Zur Ausgabe
Artikel 58 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Der schreibsüchtige Soldat

Reinhart Baumgart über Sartres »Tagebücher November 1939-März 1940« *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Wenn ein sogenannter Unsterblicher gestorben ist, beginnen seine Gespenster erst zu erwachen. Genau das passiert nun mit Sartre, seit der Berg seines Nachlasses kreißt. Drei neue Sartre-Bilder offeriert allein der deutsche Buchmarkt, allesamt Nahaufnahmen des Meisterdenkers als junger Mann: als unermüdlicher Liebesbriefsteller, _(Jean-Paul Sartre: »Briefe an Simone de ) _(Beauvoir, Band 1: 1926-1939«. Aus dem ) _(Französischen von Andrea Spingler. ) _(Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei ) _(Hamburg; 544 Seiten; 14,80 Mark. )

als Kriegskamerad, Lehrer, ja Kryptochrist _(Marius Perrin: »Mit Sartre im deutschen ) _(Kriegsgefangenenlager«. J.-P. Sartre: ) _("Mathieus Tagebuch/Bariona oder Der Sohn ) _(des Donners«. Aus dem Französischen von ) _(Andrea Spingler. Rowohlt Taschenbuch ) _(Verlag, Reinbek bei Hamburg; 220 Seiten; ) _(11,80 Mark. )

und schließlich, sozusagen eine Nahaufnahme mit Selbstauslöser, als Tagebuchschreiber und Soldat. _(Jean-Paul Sartre: »Tagebücher. November ) _(1939-März 1940«. Aus dem Französischen ) _(von Eva Moldenhauer. Rowohlt Verlag, ) _(Reinbek bei Hamburg; 528 Seiten; 58 ) _(Mark. )

Diese Auferstehungen, wenn nicht im Fleische, so doch im Geist, versprechen uns also einen dreifach unbekannten, einen Alltags-Sartre, privat, intim, spontan, versprechen gespenstischerweise den Toten lebendiger, als er sich in seinen Werken überliefert hat. Falls das denkbar, falls das wünschenswert sein sollte.

Die ersten Seiten des Kriegstagebuchs aus dem November 1939 scheinen solche Zweifel, Fragen, Vorbehalte ernüchternd zu bestätigen. Der Soldat Sartre, als Meteorologe im Elsaß stationiert, wirft nur wenige Blicke auf seine eigene herunterdemokratisierte Existenz, auf die Details seiner Umgebung, und den faschistischen Krieg hält er offenbar für eine interessante Schachvariation zu 14/ 18. Sartre stößt den Kopf lieber hoch und tief in die Wolken. Die Niederschrift seines Romans »Zeit der Reife« beschäftigt ihn, er baut am Grundgerüst seines philosophischen Hauptwerks »Das Sein und das Nichts«, und die Lage an der Front dient nur als Material zu weltgeschichtlichen Betrachtungen.

Ein Meisterdenker, nur zufällig am Rande eines Weltkriegs, großartig in Form und zugleich geistesabwesend - dachte ich und dachte weiter: wie Brecht in seinem »Arbeitsjournal«, in dem ja auch ein Denkheros trotz Emigration und Weltkrieg nie die Fassung und eine fast animalische Arbeitslust verliert.

Doch der Tagebuchschreiber Sartre gerät dann doch, je weiter es mit seinem November 1939 vorangeht, in ein energisches Schlingern, Zittern, Kreiseln. Auf seine Weise, also immer souverän, nie kläglich, beschreibt er sich als einen Menschen in einer Krise.

Befreit aus allen seinen Lebensroutinen, vom Pariser Philosophie-Unterricht, den Liebschaften, den unendlichen Cafehausdebatten, hat dieser reduzierte und isolierte Mönchssoldat nicht nur mehr Zeit und Kraft für einsames Denken als je zuvor, sondern möchte auch verbindlicher leben. Alles, was ihm zustößt (auch dieser Krieg), soll als von ihm mitverschuldet, mitverantwortet, ja gewollt angenommen werden. Damit wäre er, endlich, authentisch, er selbst.

Andererseits: Wer ist er denn? Eben ein Schriftsteller. Und damit erwischt ihn sein lebenslanges Dilemma. Ihn zieht es unweigerlich in ein Schreiben über das Authentische, das ihn von einem authentischen Leben wieder nur dispensiert, wenn auch glänzend: »Das bin wirklich ich, diese ständige, reflexive Aufspaltung, diese lüsterne Hast, aus mir selbst Nutzen zu ziehen, dieser Blick ... Ich bin nur Hochmut und Hellsicht.« Oder wie ihm eine ferne Geliebte nicht ohne Zärtlichkeit, doch spöttisch prophezeit: aus all seinem Geringe um ein authentisches Dasein wird herauskommen, »daß Du in Kürze ein wunderbares Buch

in mehreren Bänden über die Authentizität schreiben wirst«.

So ließe sich ja, auf den allgemeinsten und simpelsten Nenner gebracht, das Werk des Existentialphilosophen S. definieren. Für dessen Karriere sammelt der schreibsüchtige Soldat mächtig Material, in Denkschüben über Willen und Freiheit, die Moral, das Nichts, über Zeit, Mangel und Aneignung - ein wahrer Steinbruch für die Sartre-Philologie. Von Husserl unbefriedigt, von Heidegger bewegt und geblendet, sucht er eine Philosophie, »die nicht nur Kontemplation« sein soll, »sondern Weisheit, Heroismus, Heiligkeit, irgend etwas, was mir helfen könnte, durchzuhalten«. Das hört sich an wie der Ruf nach einem aufputschenden Tranquilizer.

Doch immer wieder rührt und berührt beim Lesen, ein halbes Jahrhundert nach der Niederschrift, die Alltagsmisere dieses Denkers, der seinem Sinnen und Schreiben so beflissen entfliegt. »Als ich heute nacht gegen ein Uhr aufwache, denke ich über den Willen nach.« Und am Ende des so erfolgreich eingeleiteten Denktages heißt es dann: »Man muß also zu Spinoza zurückkehren und Willen und Bewußtsein in eins setzen.« Darauf die beiden demütigen Sätze: »Heute abend plötzlich fühle ich mich ein wenig elend. Aber es geht vorüber.«

Sein Elend geht immer vorüber, obwohl ihm elenderweise doch klar ist: »Wenn man zur Authentizität gelangen will, muß irgend etwas zusammenbrechen.« Gauguin, van Gogh, Rimbaud, auch Dostojewski schweben ihm als Mahnbilder vor. Celine oder Genet werden ihm später als Authentische »vorschweben« - unerreichbar, wohl aber Ziel seiner Reflexion. Er selbst wird sich, widerwillig und fasziniert, eher wiedererkennen in einem Genie des entfremdeten, des unauthentischen Lebens, in Flaubert.

Alles, was ihm noch bevorsteht, ist in diesem Kopf schon anwesend. Aber Sartre wird unruhig, wenn irgend jemand staunt über »die Beständigkeit meines Ich«. Er will sich doch dauernd in Frage stellen, bessern, ändern. Außerdem besteht doch sein »Hochmut« gerade darin, daß er mit nichts solidarisch sei: »Nicht einmal mit mir selbst.«

»Hochmut« ist ein Hauptstichwort für diesen einfallsreichen Ankläger und genußreichen Verräter seiner selbst. Aus Hochmut, so denunziert er sich, nehme er immer Partei für die »Schwachen«, obwohl er doch nach Klasse, Intelligenz, Geschlecht etc. zu den »Starken« gehöre. Er nämlich brauche dieses Engagement, »um mich stärker als die Starken zu fühlen«. Noch genauer: »Aus schmerzlicher Gier, mich fühlen, mich leiden zu sehen, nicht um mich selbst zu erkennen, sondern um alle ''Naturen'' zu erkennen, das Leid, den Genuß, das Inder-Welt-Sein.« Spielt er uns noch 1939 einen Tonio Kröger vor?

Er kommt sich immer wieder auf die Schliche, aber wie er sich auf die Schliche kommt, das ist wieder ein Schlich, auf den er sich zweifellos auch gleich kommen wird - und so ad infinitum. Bis niemandem mehr klar ist, womöglich auch nicht dem Demaskierer selbst, ob da immer die Maske von einem Gesicht oder die Maske von einer Maske oder vielleicht doch das Gesicht von einer Maske gerissen wird ... Man nehme

das alles und ihn aber nicht zu schmerzlich ernst. Spielerisch warnt der Selbstzerfleischer immer wieder vor seiner Lust am Spiel, an der Komödie, an der Szene und Rolle. Leben, Schreiben, Denken betreibt er ganz offensichtlich als ein jederzeit widerrufbares, aber sofort wieder neu zu arrangierendes Experiment. Dem verdankt dieser Tagebuchband seinen Zauber wie auch seine Ungemütlichkeit.

Was Sartre nicht will: daß sein intensives, ja besessenes Reden, Schreiben, Lesen, Analysieren, Entwerfen, Verwerfen, Bekennen und Erkennen als Zeugnis von besonderer Ernsthaftigkeit mißverstanden wird. Gegen die nämlich bekennt er sich ganz ernsthaft. Was er dagegen möchte: gefallen, auch und gerade dann, wenn er sich selbst so rücksichtslos die Leviten liest. Das Wunderkind in ihm will einfach nicht verstummen. Es bettelt noch zwischen den Zeilen um zärtliche Nachsicht und Bewunderung, um unseren Einspruch gegen die trotzige Härte, mit der es sich selbst traktiert.

Solches Agieren wird bei Frauen Koketterie genannt, und die - Adorno hat aus persönlichstem Interesse darauf hingewiesen - verzeiht man in Deutschland so leicht keinem Mann. Doch der Soldat Sartre findet Männer, Männlichkeit ohnehin nur schwer erträglich. Bedenkenlos bekennt er sich als ein »homme a femmes«. Dabei mag ihm wieder die Sucht und Sehnsucht nach einem anderen, ihm unerreichbaren Leben die Feder führen, einem Leben, das »schön, zaudernd, dunkel, in seinen Gedanken langsam und gewissenhaft« sein sollte. Doch das dunkle, wärmende, das »weibliche« Unterfutter, die Anima seines Denkens können auch die blitzhellen Aufzeichnungen des Vierunddreißigjährigen nie ganz verleugnen.

In diesen »carnets« sind ja die Sartreschen Widersprüche noch nicht routiniert in Ordnung gebracht. Sie quellen und schießen wie Unkraut durch den Text, den sie damit lebendig, grün und frisch halten. Hier möchte einer dauernd durch Denken herrschen und doch auch »authentisch« verlieren, schimpft sich einen Imperialisten, aber auch einen Komödianten, will philosophisch ein System entwerfen, doch als System der Freiheit, verspricht sich und uns eine Versöhnung von materialistischen Dogmen und Frustrationen mit den herrlichsten Verheißungen des altabendländischen Idealismus.

Kurz: Das Denken dieses jungen Mannes verblüfft, bezaubert, ja charmiert durch eine jederzeit zum Schmelzen bereite Härte. Und den Zauber dieser Inkonsequenzen und Ambivalenzen führt er uns halbbewußt oder bewußt auch vor, der Denkschauspieler. Das mag den Philosophen Sartre letztlich im Fach diskreditieren, doch den Tagebuchschreiber hüllt es in eine Aura, die den Fernen und Toten unverhofft wieder in unsere Nähe rückt - also doch.

Jean-Paul Sartre: »Briefe an Simone de Beauvoir, Band 1: 1926-1939«.Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Rowohlt TaschenbuchVerlag, Reinbek bei Hamburg; 544 Seiten; 14,80 Mark.Marius Perrin: »Mit Sartre im deutschen Kriegsgefangenenlager«.J.-P. Sartre: »Mathieus Tagebuch/Bariona oder Der Sohn des Donners«.Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Rowohlt TaschenbuchVerlag, Reinbek bei Hamburg; 220 Seiten; 11,80 Mark.Jean-Paul Sartre: »Tagebücher. November 1939-März 1940«. Aus demFranzösischen von Eva Moldenhauer. Rowohlt Verlag, Reinbek beiHamburg; 528 Seiten; 58 Mark.

Reinhart Baumgart
Zur Ausgabe
Artikel 58 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel