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FILMGESCHICHTE Der Mann, den keiner kennt

Ein jetzt erscheinender Prachtband zu Hollywoods klassischer Komödie »Manche mögen's heiß« ist auch eine Hommage an ihren Regisseur, den großen Billy Wilder. Der 95-Jährige, lange als reiner Unterhalter geschmäht, wird heute als eine der größten Legenden des Kinos gefeiert.
aus DER SPIEGEL 32/2001

Es war ein ganz normaler Abend, der junge Hollywood-Nobody wollte einfach etwas essen gehen, und er hatte, wie sollte er auch, keinen blassen Schimmer, dass dieses Dinner sein Leben verändern würde. Im Restaurant traf er einen Regisseur, den er flüchtig kannte, und der sagte zu ihm: »Wenn wir gehen, kommen wir kurz an Ihren Tisch. Ich möchte eine Minute mit Ihnen reden.«

Der Regisseur kam, erzählte ihm eine wilde Filmidee von zwei Jazzern auf der Flucht, die sich einer Damenkapelle anschließen, und sagte schließlich: »Das heißt, Sie müssten drei Viertel des Films in Frauenkleidern spielen. Wollen Sie die Rolle?«

»Mein erster Gedanke war«, erinnerte sich der Darsteller, »großer Gott, wir in Frauenkleidern und so, aber es ist ja für Billy Wilder, da wird es nichts Geschmackloses werden, der Mann ist ein verdammtes Genie.« Jack Lemmon sagte Ja, der Film machte ihn zum Star, und er behielt Recht: Billy Wilder war und ist ein verdammtes Genie.

Als gelte es noch, Zweifel daran auszuräumen, so trumpft ein in der kommenden Woche erscheinender Prachtband zu »Manche mögen''s heiß« auf, in dem sich (in drei Sprachen) nachlesen lässt, wie brillant schon das Drehbuch war, das Wilder zusammen mit seinem langjährigen, treuen Co-Autor I.A.L. Diamond verfasste. Da-

zu versammelt das Buch Hunderte, teils nie zuvor veröffentlichte Standfotos und Schnappschüsse, Interviews, Werbeplakate, Filmkritiken und andere Memorabilien*. Wer will, kann das eingelegte Faksimile-Exemplar von Marilyn Monroes voll gekritzeltem Drehbuch durchblättern - »Trust it, enjoy it, be brave« (Trau der Sache, hab Spaß, sei tapfer), fordert sie sich an einer Stelle auf -, oder er kann sich die gelungensten Seiten mit einer koboldhaft kessen Billy-Wilder-Karikatur mar- kieren, die als Lesezeichen beigeheftet ist.

Ein Vorabexemplar des bibliophilen Achtpfünders liegt auch in einem Regal in Wilders Apartment in Beverly Hills. Mit typischem Understatement erklärt der greise, gebrechliche Filmemacher, der vor wenigen Wochen seinen 95. Geburtstag feierte, »Manche mögen''s heiß« sei vielleicht sein bester Film, »weil er am wenigsten Fehler hat«, und er hofft, dass das Buch »auch ein paar Leute kaufen« (siehe SPIEGEL-Gespräch Seite 166).

Der Rest der Welt findet auch in seinen anderen Meisterwerken, angefangen von »Frau ohne Gewissen« (1944) über »Eine auswärtige Affäre« (1948), »Boulevard der Dämmerung« (1950), »Reporter des Satans« (1951), »Sabrina« (1954), »Zeugin der Anklage« (1957) bis zu »Das Appartement« (1960), nicht allzu viele Fehler.

Das Ideal des klassischen Hollywood-Kinos, einen Erzählstil von Eleganz, Leichtigkeit und einer nahtlosen, geradezu unsichtbaren Einfachheit zu schaffen, hat Billy Wilder häufiger erreicht als jeder andere Regisseur seiner Zeit - auch als sein großes Vorbild Ernst Lubitsch. (Bis vor wenigen Jahren hing in Wilders Büro das große Mahnschild »How would Lubitsch do it?«, jetzt hängt es im Filmmuseum Berlin.) Sechs Oscars hat Wilder im Lauf einer Hollywood-Karriere gewonnen, die fast ein halbes Jahrhundert umspannte, und Bonmots geschaffen, die noch heute auf den Lippen prickeln. Wer erinnert sich nicht an den letzten Satz in »Manche mögen''s heiß« (und Jack Lemmons fassungslosen Gesichtsausdruck dazu): »Nobody''s perfect«?

Seit Anfang der achtziger Jahre ist Wilder im (unfreiwilligen) Ruhestand; damals waren die letzten Filme, die er gedreht hatte, von Kritik und Zuschauern halbherzig aufgenommen worden, und Wilder fiel dem unbarmherzigen Darwinismus Hollywoods zum Opfer. Der Filmmonomane hat sich nie damit abgefunden, dass er nicht wieder drehen würde; unverdrossen hat er Drehbücher gelesen und neue Projekte verfolgt, darunter die Verfilmung von »Schindlers Liste«, über die er mit Steven Spielberg verhandelte (es gab Pläne, dass Wilder den Film für Spielberg produzieren sollte, und umgekehrt).

In Wilders Liste der Kotzbrocken und Opportunisten, die sich - wie etwa Kirk Douglas in »Reporter des Satans«, Jack Lemmon in »Das Appartement« und William Holden in »Stalag 17« - schließlich als heimliche Helden entpuppen, hätte der Hasardeur Oskar Schindler fabelhaft gepasst. Und es wäre für Wilder, den Sohn galizischer Juden, der seine Mutter, seine Großmutter und seinen Stiefvater in Auschwitz verlor, auch die Gelegenheit gewesen, ein Stück seiner eigenen Geschichte zu erzählen.

Ganz ähnlich wie der ewige Wunderjunge Steven, dem er sich verbunden fühlt ("Ich war Steven Spielberg - vor langer Zeit"), galt Wilder während seiner aktiven Zeit vor allem als großer Unterhalter, nicht unbedingt aber als Filmkünstler. Dazu fehlte seinen Arbeiten scheinbar der persönliche Touch. Er bewegte sich souverän in verschiedensten Genres, verachtete diejenigen, die auf die Zuschauer herabschauten, ebenso wie diejenigen, die nach Effekten haschten, und arbeitete loyal innerhalb der Grenzen des Hollywood-Systems.

Aber auch Wilder selbst hat - vielleicht, weil er zu eitel ist, um unbescheiden wirken zu wollen - diesen Entertainerruf befördert. In seinen zehn Geboten des Filmemachens heißen die ersten neun: »Du sollst nicht langweilen.«

Die alten Vorwürfe des Zynismus und der Kälte, die ihm amerikanische Kritiker einst machten, weil er - bei aller Amerikabegeisterung - in seinen Filmen die Prüderie und Rücksichtslosigkeit der USA zeigte, sind längst vergessen.

Inzwischen haben ihn die Filmhistoriker in ihre Ehrenhallen aufgenommen; die Hommagen an sein Lebenswerk häufen sich, und während er einst mit seinem gefürchtet scharfen Witz hämte, Auszeichnungen seien wie Hämorrhoiden - »Früher oder später kriegt sie jedes Arschloch« -, freut er sich heute altersmilde über die Verehrung, die ihm entgegengebracht wird. Nachdem er im Frühjahr gerade noch ein-

mal dem Tod von der Schippe geklettert ist, wird er jetzt von seiner Ehefrau Audrey, mit der er seit 52 Jahren verheiratet ist, und von Pflegern in der reich mit Kunstwerken und Erinnerungsstücken angefüllten Wohnung betreut.

Seine Lebensgeschichte hat Wilder stets als Story begriffen, an der er - um des perfekten Erzählflusses willen - immer weiter gefeilt hat. Mehr als einen gutwilligen Biografen hat er durch seinen kreativen Umgang mit den Tatsachen an den Rand der Verzweiflung gebracht. Dabei hätten sie eigentlich nicht erwarten dürfen, dass ein Kontrollfreak wie Wilder, der seine Filme stets (mit Kompagnons) selbst schrieb und nicht zuließ, dass die Darsteller auch nur ein Komma verschluckten, ausgerechnet sein Leben, die größte Geschichte von allen, einem fremden Autor überlassen würde. Die Maskerade, Tarnung und Täuschung, die in so vielen seiner Filme auftaucht, setzte Wilder im Leben fort. Er blieb der Mann, den keiner kennt

Zuletzt hat der amerikanische Filmemacher Cameron Crowe ("Jerry Maguire") mit einigem Erfolg den Anlauf unternommen, Wilder mehr als die verwitterten Anekdoten und Aperçus zu entlocken, hinter denen er sich jahrzehntelang verschanzt hat. Als sich die Zusammenarbeit an ihrem Interviewbuch nach ungezählten Terminen dem Ende zuneigte, fragte Wilder: »Haben Sie ein Ende für das Ding?"* Bevor Crowe antworten konnte, fuhr er fort: »Das perfekte Ende wäre, wenn ich sterben würde.«

Crowe war erst vor den Kopf geschlagen und begriff dann: »Dies ist die Stimme eines erfahrenen und gefeierten Geschichtenerzählers, eines Fans von Logik und Kürze, der sich um den Schluss unseres Projekts Sorgen macht. Auf eine sehr sachliche Art hat Billy Wilder gerade seinen eigenen Tod als Lösung für ein Story-Problem vorgeschlagen.«

Crowe musste ohne dieses perfekte Ende auskommen. Das Buch Wilder ist noch nicht zu Ende geschrieben.

SUSANNE WEINGARTEN

Billy Wilder

blickt auf eine Filmemacherkarriere zurück, die vor mehr als 70 Jahren in Berlin begann: Dort kam der am 22. Juni 1906 bei Krakau geborene und in Wien aufgewachsene Jung-Reporter von 1929 an zu ersten Erfolgen als Drehbuchschreiber. 1933 floh er vor den Nazis aus Deutschland, kam über Frankreich nach Hollywood und fasste dort nach ein paar Hungerjahren anfangs als Autor, dann auch als Regisseur Fuß: Den ersten Oscar gewann er 1945, und bis zu seiner letzten Regiearbeit im Jahr 1981 gelang ihm eine Laufbahn mit wenigen Flops und vielen unvergesslichen Erfolgen.

* »Billy Wilder''s Some Like It Hot«. Herausgegeben von AlisonCastle, mit Interviews von Dan Auiler. Taschen Verlag, Köln; 384Seiten; 300 Mark.* Cameron Crowe: »Hat es Spaß gemacht, Mr. Wilder?« Aus demAmerikanischen von Rolf Thissen. Diana Verlag, München; 400 Seiten;78 Mark.

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