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Der Rubikon ist überschritten

Die bislang gesellschaftskritischen Jugendmagazine des Deutschen Fernsehens werden unter dem Druck leitender Redakteure immer zahmer. Nachdem in mehreren Sendern Mitarbeiter entlassen und Sendungen abgesetzt worden sind, hat jetzt der Bayerische Rundfunk sein Nachmittags-Magazin »Bildstörung« eingestellt.
aus DER SPIEGEL 31/1971

Nachmittags. wenn vorwiegend Jugendliche vor dem Bildschirm sitzen, ist das deutsche Fernsehen bisweilen das fortschrittlichste der Welt.

In den Jugendmagazinen, unter Titeln wie »p«, »Jour fix«, »In«, »Beat Club«, »Tele-Skop«, »Zoom« und »Baff«, betrieben in den letzten Jahren Jung-Regisseure und Nachwuchs-Autoren aggressive Gesellschaftskritik. Mit Rockmusik und elektronischen Tricks entwickelten sie Alternativ-Programme zu den reaktionären Familienserien und zur betulichen Feierabend-Unterhaltung.

»Wir müssen versuchen«, so hatte der Münchner Fernsehdirektor Clemens Münster einst das Nachmittags-Kontrastprogramm sanktioniert, »die rebellischen jungen Leute zu guten Partnern zu machen, ohne daß sie ihren rebellischen Geist verlieren.« Und meist gelang der Versuch beispielsweise im Bayerischen Rundfunk. wo das Magazin »Bildstörung« seit April 1970 von Gymnasiasten zwischen 18 und 20 jahren in eigener Regie fabriziert worden ist.

In vier Sendungen hatten die Schüler ("Wir sind utopische Sozialisten"> Münchner Bürger über Sexualität befragt, für die antiautoritäre Erziehung

* Gedenksendung für das abgesetzte SWF-Jugendmagazin »Zoom«.

geworben und gegen Mietwucher und Bodenspekulation polemisiert. In der für September vorgesehenen fünften »Bildstörung« sollte die »Produktionsweise des Fernsehens am Beispiel des Bayerischen Rundfunks« untersucht werden.

Doch nun, nachdem Franz Josef Strauß auch im Jugendfunk das »Gift der Hetze« aufgespürt und der CSUkonforme Helmut Oeller den liberalen TV-Direktor Münster abgelöst hat« dulden die Münchner Funk-Herren den rebellischen Geist ihrer jungen Partner nicht länger. Die »Bildstörung« wurde behoben.

Am 11. Juli teilte der Leiter der »Projektgruppe Familie«, Ernst Emrich, seinen »lieben Kollegen« vom Redaktionsteam mit, daß die fünfte Magazin-Ausgabe »leider nicht ins Programm aufgenommen« wird -- und zwar »ausschließlich wegen der mangelhaften journalistischen Qualität«.

Diese Begründung leuchtet den fünf Jung-Autoren nicht ein« da sie niemals formal vollendete Beiträge« sondern nur »Teilnahme am Kommunikationsprozeß« beabsichtigt hätten. Emrichs Erlaß ("Damit entfällt leider die Möglichkeit, noch eine weitere Folge der Bildstörung« zu produzieren") erscheint ihnen als »klarer Fall von Zensur«.

Wie auch immer: Daß progressiver Jugend-Stil in Oellers Anstalt unerwünscht ist, hatte sich schon früher gezeigt. Als der Südwestfunk im Februar dieses Jahres mit dem Magazin »Zoom« segen blinde Autoritätsgläubigkeit und den Vietnam-Krieg agitieren wollte, erzwang der »in Sachen Zensur nimmermüde Bayerische Rundfunk« (Pressedienst »Kirche und Fernsehen") zunächst eine Verschiebung der Sendung und schaltete sich schließlich aus dem ARD-Programm aus.

Auch in anderen Sendern, die bislang als liberal galten, haben es die Jugendredaktionen freilich zunehmend schwerer, kritische Beiträge von Nachwuchsautoren ins Programm zu bringen:

* Beim Südwestfunk wurde der Redakteur Wolfgang Drescher, Autor des umstrittenen Magazins »Zoom«, entlassen. Fernsehdirektor Hans Joachim Lange: »Mit dieser Sendung haben Sie den Rubikon überschritten; jetzt müssen Sie gehen.«

* Beim WDR durfte ein 60-Minuten-Film, in dem Lehrlinge über die sogenannte Rock-Oper »Profitgeier« des Kölner Kabaretts »Floh de Cologne« diskutieren sollten, im Juni nicht gesendet werden. Fernsehdirektor Peter Scholl-Latour: »Das ist roter Faschismus.«

* Radio Bremen bringt in seinem Jugendmagazin »In-7/71« am Freitag dieser Woche nicht den von der Redaktion vorgeschlagenen Beitrag über »Jugend und Sexualität«, sondern politisch harmlose Features über »Lebenshilfe und heile Welt«.

»Unsere Station«, dekretierte der Bremer Intendant Hans Abich im Oktober letzten Jahres in einem internen Dienst-Papier, »darf von der Öffentlichkeit nicht mit dem Siegel »Anstalt des öffentlichen Links« belegt werden.«

Deshalb wurden linke »In«-Autoren für die Mitarbeit »gesperrt«, heikle Themenvorschläge nicht genehmigt und Sendungen abgesetzt. Vorübergehend schloß der Intendant die »In«-Redakteurin Ingrid Lorenz sogar von der »redaktionellen Verantwortung« aus.

Diese »Eingriffe in die Programmarbeit«, klagen Jugendredakteure mehrerer ARD-Sender, fördern ein »Klima der Selbstzensur«, in dem die »Produktion angemessener Sendungen immer schwieriger wird«.

Für angemessen halten sie vor allem »politische Informationen über die Lage der Schüler und Lehrlinge« (WDR-Redakteur Hans-Gerd Wiegand). Denn Programme wie »Das junge Orchester«, »Auf den Spuren seltener Tiere« oder »Luis Trenker erzählt«, die beispielsweise der »einem vorgestrigen Bildungs- und Wandervogel-Ideal verpflichtete« Bayerische Rundfunk (Fachblatt »Fernsehen und Film") sendet, wollen die jungen Zuschauer nun sicher nicht mehr sehen.

Solche problemlosen Beiträge aber machen Jugendredakteure bei ihren TV-Oberen beliebt, und deshalb wagen es nur noch wenige, kontroverse Filme anzubieten. Doch ob eine Sendung vom Programmdirektor abgelehnt wird oder vom Redakteur, ist den »Bildstörung«-Autoren »so unbedeutend wie die Frage, ob jemand Hehler oder Stehler ist«.

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