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LITERATUR Der Mann und das Märchen

aus DER SPIEGEL 50/1998

Er hat ihn unbedingt haben wollen, den Nobelpreis für Literatur, nur konnte er sich nie vorstellen, wie es sein würde, wenn die große Nachricht käme. Jedes Jahr, am Tag der Bekanntgabe, zog er vor lauter Aufregung das Telefonkabel heraus. In diesem Jahr hat er nicht damit gerechnet, den Preis zu bekommen, das Kabel blieb eingesteckt - José Saramago war auf Reisen. Von einer Stewardess am Frankfurter Flughafen erfuhr der Portugiese, daß er der Erwählte ist. Daraufhin ging er allein einen langen Flur entlang und genoß verwundert ein seltsam stilles Hochgefühl.

Jetzt, nur acht Wochen nach dem Freudentag, ist Saramagos neues Buch erschienen, eine kleine Parabel über einen Mann, der unbedingt ein Schiff haben will und den König zwingt, ihm eins zu geben. Begründung: Er will eine unbekannte Insel finden. Der König verspottet den Mann und sagt, das Schiff könne er haben, aber auf eine unbekannte Insel werde er nicht stoßen, die seien schon alle entdeckt. Egal, der Mann zieht los; am Ende gibt es eine unbekannte Insel. Aber sie ist anders als erwartet - und der Mann wundert sich über sein seltsam stilles Hochgefühl.

Die Parabel, eine notorisch altkluge Erzählform, ist Saramagos Spezialität. Er entführt seine Leser in einen zeitlosen, unbestimmbaren Raum, in dem die Leute keinen Namen haben, sondern Funktionen - der König, die Putzfrau. Sie belehren sich gegenseitig: »Gefallen an etwas zu haben ist wahrscheinlich die beste Art, etwas zu besitzen, Besitzen aber wohl die schlechteste Art, an etwas Gefallen zu finden.« Saramago orientiert sich unverblümt an Kafka - ein wenig Türhütermotiv, ein wenig Bürokratiekritik; aber seiner märchenhaften Erzählung fehlt die Intensität kafkaesker Ausweglosigkeit. Im Gegenteil: Saramago feiert die zukunftsfrohe, aber ein bißchen wohlfeile Erkenntnis, daß jeder Aufbruch zu einem Ziel führt, das sich lohnt - wenn auch oft auf unvermutete Weise.

José Saramago: »Die Geschichte von der unbekannten Insel«. Deutsch von Ray-Güde Mertin. Rowohlt Verlag, Reinbek; 64 Seiten; 22 Mark.

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