Zur Ausgabe
Artikel 40 / 68
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FERNSEHEN / FERNSEH-SPIEGEL Der Neunzigprozenter / Von Telemann

aus DER SPIEGEL 1/1960

Wenn leitende Persönlichkeiten des Deutschen Fernsehens gefragt werden, warum sie dieses oder jenes zu senden für sinnvoll halten, dann wissen sie ihre Beweggründe so spritzig zu formulieren, daß es eine helle Freude ist, ihnen zuzuhören. »Ich will ganz offen sprechen - aber es muß natürlich unter uns bleiben«, beginnen sie. Und wenn sie aufgehört haben, fühlt sich der Fragesteller als Ehrenmitglied einer Verschwörung gegen schlechten Geschmack.

Manchmal freilich, wenn es darum geht, einen Kongreß oder eine Funkausstellung zu eröffnen, müssen sie solcher Vertraulichkeit entraten. Dann lassen sie ein weitgereistes Lächeln um ihre Lippen spielen (weil sie ja schon in England oder gar in Amerika waren) und äußern in aller Öffentlichkeit, daß die deutschen Zuschauer noch manches zu lernen hätten. Vor allem mußten sie lernen, die richtige Auswahl zu treffen. »Es ist nicht jede Sendung für jeden bestimmt«, erklären sie und fügen den vielbelachten Scherz hinzu, daß das Wichtigste an einem Fernsehempfänger der Knopf zum Abschalten sei.

Nachdem Telemann dieses Direktoren -Argument zu wiederholten Malen vernommen hatte, stellte er folgende Überlegung an: Lustiges für die Lustigen, Trauriges für die Traurigen und Lehrreiches für die Lernbegierigen. Soweit leuchtet es ein. An wen aber wenden sich Darbietungen, die weder lustig noch traurig noch lehrreich sind? Wer sollte - beispielsweise - vom Sender Hamburg erfahren wollen, wie man sich eine Wohnung einrichtet, wer über Südwestfunk-Weihnachtsmänner lachen, wer bei Otto Höpfner 2 x klingeln? - Und auf welchen sonderbaren Schwärmer hat das Münchner Fortsetzungs -Musical »Es gibt immer drei Möglichkeiten« abgezielt? Es muß doch wenigstens einen geben, der all den Aufwand rechtfertigt, überlegte Telemann. Und weil er wußte, daß zwischen Weihnachten und Neujahr, in der Zeit der »Rauhnächte«, die absonderlichsten Dinge geschehen können, machte, er sich auf die Suche - und fand ihn, den Einen.

Da saß er unbeweglich im Fernsehsessel und starrte ins Zentrum einer 53er Röhre, auf der soeben ein geometrisches Testbild flimmerte.

Während Telemann höflich die Tageszeit bot und sein Eindringen entschuldigte, vergewisserte er sich, ob ihn auch kein Trugbild narrte - was ihm leichtfiel, weil er tags zuvor in der britischen Mediziner-Zeitschrift »The Lancet« gelesen hatte, woran ein Gewohnheits -Fernseher erkennbar ist. Doch bei dem Mann im Sessel stimmte alles: Da waren die Versteifungen im Bereich der oberen Wirbelsäule (Fernsehhals), da war dieses nervöse Zucken, das durch das Flackern des Bildschirms hervorgerufen wird (Fernsehzucken), und da drückten sich deutlich jene Schmerzen unter dem Brustbein aus, die von stundenlangem Sitzen in verkrampfter Haltung herrühren (Fernsehblähungen). Als nun der Identitätsbeweis solchermaßen erbracht war, entspann sich folgendes Gespräch:

TELEMANN: Sie sind also der Mann, der sich nur das ansieht, was andere nicht sehen wollen?

DER EINE: Ich sehe mir alles an. Man weiß ja niemals, was kommt. Am 27. Dezember zum Beispiel dachte ich: »Fledermaus« von Johann Strauß - das gefällt jedem, also kannst du unbesorgt ins Kino gehen. Da las ich noch rechtzeitig: »Neufassung der Dialoge und Regie: Kurt Wilhelm«.

TELEMANN: Gehören Sie irgendeiner bußeifrigen Sekte an, oder warum tun Sie das?

DER EINE (zuckt nervös): Jemand muß es doch tun. Bedenken Sie, was so eine Sendung kostet!

TELEMANN: Und was machen Sie in der programmfreien Zeit?

DER EINE: Ich schreibe den Sendern Briefe.

TELEMANN: Protestbriefe?

DER EINE: Im Gegenteil. Ich stärke ihnen den Rücken. Ich bin die 90 Prozent Zustimmung, die den Kritikern im Bedarfsfall entgegengehalten werden.

TELEMANN: Wenn ich Sie recht verstehe, erfüllen Sie eine Mission?

DER EINE: Ja. Schauen Sie, es ist doch so: Wenn ein Bunter Abend wirklich bunt, ein Komiker komisch oder ein Quiz unterhaltend war, dann brauehen die Anstaltsleiter keine Bestätigung, weil sie's jeder Reinmachefrau im Studio vom Gesicht ablesen können. Aber wann passiert das schon! In den meisten Fällen wird ein Programm gestaltet, das weder wohl noch weh tut und auf der Erfahrung gründet, daß Langeweile ein Zustand ist, der wenigstens keine heftigen Reaktionen verursacht. Und weil Fernsehdirektoren Menschen sind, die der Selbstachtung und folglich auch der Anerkennung bedürfen, muß es ein Echo geben, das auch dann aus dem Walde heraustönt, wenn gar nichts hineingerufen wurde. Und dieses Echo bin ich.

TELEMANN: Glauben Sie nicht, daß auf diese Weise das Geschmacksniveau ...

DER EINE: Nach wessen Geschmack soll sich ein Fernsehchef richten? Nach dem eigenen? Dann trägt er die Verantwortung. Nach dem seiner Programmbeiräte? Die haben höchstens Anschauungen. Oder gar nach dem sogenannten Publikumsgeschmack? - Lieber Freund, es gibt nur einen Geschmack, nach dem sich die Herren gefahrlos richten können, und das ist meiner. Denn ich liebe das Fernsehen nicht wegen seiner Programme (zuckt nervös) - ich liebe es um des Fernsehens willen.

Als das Zwiegespräch bis dahin gediehen war, begann die Sendung »Für die Frau« ("Wie flechte ich mir ein Bastkörbchen?"), und Telemann wollte nicht länger stören. Doch bevor er ging, wünschte er seinem Gesprächspartner ein glückhaftes neues Fernsehjahr und empfahl ihm, was auch »The Lancet« empfiehlt: keine engen Kleider zu tragen und mindestens einmal je Stunde im Zimmer auf und ab zu schreiten.

telemann
Zur Ausgabe
Artikel 40 / 68
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.