Zur Ausgabe
Artikel 54 / 66
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Soziologische Satire Der Punk der Millennials

Sophie Passmann schreibt Sätze, bei denen man den Like-Button sucht. In ihrem neuen Buch seziert die feministische Satirikerin den Alltag ihres Milieus – ungeheuer witzig.
aus DER SPIEGEL 9/2021
Autorin Passmann: »Entsetzlich deutsche Vorstadtkinder«

Autorin Passmann: »Entsetzlich deutsche Vorstadtkinder«

Foto: Marcus Simaitis / DER SPIEGEL

Was unterscheidet viele junge weiße Mittelschichtsfrauen von alten weißen Männern? Dass sie ihre Privilegien reflektieren.

Vielleicht ist diese Fähigkeit sogar das größte Privileg, das man ihnen in ihrer Jugend in westdeutschen Einfamilienhäusern mit auf den Weg gegeben hat. Das größte Privileg und der größte Ballast, denn einmal losgelegt, lässt sich das Reflektieren so schlecht abstellen.

»Alte weiße Männer« hieß der Bestseller, mit dem Sophie Passmann 2019 bekannt wurde. In ihrem neuen Sachbuch schreibt sie über ihre Generation und ihr Milieu. »Komplett Gänsehaut« ersetzt einen Regalmeter soziologische Gegenwartsliteratur. Sophie Passmann, so könnte man sagen, ist Andreas Reckwitz in lustig.

Der Soziologe Reckwitz hat vor einiger Zeit eine neue Mittelklasse ausfindig gemacht: ebenso kreative wie kosmopolitische Akademiker, die nach der Aura des Besonderen gieren. Sie leben ihr Leben nicht, sie führen es auf – und dominieren die Diskurse in dieser »Gesellschaft der Singularitäten«, wie Reckwitz sie nennt.

Die feministische Satirikerin Passmann schreibt nun über die »entsetzlich deutschen Vorstadtkinder mit ihren Tupperdosen voller Gurkenscheiben«, die plötzlich 27 werden, so wie sie, und merken, dass die Zeit vorbei ist, in der sie »selbst gedrehte Zigaretten als Kern des eigenen Charakters ausgeben« konnten. Da muss mehr kommen. Die erste Wohnung in einem Hipsterviertel zum Beispiel, und diese Wohnung einrichten, das heißt in ihrem Milieu eben auch: sich das Leben einrichten, das Szenenbild für den Film, in dem man gern mitspielen würde.

Aus: DER SPIEGEL 9/2021

Im Corona-Burn-out

Ein Jahr nachdem die Pandemie in Deutschland an­gekommen ist, ist es Zeit für eine Bilanz: Welche Schäden hat der Kampf gegen Covid-19 hinterlassen, in Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur – und der Seele jedes Einzelnen? Und was bedeutet das für unsere Zukunft?

Lesen Sie unsere Titelgeschichte, weitere Hintergründe und Analysen im digitalen SPIEGEL.

Zur Ausgabe

Jeder Gegenstand ist kuratiert: das USM-Haller-Regal auf dem Stäbchenparkett, die Art-déco-Kommode vor den Altbauwänden, der Freischwingerstuhl am leeren Schreibtisch. Alle Möbelstücke sind ernst gemeint, weil diese Menschen nun mal alles ernst meinen. Selbst die Freunde sind wie die Einrichtungsgegenstände: sorgfältig ausgewählt. »Uns alle verbindet, dass wir fast mit einer Muslima befreundet sind.«

Pathos und Scham in Sneakern

Passmann ist lustig, und doch meint sie es ernst, sie hat Spaß daran, die Widersprüche eines Milieus aufzuzeigen, das Widersprüche nicht ausstehen kann. Es ist ein Milieu, das hinter jede Aussage einen dicken Punkt setzt. Passmann setzt oft seitenlang keinen. Sie schreibt eine Suada, atemlos, bestehend aus Sätzen, bei denen man den Like-Button sucht.

»Pathos und Scham. Wenn man diesen beiden Gefühlen Sneaker anzieht, hat man jede Jugend.« Like.

»Unsere Großeltern haben Enkel, die in den Großstädten über die Stolpersteine vor ihren Wohnhäusern in den Hausflur laufen, und das Einzige, worüber sie sich ärgern, sind die Mieten.« Like.

»Komplett Gänsehaut« ist eines dieser Bücher, mit denen man anderen Menschen auf die Nerven geht, weil man sie nicht lesen, sondern vorlesen will, nur diesen Satz noch! Es ist eines dieser Bücher, die man als Journalist am liebsten gar nicht besprechen würde, nur zitieren.

Sogar die Pizza wird reflektiert

»Das ganze verdammte Leben lang spricht man von den tollen Kindergeburtstagen, an denen der eigene Vater für alle Freunde gegrillt hat, dabei denkt man in Wahrheit ja immer nur an den einen, an dem er nicht da war, weil er länger arbeiten musste.« Es geht immer um das, was fehlt, auch wenn fast nichts fehlt in diesem Milieu. In den Stadtteilen, in denen es lebt, gibt es keine Pizza Margherita, denn auch die Pizza wird dort reflektiert. Sie kommt mit steirischem Bergkäse und karamellisierten Walnüssen.

Erwachsenwerden war schon immer anstrengend, aber gut möglich, dass es noch nie so anstrengend war wie heute. Was natürlich daran liegt, dass viele das Jungsein schon auf eine so anstrengend erwachsene Art zelebrieren, so durch und durch moralisch, so vernünftig.

Passmann und ihre Millennialfreunde sind obsessiv nachdenklich, sie sitzen in ihrer Küche rum »wie das Pressefoto eines Debattierclubs«, und wenn jemand eine Pointe raushaut oder gar eine These, fragt sicher irgendwer nach Belegen, »als wäre das keine Freundschaft, sondern ein Proseminar«.

Buch für den Teakholz-Couchtisch

So wie eine Psychoanalyse einen nicht unbedingt glücklicher macht, aber klüger, so macht einen das permanente Reflektieren nicht unbedingt zu einem besseren Menschen, aber zu einem selbstgerechteren. Passmann und ihre Freunde reden so, wie das Internet es gerne hat. Wobei, das Internet: Das sind ja sie selbst. »Mein ganzes Leben mit meinen Freunden ist eine einzige Angst vor dem Moment, in dem man einen Witz macht und jemand sagt, das finde ich aber nicht mehr lustig.«

Im Privaten einmal nicht zu 100 Prozent politisch korrekt sein: Das ist der Punk der Millennials.

Man muss nicht Andreas Reckwitz heißen, um zu prognostizieren, dass dieses Buch in Berlin-Kreuzberg und in Hamburgs Schanzenviertel bald auf vielen Teakholz-Couchtischen liegen wird.

Zur Ausgabe
Artikel 54 / 66
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel