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SCHAUSPIELER Der Mann fürs erste Mal

Mit »Nichts bereuen« gelang ihm der Durchbruch: Daniel Brühl gilt als talentierter Jungstar des deutschen Films - nun spielt er in »Das weiße Rauschen« einen Schizophrenen.
aus DER SPIEGEL 5/2002

Die Tür geht auf, Lukas tritt ein und ist verzückt wie ein Kind bei der Bescherung. Ein Lächeln, so maßlos wie seine Freude, lässt sein Gesicht erstrahlen, und die Augen wissen nicht, wohin sie blicken sollen vor lauter Glück. Doch sie sehen bloß einen kärglichen Raum in einer heruntergekommenen WG: das neue Zuhause. Lukas ist ein erwachsener Mann, der gerade erst das Licht der Welt erblickt zu haben scheint.

Tage später steht er mit einer Freundin an der Kinokasse. Doch der Film, den er sehen will, läuft an diesem Tage nicht. Lukas reagiert wie ein Kind, das sein Spielzeug nicht bekommt. In den Trotz mischt sich immer mehr Aggressivität, und auf einmal schlägt Lukas blindwütig zu. In wenigen Momenten ist aus ihm ein anderer Mensch geworden.

Der 23-jährige Schauspieler Daniel Brühl, der Ende vergangenen Jahres schon in »Nichts bereuen« großen Eindruck machte, gibt der Schizophrenie in Hans Weingartners Film »Das weiße Rauschen« viele Gesichter und vereint die emotionalen Extreme der Figur. Brühl, der gerade erst den Bayerischen Filmpreis erhielt, verkörpert Lukas als einen Menschen, der kein Mittelmaß der Gefühle kennt.

Ob Freude, Angst, Verzweiflung oder Wut - Lukas empfindet immer maßlos und wirkt dabei überaus schutzlos, weil er nicht anders kann, als seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Brühl gelingt das faszinierende Porträt eines Menschen, der nichts zurückhalten kann, der außer Stande ist, sich zu verstellen und eine Maske aufzusetzen. Sein Gesicht ist so offen, dass der Zuschauer manchmal fürchtet, es mit Blicken zu verletzen.

»Schizophrenie ist eine derart komplizierte Krankheit, dass es vermessen wäre zu glauben, man könnte sich als Darsteller in einen Menschen, der an ihr leidet, ganz und gar hineinversetzen«, sagt Brühl, der mit großer Ernsthaftigkeit über seine Arbeit spricht. Auch nach ausgiebigen Recherchen habe er lange gebraucht, um Gesten für seine Figur zu finden.

Bei den Dreharbeiten spielte er auch dann weiter, wenn die Kamera nicht mehr lief. Er übernachtete am Drehort und vermied jeden Schritt in sein normales Leben. »Ich habe mich von der Familie und meinen Freunden total abgekapselt, bin wochenlang nicht ans Telefon gegangen. Ich wollte das Gefühl der völligen Isolation, das Lukas manchmal auch unter jenen Menschen empfindet, die er liebt, selber spüren. Ich musste meinen eigenen Wahnsinn finden.«

Brühls Karriere begann im Kindesalter hinter dem Mikrofon: »Nachdem ich einen Vorlesewettbewerb gewonnen hatte, fragte mich mein Onkel, ein Regisseur beim Rundfunk, ob ich nicht Lust hätte, ein Hörspiel zu sprechen. Ich war damals acht.« Bald darauf fing Brühl an, Filme zu synchronisieren. Vor einigen Jahren sprach er den jungen Jackie Chan. »Da die Asiaten extrem und für unsere Verhältnisse oft übertrieben spielen, ist es schwer, für sie einen stimmlichen Ausdruck zu finden. Sprechen ist ohne jede Frage eine Vorform des Spielens.«

Heute leiht Brühl seinen Filmen auch die Erzählstimme. In »Nichts bereuen«, »Das weiße Rauschen« und der Komödie »Vaya con Dios«, die Ende März ins Kino kommen wird, kommentiert Brühl die Handlung. Die Figuren, die er spielt, reflektieren sich darin selbst - mit einer klaren, stets aufrichtig klingenden Stimme.

1994 stand Brühl in dem Fernsehfilm »Svens Geheimnis« erstmals vor der Kamera - als Autodidakt. »Ich habe mich ganz bewusst gegen eine Schauspielausbildung entschieden, nachdem ich mir einige Schulen angesehen hatte. Ich versuche immer, möglichst natürlich zu spielen. Ich wollte mir auf gar keinen Fall irgendeine Form von Theatralik aneignen. Durch die Welt zu reisen und Menschen kennen zu lernen ist die bessere Schule.«

Noch am letzten Tag der anstrengenden Dreharbeiten von Wolfgang Beckers neuem Film »Good Bye, Lenin!« tigerte Brühl Anfang Dezember letzten Jahres zwischen den Takes auf und ab wie ein Boxer vor dem Kampf. Er scheint jede Einstellung in Angriff zu nehmen, als wäre es die letzte. »Das ist meine Art, mich zu konzentrieren. Über die Bewegung finde ich zur inneren Ruhe.«

Brühl wirkt nie routiniert. So kann er Männer spielen, die ihre Unschuld noch nicht verloren haben und nun das erste Mal erleben - als Liebes- wie als Welterfahrung. Daniel, seine Figur in Benjamin Quabecks Film »Nichts bereuen«, verzehrt sich danach, mit einer Frau zu schlafen; der Mönch Arbo in Zoltan Spirandellis »Vaya con Dios« wuchs im Kloster auf und zieht nun hinaus in die weite Welt; und Lukas in »Das weiße Rauschen« wird im Alltag nicht heimisch - für ihn ist alles neu.

Auf seiner Arbeitsstelle soll er einer Schaufensterpuppe mit einer Stichsäge den Kopf abtrennen. Der Darsteller spielt diesen Moment so, als würde Lukas glauben, eine Frau aus Fleisch und Blut in seinen Händen zu halten. Die ist in Brühls Filmen stets das unbekannte Wesen. Eine Berührung von ihr kann alles verändern. Als Arbo in »Vaya con Dios« von der Frau umarmt wird, in die er sich verliebt hat, schließt er die Lider. Als er sie wieder öffnet, lässt uns Brühl spüren, dass der Held die Welt danach mit anderen Augen sieht.

Wie »Vaya con Dios« lässt auch »Nichts bereuen« Brühl in nahezu jeder Szene in einen Zwiespalt der Gefühle geraten. Daniel will mit der Frau seines Herzens schlafen und flüchtet vor ihr; er will eine andere verführen und bringt es nicht übers Herz. »Ich bin selbst ein emotionaler Drifter und oft hin- und hergerissen. Das Gefühl, zu lange überlegt zu haben und sich am Ende doch für das Falsche entschieden zu haben, kenne ich nur zu gut. Beim Essen gucke ich immer auf die Teller der anderen und denke: Warum habe ich bloß nicht das bestellt?«

So erkannte Brühl die Arbeit an »Nichts bereuen« auch als Chance, seine Jugend ein zweites Mal zu durchleben. »Ich konnte all die Sachen machen, von denen ich früher geträumt hatte, die ich mich aber nie getraut hätte. Wie oft lag ich im Bett und habe mir ausgemalt, wie ich einer Frau imponieren könnte! Doch dann fehlte mir meist der Mumm, es auch zu tun. Das ist das Schöne an unserem Beruf: Man kann das nicht gelebte Leben nachholen und die verpassten Chancen Jahre später endlich nutzen.«

In »Nichts bereuen« tritt Brühl einige Male aus seiner Rolle heraus und spricht direkt in die Kamera. Zu Beginn des Films muss er sich mitten aus einer Liebesszene ans Publikum wenden. »Das war sehr schwierig. Über die Jahre habe ich mir angewöhnt, die Gegenwart der Kamera nach Möglichkeit zu vergessen. Das geht natürlich nicht, wenn man sie anspielen muss. Und sie ist ein undankbarer Ansprechpartner: Sie antwortet nämlich nie.«

In »Das weiße Rauschen« bewegt sich die Digitalkamera von Anfang bis Ende wie ein Tanzpartner, der sich von den Schauspielern führen lässt. Weil sie allgegenwärtig und dennoch kaum zu spüren war, gelang es Brühl, auch jene Szenen, in denen die Gefühle der Figur plötzlich von einem Extrem ins andere umschlagen, oft in einer Einstellung zu spielen. Er konnte sich in die Emotionen, wie er sagt, »hineingrooven«.

Weil sich Brühl in die Rolle fallen lässt, hat man nur selten das Gefühl, einem Schauspieler bei der Arbeit zuzusehen. Selbst für Stars wie Dustin Hoffman und Robert De Niro war die Versuchung groß, ihre Brillanz zu beweisen, indem sie kranke oder behinderte Figuren verkörperten. Brühls Spiel ist fiebrig, hochtourig und einige Male schwer zu ertragen, aber er ist nicht in Gefahr, durch seine Darstellung von der Figur abzulenken.

»Über meinen Regisseur lernte ich einen Mann kennen, der an Schizophrenie leidet«, berichtet er. »Er konnte mir die Krankheit sehr anschaulich beschreiben und erklären. Eines Tages kam er zu den Dreharbeiten, und wir spielten zusammen eine Szene. Dabei habe ich mich ganz mies gefühlt. Ich dachte die ganze Zeit: Hier ist jemand, der ist echt, und ich spiele es nur. Da wurde mir klar: Ich muss meine eigene Figur erfinden.« Das ist gewiss Brühls größte Leistung: Seine Darstellung wirkt nie nachgemacht. LARS-OLAV BEIER

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