, die vom 20. Februar an im Kölner Wallraf-Richartz-Museum gezeigt wird, das »malende Fossil« nun aus »seiner bisherigen Verkennung« holen*.

In de Gelders Werken ist das Vorbild Rembrandt allgegenwärtig, auch wenn es an Figurenpsychologie wie an souveräner Körper- und Raumdarstellung unerreicht bleibt. An koloristischem Spiel und Oberflächenreizen wird es hingegen manchmal übertroffen. Mit dem Spachtel schabend, mit dem Pinselstiel kratzend oder mit den Fingern Streifen durch die Farbe ziehend, kann de Gelder wahre Wunderwirkungen erreichen. Themen bezieht er aus Bibel, Mythologie und Porträtaufträgen von Bürgern in seiner Heimatkommune Dordrecht.

In der idyllischen Hafenstadt nahe Rotterdam (aus der jetzt auch die De-Gelder-Ausstellung nach Köln kommt) waren viele Maler zu Hause. Doch die meisten hielt es nicht dort - weder Houbraken zum Beispiel noch Samuel van Hoogstraten, der ein Schüler Rembrandts gewesen war und der dessen Einfluß schon mal an den halb-

* Bis 9. Mai. Katalog 280 Seiten; 54 Mark.

wüchsigen Arent de Gelder weitervermittelt haben muß.

Nur de Gelder kehrte, nachdem er dann selber zwei Jahre beim Großmeister in Amsterdam geschult worden war, nach Dordrecht zurück und blieb da bis an sein Lebensende: in angeblich heiterer Ehelosigkeit, gutmütig, wenn er wegen seines Silberblicks verspottet wurde, und dank ererbtem Vermögen vom Bilderabsatz unabhängig.

Um so besser, wenn ein Werk gelegentlich auch ferne, hohe Interessenten fand: Noch zu Lebzeiten des Künstlers erwarb Sachsenkönig August der Starke über unbekannte Mittelsleute das De-Gelder-Gemälde »Esther und Mordechai«, sein Sohn August III. kaufte später ein »Ecce Homo«.

Die Komposition geht auf eine berühmte Radierung des Lehrmeisters zurück - kein Einzelfall. Für seinen persönlichen Rembrandt-Verschnitt, den de Gelder in seinem Dordrechter »Hinter- oder Malzimmer« (so ein Nachlaß-Inventar) unbeirrt aufkochte, nutzte er neben Erinnerungen und ein paar aus Amsterdam mitgebrachten eigenen Zeichnungen ausgiebig das in hohen Auflagen kursierende druckgrafische Werk des Großkünstlers.

Dessen berühmtes »Hundertguldenblatt« hat er auch einem Porträtierten in die Hand gegeben. Mag sein, daß es sich dabei um den örtlichen Sammler und Händler Jacob Moelaert handelt, der drei Alben aus seinem Besitz an de Gelder vermachte, darunter »ein Buch mit Zeichnungen von Rembrandt«. Zu spät: Der Beschenkte starb schon drei Wochen später, immerhin 81 Jahre alt und, so ein Biograph, mit einem »Gläschen Branntwein in der Hand«.

Ein schönes Ende scheint de Gelder sich bereits 1685 auf seinem einzigen bekannten Selbstporträt herbeiphantasiert zu haben. Er sitzt da breit grinsend im Atelier und malt eine alte Frau mit einer Frucht in der Hand. Wenn die Kenner-Deutungen zutreffen, ist er in die Rolle des legendären antiken Malers Zeuxis geschlüpft, der einst die schöne Helena porträtiert hat, sich aber schließlich angesichts einer runzligen Greisin buchstäblich totlacht: Klassische Schönheitsideale sind vergänglich, im Leben wie in der Kunst.

Gibt Zauberlehrling de Gelder damit zugleich einen Hinweis zur Entschlüsselung eines rätselhaften Rembrandt-Selbstporträts? Das Motiv des lachenden Malers auf dem stark nachgedunkelten, wohl auch leicht beschnittenen Gemälde im Wallraf-Richartz-Museum wäre dann ebenfalls als Zeuxis vor der Staffelei zu erklären.

»Im bewußten Dialog mit Rembrandt«, so jedenfalls interpretiert der Kölner Ausstellungsmacher Ekkehard Mai, habe de Gelder »den eigenen Standort reflektiert« und als Erbe »Anspruch auf den Platz des Älteren erhoben«. JÜRGEN HOHMEYER

* Bis 9. Mai. Katalog 280 Seiten; 54 Mark.

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