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Der Schock, ein anderer zu sein

aus DER SPIEGEL 46/1991

Der Dichter hatte testamentarisch verfügt, daß seine Tagebücher erst 20 Jahre nach seinem Tod erscheinen durften. Das schien verständlich. Tagebücher sind die intimsten, rücksichtslosesten und ungeschütztesten Äußerungen und Entäußerungen von Schriftstellern. In ihnen werden Zeitgenossen und Weggefährten entblößt - die Rücksicht einer jahrelangen Sperrfrist liegt nahe.

Doch diejenigen, die im Falle Thomas Manns rücksichtsvoll geschützt werden sollten, waren der Autor selbst und seine Ehefrau Katja. Das Erscheinen der Tagebücher seit Ende der siebziger Jahre erwies sich als ein einziges großes (allerdings postumes) Coming-out des homosexuellen Thomas Mann. Man konnte auf einmal nachlesen, wie sich Thomas Mann an der knäbischen Gestalt seines Sohnes Klaus entzückte, wie er in das Dunkel von Kinosälen flüchtete, um immer wieder denselben Film zu sehen, in dem ihn vor allem der Anblick männlicher Entblößung animierte.

Am kalifornischen Strand im Exil schweiften die Blicke mit mehr als interesselosem Wohlgefallen über gutgebaute Strandläufer, von Anfällen der Selbstbefriedigung beichten die Eintragungen. Die Kälte, ja, der Widerwille gegen eheliche Vereinigungen ist deutlich spürbar.

Es blieb kein Zweifel mehr. Thomas Mann war Homoerotiker. Und er war es nicht nur zeitweise, weder nur in der jugendlichen Phase sexueller Unsicherheit, wie zu lesen war, noch nur in der Phase des Alters. Nein, er war es sein Leben lang und im Denken so gut wie ausschließlich - sosehr die Fassade des Patriarchen auch dagegen sprach.

Es war eben nur Fassade. Doch sollte man das »nur« gleich korrigieren, denn kein anderer Autor hat die Wichtigkeit von Fassade als eigentlicher Existenz so betont wie T. M. Leben war, wie er seit »Königliche Hoheit« nicht müde wurde zu formulieren, vor allem Repräsentanz. Der Schriftsteller war auch und vor allem ein Repräsentant, der sein gesellschaftliches Ansehen mit Verzicht, Leiden, Selbstzucht, Beherrschung, Triebunterdrückung bezahlte.

Denn auch das machen die Tagebücher deutlich: Thomas Mann hat seine Sexualität ein Leben lang als Schwäche, Krankheit, Versagen empfunden; nur nahezu vollkommenes Entsagen schien ihm der einzig erträgliche Umgang mit der eigenen Natur. Und der Schriftstellerberuf mit all seinen Verzichten und Entbehrungen war die Antwort, die seine Veranlagung rigoros verlangte.

In primitiver freudianischer Vereinfachung: Thomas Manns Werk wäre dann das Instrument der Triebunterdrückung und Sublimierung, der Selbstzucht und Selbstbestrafung. In der Tat ist Thomas Mann nirgends der elitäre Stolz auf seine Veranlagung anzumerken, wie er das männerbündische Werk Stefan Georges kennzeichnet. Er ist auch frei von der selbstsicheren Bürgerverachtung eines »Dekadenten« wie Oscar Wilde. Und auch die Enthüllungen, wie sie Marcel Proust in »Sodom und Gomorrha« veranstaltete, sind Manns Sache nicht.

Sind seine Romane, seine Essays und Erzählungen also nicht, wie die Werke Andre Gides, die Gedichte August Graf von Platens, die Eruptionen Pasolinis, der homoerotischen Literatur zuzurechnen? Würde das späte Coming-out (das glücklicherweise in ein sexuell unaufgeregtes Jahrzehnt fiel) also nur private Neugier befriedigen?

Natürlich wäre das allein schon interessant. Man fände eine Erklärung für die abweisende Frostigkeit, die den Autor stets wie eine metallene Aura umgab. Für seine Gefühlsverkapselung, die ihn beispielsweise die Nachricht vom Selbstmord des Sohnes Klaus scheinbar ungerührt entgegennehmen ließ - ohne auch nur die öffentliche Zeremonie, an der er gerade im schwedischen Lund teilnahm, zu unterbrechen.

Erklärt wäre die Haltung, die er Frauen gegenüber einnahm, seine Vorliebe für knabenhafte Weiblichkeit. Schließlich fände sich ein Schlüssel für die »Vermännlichung« seiner Frau Katja in Stimme, Frisur und Habitus - einen Zug, den der kluge Thomas-Mann-Exeget Karl Werner Böhm in seiner Arbeit sehr schön herauspräpariert.

Aber nicht die Neuordnung einer Biographie unter den neuen Erkenntnissen einer Sexualveranlagung ist das Ziel von Böhms Untersuchung - es ist ein radikal wichtiges, neues Kapitel der Mann-Interpretation*. Denn das Buch macht deutlich, wie entscheidend die Homosexualität das Werk Manns prägt - sie ist der Motor des Werks. Böhm zeigt: Es ist nicht die Homoerotik, die sich im Schreiben Manns manifestiert, sondern die Erfahrung ihrer Unterdrückung. Anders ausgedrückt: Es ist das Stigma Homosexualität, mit dem sich der Autor schreibend auseinandersetzt.

Schon allein am Schicksal mancher Tagebuchhefte läßt sich ablesen, mit welcher panischen Furcht Mann die literarischen Spuren seiner Neigung zu tilgen suchte. Am 21. Mai 1945 verbrannte Thomas Mann in Kalifornien, »in Ausführung eines längst gehegten Vorsatzes«, wie er notiert, »im Ofen draußen«, seine alten Tagebücher. Es handelt sich um die Aufzeichnungen bis zum Jahr 1933, mit Ausnahme der Hefte aus den Jahren 1918 bis 1921, die er wohl aufhob, um sie als Material für seinen »Doktor Faustus«-Roman zu benutzen. Alle Aufzeichnungen aus den Jahren _(* Karl Werner Böhm: »Zwischen ) _(Selbstzucht und Verlangen. Thomas Mann ) _(und das Stigma Homosexualität«. Verlag ) _(Königshausen & Neumann, Würzburg; 412 ) _(Seiten; 68 Mark. ) vor 1918 und von 1921 bis 1933, also aus den Schüler- und Jugendjahren und der so entscheidenden Zeit in München (in die seine große Liebe zu dem Maler Paul Ehrenberg fiel), wurden vernichtet.

Über die gleichen Aufzeichnungen war Thomas Mann schon einmal in panische Angst geraten: 1933, als er Nazi-Deutschland verließ, die Tagebücher zurückblieben und er fürchten mußte, sie könnten den Nazis in die Hände fallen - für die es ein diabolisches Vergnügen gewesen wäre, den Dichter mit dem Stigma zu schädigen.

Manches merkwürdige Zögern und seltsame Schweigen nach Hitlers Machtantritt läßt sich so erklären. Schließlich wurden die (vermutlich intimen) Aufzeichnungen auf abenteuerliche Weise in die Schweiz gerettet und nach Amerika mitgenommen - es fanden sich jedenfalls in späteren Tagebucheintragungen Anspielungen und Selbstzitate aus den später verbrannten Schulheften.

Die Angst vor »Enttarnung« war also offensichtlich groß - angesichts einer Zeit, deren barbarisches Wesen sich auch am Umgang mit der Homosexualität ablesen läßt, nur zu verständlich.

Böhm analysiert mit Akribie, welchen Schock es für den Heranwachsenden bedeutet haben muß, sein Anderssein zu erkennen. In Lübeck, wo Mann erlebte, »daß hier alles kleinstädtisch und hinter der Zeit zurückgeblieben wirkt«, war erst 1863 die Rechtsordnung der Carolina aufgehoben, die, zwar nur noch auf dem Papier, Homosexualität mit der Todesstrafe ahndete.

Die Jugend Manns stand unter dem Paragraphen 175, der die »widernatürliche Unzucht« »mit Gefängnis« und mit dem »Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte« im Ertappungsfall abstrafte - für einen Senatorensohn sicher eine alptraumartige Vorstellung.

In der Zeit seiner Jugend entwickelten sich die Rechts- und Moralvorstellungen dahin, daß der Homosexuelle nicht mehr ein Triebverbrecher sei, sondern künftig als (armer) Kranker und Degenerierter zu gelten habe.

Was blieb, war die Idee, daß der Homosexuelle aus dem Normalen gefallen sei, wenn nicht durch die Schuld, dann durch Krankheit, Degeneration. Und daß es gelte, ihn zu »heilen«, ihn in Beherrschung zu unterweisen, ihn auf den rechten Weg zurückzuführen.

Das Werk Thomas Manns übersetzt diese Vorstellungen ins Künstlerische, sicher auch von der sich anbahnenden Kunststimmung der Dekadenz beeinflußt. Von Anfang an ist sein Werk geprägt durch Verlust, Abstieg, Degeneration - die »Buddenbrooks« sind dafür der leuchtende Beleg. Immer wird in Manns Erzählwerk wie in seinen Essays das Außenseitertum beschrieben, das den Kranken, den Künstler, den Hochstapler, den scheinbar Lebensuntüchtigen auszeichnet und absondert zugleich: Kunst ist Krankheit. Der einzige Außenseiter, den die Gesellschaft erträgt, den sie heimlich beneidet und spießig verachtet, dessen Ausdruck ihr Ventil ist, dieser Außenseiter ist der Künstler.

Ironie heißt auch, das Eigentliche anders zu sagen. Gibt es ein besseres Motiv für die Mannsche Ironie als diesen Zwang zur verändernden Maskerade? Und ist sein Stilwille nicht die Zucht, in die er seinen (Lebens-)Inhalt nimmt?

Thomas Mann hat sein Außenseitertum in diese Kunst-Rolle gerettet. Sein Künstlerberuf war seine (aufgehobene, geläuterte, um den Preis des Verzichts erlittene) Sexualität. Daß ihm keine andere Verwirklichung erlaubt wurde, wollte er nicht aus der bürgerlichen Ordnung fallen, hat er schon vom älteren Bruder Heinrich erfahren.

Sosehr Heinrich als Künstler die Lübecker Spießer verachtete - auf homoerotische Signale im Verhalten und Schreiben seines jüngeren Bruders reagierte er krachledern männlich: Der junge Thomas solle, um seine Schwulität loszuwerden, doch mal zu einem richtigen Vollweib (möglichst ins Bordell) gehen. Erklärt sich daraus die lebenslange Entfremdung der Brüder, die zeitweise in Haß auf den Älteren und dessen Verachtung durch den Jüngeren umschlug?

Nirgendwo in seinem Werk hat Thomas Mann seine Neigung so unmaskiert gezeigt wie in seiner berühmtesten Novelle, dem »Tod in Venedig«. Doch da die Liebe Aschenbachs zu dem Knaben Tadzio nicht nur unerfüllt bleibt, sondern gleichsam mit dem Tode gesühnt wird, hatten es die meisten Zeitgenossen leicht, diese päderastische Liebesgeschichte ins symbolisch Allgemeine zu verharmlosen: Um den Gegensatz Kunst und Leben gehe es hier.

Es ist billig, heute darüber zu lächeln. Doch sollte man sich erinnern, was vor noch nicht allzu langer Zeit mit Luchino Viscontis kongenialer Verfilmung der Novelle geschah. Auch hier sah man im Werk des homosexuellen Filmers vor allem ein symbolisches Thema abgehandelt. Und allen Ernstes hatten die Koproduzenten Visconti noch 1970 vorgeschlagen, den Knaben Tadzio durch ein Mädchen zu ersetzen. Den »normalen« Zuschauern zuliebe.

* Karl Werner Böhm: »Zwischen Selbstzucht und Verlangen. Thomas Mannund das Stigma Homosexualität«. Verlag Königshausen & Neumann,Würzburg; 412 Seiten; 68 Mark.

Hellmuth Karasek
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