Zur Ausgabe
Artikel 58 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Der schnellste Colt im ganzen Westen«

SPIEGEL-Redakteur Karl-Heinz Krüger über den neuesten Büro-Bau des Erfolgsarchitekten Helmut Jahn *
Von Karl Heinz Krüger
aus DER SPIEGEL 24/1985

Letzte Woche schaute der Architekt Helmut Jahn mal wieder in Deutschland vorbei. Der gebürtige Franke, 45 Jahre alt und seit 18 Jahren in Amerika tätig, erläuterte in Lichtbildervorträgen in mehreren Städten einem neugierigen Fachpublikum sein Verkaufsrezept. Er nennt es »romantisches High-Tech«.

In Amerika ist Jahn in den Schlagzeilen. Er ist der erfolgreichste und umstrittenste Architekt der Vereinigten Staaten, und Freund und Feind versuchen sich in Umschreibungen und Vergleichen für ihn und seinen Bauboom regelrecht zu überbieten.

Sein neuestes Werk, das State of Illinois Center, ist wie gemacht dafür; ohne Vorbild und wohl auch unwiederholbar.

Die gläserne Riesenbulette paßt in den strengen steinernen Raster von Chicago wie die Schiebermütze zum Zweireiher. Das Regierungsgebäude ist gleichzeitig öffentlicher Platz, Kauf- und Imbißhalle. Es ist eine städtebauliche Unverschämtheit und eine grandiose Raumschöpfung. Vor allem ist es umstritten.

Das Für und Wider reicht von »atemraubend« bis »obszön«; die Vergleiche lauten »Raumschiff« und »Rock-Oper«, »Zuchthaus« und »Kathedrale«; Assoziationen werden bei Michelangelo wie bei der Rock-Schlampe Madonna gesucht. Die »International Herald Tribune« bezeichnete das wagemutige Stahl-Glas-Gefüge als »eines der wildesten, verrücktesten Bauwerke diesseits von Katmandu«.

Daß die alternden Chicagoer Platzhirsche Bruce Graham und Harry Weese ihren Kollegen samt Neubau bis »nach Guatemala« wünschen, verwundert freilich nicht: Jahn schnappt ihnen die Aufträge weg, und das nicht nur in Chicago. Amerikas Baulöwen sind verrückt nach Jahn.

Der smarte Deutsche hat sich ebenso als vielseitiger Unterhaltungskünstler wie als erstklassiger Geschäftsmann entpuppt. Das »teutonische Wunderkind« (SPIEGEL 27/1982), das es in wenigen Jahren vom Zeichenknecht zum Chefdesigner und schließlich zum Alleininhaber der Traditionsfirma Murphy (mit 133 Angestellten) brachte, hat zur Zeit Bauten für rund zwei Milliarden Dollar auf den Reißbrettern.

Der Zuwanderer aus der deutschen Provinz verkauft sich und sein Werk geschickt; Sogar das Herrenmagazin »Gentlemen's Quarterly« entschloß sich, den stets wie aus dem Ei gepellten Häuserschneider, mit einem Photo von Avedon, aufs Titelblatt zu setzen. »GQ« prägte für den populären Baukünstler eigens eine neue Berufsbezeichnung: »Popitekt«.

Dem Jahn-Appeal - einer Mischung aus Glamour und Machismo - erlag auch der Chicagoer Bauunternehmer Harvey Walken: »Wenn ich in einem Film die Rolle eines Architekten zu besetzen hätte, würde ich Helmut nehmen.«

Helmut baut längst nicht mehr nur in Chicago und nicht allein in der von ihm entwickelten modernisierten Art-deco-Manier. Jahn-Bauten, überwiegend Bürohochhäuser, wachsen von New York bis Los Angeles; und wenn es die Auftragslage erfordert, verläßt nahezu täglich

ein neuer Baustil seinen Zeichenblock. »Jahn gilt als schnellster Colt im ganzen Westen«, schreibt der New Yorker Autor David Breskin. Seine Architekten halten ihn für schneller als den Computer. Einer vergleicht ihn mit Picasso. »Auch Helmut kann es in zehn Minuten.«

Jahn selbst genießt die Vielfalt wie das Tempo. Gleichförmigkeit ist ihm ein Greuel. Jahn will Abwechslung und Überraschungen und mit ihnen das »urbane Drama«.

Dabei zeigt er Mut und Chuzpe und erwartet beides auch von Konstrukteuren und Arbeitern: Macht ein neuer Knüller technische Innovationen erforderlich, müssen sie eben gefunden und durchgesetzt werden. So war es besonders beim State of Illinois Center.

Anfangs hatte das Modell dem Illinois-Gouverneur James Thompson einen »gehörigen Schock« versetzt. Doch dann folgte der Politiker Jahns Überlegungen, wurde zum leidenschaftlichen Bauherrn und machte alle Kostensteigerungen bis zum Endbetrag von 172 Millionen Dollar mit. Losung: »Ein Bauwerk für das Jahr 2000 - das erste Bürogebäude des 21. Jahrhunderts«.

Als Jahn 1979 über den Auftrag nachdachte, in der City von Chicago einen Bürokomplex für 50 Behörden mit 3000 Staatsbediensteten zu bauen, wußte er zunächst vor allem, was er nicht wollte: Er wollte keinen Monumentalbau im US-üblichen historistischen Würdestil, aber natürlich auch keine weitere konfektionierte Bürokratenschachtel.

Der Bau sollte »demokratisch« und »optimistisch« sein, offen zur Straße, Mittelpunkt der Stadt, unverwechselbar, ein Wahrzeichen.

In einer schier endlosen, im nachhinein fast zwangsläufig erscheinenden Folge von Entwürfen zeichnete Jahn das Capitol und all seine Nachbildungen

gleichsam zu einer modernen Abstraktion herunter, bis ein freches Fragment den Straßenblock füllte: ein abgestufter Halbkegel, seitlich angeschnitten - einer Käseecke oder einem Tortenstück nicht unähnlich.

Die zentrale Rotunda hatte sich zum gewaltigen gedeckten Atrium ausgedehnt; von der Kuppel war nur mehr ein schräg gestutzter Glaszylinder geblieben, der dem Bau nun wie ein halbgeöffneter Dosendeckel aufliegt.

Das Gebilde ist über 100 Meter hoch und mit rund 25 000 Glasplatten in einem Stahlgerüst von 10 000 Tonnen Gewicht verkleidet.

Das unerhört Beeindruckende an dieser klimatisierten Glashülle ist der gewaltige Innenraum: eine mehrgeschossige Piazza, erst in Turmhöhe überdacht, also gleichfalls über 100 Meter hoch und fast 50 Meter weit.

Alle Shops und Imbißstände in den unteren und alle Büros in den oberen Geschossen gehen von diesem Innenraum ab; die offenen Gänge laufen wie Theaterränge um. Zwölf gläserne Fahrstühle und vier Rolltreppen sind unablässig in Bewegung.

Das Sonnenlicht durchwandert, mit den Schatten des stählernen Filigrans, das Atrium, streicht über Marmor und Granit und gibt den Farben Silber und Weiß, Blau, Lachs und Rot unterschiedliche Helligkeit. Neben den spektakulären Perspektiven innerhalb der Halle ergeben sich immer neue überraschende Ausblicke auf Nachbarbauten.

Helmut Jahns State of Illinois Center ist ein visuelles, akustisches, kinetisches Erlebnis und als urbane Touristen-Attraktion wohl dem Centre Pompidou vergleichbar. Am U-Bahn-Anschluß bis zum Großflughafen O'Hare wird noch gearbeitet; ein Tunnel verbindet das Center mit der City Hall.

Durchaus wohlmeinende Kritiker sehen in der totalen Offenheit der Anlage eine Einladung zu terroristischen Anschlägen und in den lediglich hüfthohen Brüstungen auch in den oberen Etagen eine geradezu unwiderstehliche Einrichtung für auftrittsbewußte Selbstmörder.

Neider und Nörgler rechnen zwar nicht mit dem Einsturz der komplizierten Konstruktion; doch einige Kollegen hoffen nun wohl inständig auf ein baldiges Malheur bei Jahn - zu weit ist er ihnen schon auf und davon.

Der Erfolgsmensch ist freilich ungebrochen in seinem Selbstwertgefühl, selbstbewußter denn je. Kritiken kommentiert er mit einem Hinweis auf ein anderes Enfant terrible, einen Weltmeister: »Die Leute pfeifen auch McEnroe aus. Und der gewinnt immer. Klar?«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 58 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.