Die Schweizer sind ein Volk mit altem, für Fremde nicht immer verständlichem Brauchtum. In Zürich etwa versammeln sich jedes Jahr am dritten Montag im April die Honoratioren der Stadt und ziehen, angetan mit historischen Kostümen, festlich durch ihr wohlhabendes Gemeinwesen. Organisiert nach den alten Zünften, geht''s entlang der Limmat auf eine Wiese, wo um sechs, wenn die Glocken läuten, der Böögg verbrannt wird, eine Strohpuppe. Das Frühjahr kann kommen. Von über-all schallt''s: »Schööns Sächsilüüte«.
Doch diesmal wird das Sechseläuten gestört - es fällt ein Schuß. Pfarrer Sprecher von der altehrwürdigen Predigerkirche bricht zwischen seinen Zunft-Brüdern zusammen, offenbar vom Balkon eines alten Bürgerhauses aus erlegt.
Kommissar Frauenfelder und der Journalist Frühauf ermitteln getrennt, irgendwann auch mal gemeinsam und kommen schnell dahinter, daß der Herr Pfarrer bestimmt kein reines Lamm war. Aber die Kugel, da sind sie sicher, galt einem anderen.
Und richtig: Hinter dem Mord verbirgt sich eine fehlgeschlagene Familienintrige - Swiss made. Eine der vornehmsten Familien der Stadt, Fabrikanten von alters her, steckt in gravierenden Nachfolge-Schwierigkeiten. Soll etwa der schwächliche Erstgeborene das Unternehmen in Zukunft leiten? Frau Restelberg, willensstarke Doyenne des Clans, hilft dem Schicksal auf die Sprünge. Aber Krimileser ahnen längst: Am Ende kommt alles ganz anders.
Autor Ulrich Knellwolf, 55, weiß, worüber er schreibt. Schließlich war er selbst jahrelang Gemeindehirte an der Predigerkirche. Daher ist sein Krimi nicht nur anspruchsvoll spannend geraten, sondern auch eine anschauliche Beschreibung der gar nicht immer so makellosen Bürgerwelt am blankgeputzten Bankenplatz Zürich.
Ulrich Knellwolf: »Schönes Sechseläuten«. Verlag Arche,Zürich-Hamburg; 296 Seiten; 36 Mark.