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Der Steinmetz und der liebe Gott

Von Willi Winkler
aus DER SPIEGEL 31/1990

Zu beneiden waren sie nicht, die Westdeutschen der fünfziger Jahre. Sie hatten zwar ihren Adenauer und ihr Wirtschaftswunder, aber dafür war ihnen nach Wilhelm, Hindenburg und Hitler auch noch Gott abhanden gekommen. Sie durften nicht mehr richtig fromm sein, damit war man, so wisperte es aus dem übrigen Europa ins ehemalige Deutsche Reich herein, nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit.

Zum Glück kam damals aus Frankreich und Amerika viel Neues herein: Hemingway und Faulkner und Sartre und Camus, die allesamt Hilfe und einen neuen Glauben versprachen. Die deutschen Schriftsteller, durch den Krieg so völlig von der Weltliteratur abgeschnitten, hörten mit Begeisterung dieses neue Evangelium der sinnstiftenden Sinnlosigkeit, versprach es doch Entlastung von mancher Qual. Auch hatten sie dem importierten Existentialismus etwas zuzusetzen: deutschen Biedersinn und deutsches Gemüt.

Drei Autoren waren es vor allem, die den ausländischen Missionaren nachliefen und sich im neuen Glauben taufen ließen: Heinrich Böll, Wolfdietrich Schnurre und Siegfried Lenz. Böll und Schnurre sind mittlerweile gestorben, die hausbackenen Fünfziger scheinen längst vorbei und verweht, aber einen Treuen gibt es, der schreibt noch genauso gemütlich wie früher, als hätte es nie eine »Blechtrommel«, nie die »Mutmaßungen über Jakob« gegeben, als hätten Thomas Bernhard und Peter Handke kein Wort geschrieben: Siegfried Lenz.

Alle paar Jahre erfreut er seine erstaunlich große Gemeinde (Startauflage diesmal: 100 000 Exemplare) mit solider aufklärerischer Güte. In der »Deutschstunde« (1968), seinem größten Erfolg, war der gute Wille, die Welt zu verbessern, noch halbwegs berechtigt; keinem anderen deutschen Nachkriegsautor sonst ist es gelungen, so vielen Lesern klarzumachen, daß die Vergangenheit eben doch nicht zu bewältigen ist, jedenfalls nicht so, wie es in Deutschland versucht wurde. In seinem neuesten Buch ist es mit diesem Wettbewerbsvorteil vorbei, es darf gelesen werden, als wär''s ein Buch unter vielen*. _(* Siegfried Lenz: »Die Klangprobe«. ) _(Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg; 384 ) _(Seiten; 39,80 Mark. )

»Die Klangprobe« kommt daher mit dem rührenden Charme der frühen Fünfziger. Wie sehr Lenz am Geschmack jener falschen Jahre hängt, zeigt er in der Szene, in der er seinen Erzähler Jan Bode in einen Film schickt. Er heißt »Kinderspiel« und ist, kaum kaschiert, eine ungewöhnlich verklemmte Posse, die 1952 unter dem Titel »Vater braucht eine Frau« mit dem Alptraumpaar Dieter Borsche und Ruth Leuwerik im Kino lief. Heute, 1990, soll sich ein etwa 25jähriger Kaufhausdetektiv, der immerhin das Lehrerexamen abgelegt hat, diesen Film im Kino ansehen?

Aber nein, es ist ja nicht Jan Bode, der diesen Film vor Augen hat, sondern Lenz, dem es auf beinah keiner Seite gelingt, seinen Helden so jung zu schreiben, wie er angeblich ist. Jan Bode schnoddert sich mit vielen »im Ernst«, »weiß der Himmel«, »verflucht«, »verdammt«, »Jesus Christus« und anderem Zeug, mit dem sich nur Lenz'' norddeutsche Trantüten ausdrücken können, durch eine erschröcklich feinsinnige Moritat.

Jan Bode, der verhinderte Lehrer, überwacht in einem Hamburger Kaufhaus per Monitor »faule Kunden«, Ladendiebe. Ein gut 20jähriges Mädchen, das eine Baguette unter den Parka steckt, bleibt unbehelligt, weil er jeden dritten Dieb laufen läßt. Jan folgt ihr und Fritz, dem Jungen in ihrer Begleitung.

Lone heißt sie, Übersetzerin aus dem Norwegischen ist sie, der Erstkläßler Fritz ihr Neffe, Sohn einer Schwester, die mit ihrem Mann bei einem Unfall gestorben ist. Lone hat ihn an Kindes Statt aufgenommen. ''s sind offenbar rechtschaffne Leute, die beiden, denn Lone hat im Regal zwei schmale Bändchen mit den Novellen von Reimund Bode stehen, Jans Bruder, der sich, frühvollendet, erschossen hat. Das Band der Sympathie, keusch und hauchzart, wäre geknüpft.

Jan hat aber auch einen Vater, den »Alten«, einen grämlichen Bildhauer, der von Auftragsarbeiten und Grabdenkmälern lebt. Weil Reimunds Zimmer leer ist, schlägt Jan vor, Lone, die grade die Eigenbedarfskündigung bekommen hat, solle doch einziehen mit ihrem Fritz. Und die Familie, zu der neben Frau Bode die tierliebe Schwester Jette, der Klarinette spielende und auch sonst etwas debil wirkende jüngere Bruder Ernie sowie ein Faktotum gehören, das dem Meister in der Werkstatt zur Hand geht, freut sich über die Erweiterung. Man versteht sich, wie das in Familiengeschichten so üblich ist, auf Anhieb prächtig.

Vater Bode bekommt Besuch von einem verstörten Mann, der ein Grabmal für seine frühverstorbene Tochter, eine Kunsttischlerin, bestellt. Dieser Auftrag gibt Meister Bode neuen Lebensmut, die Stimmung in dem ehemaligen Schulgebäude, in dem die Familie logiert, bessert sich, Jette will nicht mehr ausziehen, Ernie ist nicht mehr gar so debil, Fritzchen nimmt schon erste Klangproben an den herumliegenden Steinen vor ("Immer nur zu meinem Alten aufblickend, sagte er, daß in manchen Steinen einer drin ist"), Meister Bode skizziert Planzeichnungen der Skulptur - ein Mädchen entwindet sich einem älteren Mann, der es nicht ziehen lassen will -, der Entwurf findet das Gefallen des untröstlichen Vaters, Fritzchen entwickelt unterm Zuschauen echtes Interesse am Beruf seines adoptierten Opas, so daß der ihm einen Baukasten »Der kleine Steinmetz« schenkt (Loriot, wo bist du?), Lone und Jan kommen sich nah und näher, Jette hat einen neuen Freund, der, obwohl Lebensmittelchemiker, Sinn für Bodes Kunst beweist --als das Unglück passiert:

Bodes Grabdenkmal stürzt zusammen und erschlägt den kleinen Steinmetz Fritz. Womit wieder einmal bewiesen wäre, daß das gute Buch, das der Buchhändler notfalls auch seiner Familie gibt, gnadenlos schlecht sein kann.

Schlecht nicht nur wegen einer Schicksalsdramatik wie im Bauerntheater, sondern vor allem wegen seiner Sprache. Hilflos befolgt Lenz eine der Grundregeln des Deutschunterrichts, den Ausdruckswechsel, aber er tut es mit einer Regelmäßigkeit, die ihm jeder Lektor hätte ausreden müssen: Der Strom ist ein »silbriges Band«, Finnisch ist nicht Finnisch, sondern »Nurmis Sprache«, ein Hund, der auch noch »Hund« heißt, ist ein »Vierbeiner«, vor dem Warenhaus werden keine Blumen verkauft, sondern die »Schönheit des Sommers«, Norwegen ist wie im Fremdenverkehrsfaltblatt eine Kombination aus »Tradition und Trollen«, Pfannkuchen sind das »in Fett gegarte Lieblingsgebäck« von Jans Vater.

Im schlichtesten Gemütsdeutsch schenkt man sich einen »langen Blick«, sieht sich »betrübt an«, ist in einem fort »versonnen«, »grüblerisch«, »zaghaft«, dann läßt einen »plötzliche Scheu innehalten«, »aufkommende Zuneigung« wird empfunden, darf man Zeuge sein, wie der lieben Lone ein »Zittern über ihr Gesicht« läuft. So öffnen und schließen sich die »Türen der Vertrautheit«.

Die Verkäuferinnen tragen »gutsitzende weiße Kittel und auf dem Kopf ein kleidsames Schiffchen«, Lone hat natürlich eine »geschmackvolle« Umhängetasche, der Rotwein ist »prachtvoll«, Jan kann sich »für Tanz begeistern«, und bei Gelegenheit ist er »verflucht guter Stimmung«, etwa wenn ein Mann am Klavier sitzt, für den der Erzähler leeres Stroh drischt: »Vergnügt huldigte er dem Jazz, ließ den Geist der Operette sprühen«.

Wie es sich für den Schriftsteller mit selbstgestelltem Erziehungsauftrag gehört, spart Lenz auch nicht mit Lebensweisheit: Erfahrung ist ein »Besitz, der zum Handeln verpflichtet«, und »Trennung«, jaja, »kannst du täglich neu und anders erleben«.

Ganz und gar altväterisch wird es, wenn Jan Bode Völker und Zeiten souverän überblickt: »Selbst in meinem Alter schmerzt einen mitunter vergeudete Zeit.« Gelegentlich wirft Lenz die Verkleidung des eher unartikulierten Detektivs, die ihm ohnehin nicht behagt, ganz ab und spricht als ehemaliger SPD-Wahlhelfer; aber auch da belastet ihn sein gemeinschaftskundlicher Biedersinn. Einmal macht er sich Gedanken zum Staatsfeiertag und hätte »nichts dagegen, wenn zwei Ereignisse festlich begangen würden: der Tag der Unabhängigkeit und der Tag der Verkündung des Grundgesetzes«. Ebenso unvermittelt bekennt er sich zur Demokratie, aber mit welchen Worten: »Ich habe nichts gegen Wahlen, um das gleich zu sagen, im Gegenteil: Wahlen sind das schönste und aufregendste Geschenk, das vernünftige Leute sich machen können.«

Vielleicht war ihm diese Art Aufregung schon zuviel, denn im Freibad bekommen Jan Bode und der Leser von Lone nur das zu sehen, was schon die erste Generation der Hemingway-Parodisten so schätzte: »Sie hatte tatsächlich einen kleinen festen Busen.«

Wo er schon von aller Sprache verlassen ist, soll ihn wenigstens sein Thema retten. Der Regenwald brennt ab, das Ozonloch gähnt, der Osten ist nicht mehr rot: Zu gern hätte Lenz sich auch gemeldet, aber er mochte sich dann doch nicht für ein zeitgenössisches Problem entscheiden. Deshalb verfiel er auf die unverfängliche Metapher von der Klangprobe, mit der nicht nur die Steine, neinnein, auch die Menschen auf Herz und Nieren zu prüfen seien. Die Steine in diesem Roman neigen, ob geprüft oder nicht, merkwürdigerweise zum Zerspringen. Ganz klar wird nicht, ob sie das ganz freiwillig tun oder ob nicht doch ein paar Industrieeinflüsse mithelfen.

Bevor Lenz aber mit Recherchen Ernst machte, raunt er uns lieber was von Vergänglichkeit zu (Grabmäler, Kindstod, zerplatzende Steine). Was läge bei diesem Thema näher als ein Bildhauer, mit dem läßt sich gut über Kunst grübeln.

Um ein regelrechtes Ende verlegen - denn was soll sich aus platzenden Steinen und einer harmlosen Liebesgeschichte für eine großartige Moral ergeben -, _(* Dieter Borsche und Ruth Leuwerik in ) _("Vater braucht eine Frau« (1952). ) bringt Lenz sein Fritzchen um. Das Kind stirbt nicht einfach an Scharlach oder weil es beim Eislaufen einbricht. Nein, es muß ausgerechnet vom Kunstwerk des Alten erschlagen werden, an dem es, genug ist nicht genug, noch in der letzten Lebenssekunde Kunstkritik üben darf, weil es da an der Stein-Rose zupfte, die der trauernde Mann in der Hand hielt und die nach übereinstimmender Meinung Kitsch, aber eben auch ein Zugeständnis an den Auftraggeber war. Der Rose folgt das gesamte Ensemble, und ab dafür.

Der Herrgott hat''s gegeben und wieder genommen, und dieser Herrgott heißt Siegfried Lenz. Ganz der große Marionettenspieler aus dem Roman des 19. Jahrhunderts, thront er über den Wolken, wo die künstlerische Freiheit bekanntlich grenzenlos ist. Wie sein Erzähler, der Hausdetektiv Jan Bode, verfolgt er seine Leute mit dem Monitor, schnappt sie oder läßt sie laufen, ganz nach Gutdünken. Nicht zufällig kommt Jan, wenn er an seinen eigenen Grabstein denkt (mit 25 ein bedrängender Gedanke), auf »dieses berühmte dreieckige kosmische Auge«. »Aber das wäre einfach lachhaft gewesen«, fährt er fort, denn darin hätte man ja eine »Anspielung auf meine Tätigkeit als Hausdetektiv« sehen können, und dabei ist es doch nichts anderes als das Auge Gottes, des allwissenden Erzählers.

Der Erzähler der »Klangprobe« mag vieles, vielleicht auch alles wissen, er kann jedenfalls nicht erzählen. Wer derlei süßsauren Schicksalskitsch schätzt, weiß, was er an Lenz hat; er wird wie gewohnt bedient. Für die anderen ist die Geschichte zum Steinerweichen. o

* Siegfried Lenz: »Die Klangprobe«. Verlag Hoffmann und Campe,Hamburg; 384 Seiten; 39,80 Mark.* Dieter Borsche und Ruth Leuwerik in »Vater braucht eine Frau"(1952).

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