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LITERATUR Der Swing der harten Jahre

Neben Modemachern, Popmusikern und Nachtclub-Betreibern gehören auch viele junge Autoren zu den Stars des wiederbelebten »Swinging London": Die britische Literaturszene gilt derzeit als aufregendste in Europa. Von Annette Meyhöfer
aus DER SPIEGEL 26/1997

Was sind schon Literaturhäuser? Wärmestuben für Autoren unter Denkmalschutz. Die allerneueste Literatur präsentiert sich heutzutage im Affenhaus. Oder zumindest gleich daneben: Im Zoo feierte Londons Literaturszene das Erscheinen des jüngsten Romans von Will Self, »Great Apes"*.

Auch Martin Amis und Ian McEwan waren gekommen, die einstigen Bad Boys unter den britischen Autoren - den »Mick Jagger der Literatur« nannte man Amis sogar. Diesen Ruf haben sie allerdings längst an den über zehn Jahre jüngeren (und fast zwei Meter großen) Will Self abgeben müssen, der seit seinem Debüt 1991 als Wunderkind galt, sogar als »Retter« der englischen Literatur, gefeiert von Doris Lessing bis Salman Rushdie. Von Anfang an war der 35jährige auch ihr Enfant terrible: weil er aus seiner Drogensucht nie ein Hehl

* Will Self: »Great Apes«. Bloomsbury, London; 404 Seiten; 15,99 Pfund.

machte, weil seine Erzählungen, Essays und Romane davon handelten und außerdem von Sex und Wahn und Zerstörung.

Selfs jüngster Skandal beschäftigte tagelang die Zeitungen: Der Autor, nebenbei Kolumnist für den OBSERVER, hatte während des Wahlkampfs in John Majors Flugzeugtoilette Heroin genommen; der OBSERVER hatte ihn daraufhin gefeuert.

In »Great Apes« erwacht der so gefeierte wie umstrittene Maler Simon Dykes nach einer Nacht reichlichen Drogen- und Alkoholgenusses neben seiner Freundin - und sie hat sich in eine Schimpansin verwandelt. Wie überhaupt die ganze Welt verwandelt scheint: ganz London, »dirty old London«, ein Affenhaus.

Nun feiert King Kong offenbar ohnehin ein literarisches Comeback in London, wo auch Peter Høegs Roman »Die Frau und der Affe« spielt. Aber natürlich treibt Self in »Great Apes« es viel wilder, nicht nur den weißen Mann in die Arme der Äffin. Es wird gekratzt und gegrunzt und gekrault und kopuliert, in der U-Bahn und im Bus; selbst die Saatchi Gallery wird man nach Lektüre mit anderen Augen sehen. Der Roman ist eine böse, sehr komische Satire auf Evolutionstheorie und Psychologie, auf Oxford-Professoren und vor allem auf den Kunst- und den Medienbetrieb, auf all jene, die sich Abend für Abend in einem Club in Soho, nur für Mitglieder, den Ritualen von Klatsch und Coolness hingeben. »Gerade in den ersten Kapiteln«, sagt Self, »ist ,Apes'' natürlich auch eine Satire auf Swinging London.«

London boomt: Vom Revival der Sixties, von Londons »Renaissance« ist überall die Rede. Und wie damals in den Sechzigern stehen im Mittelpunkt Musik und Mode. Londons Designer, John Galliano (Dior), Alexander McQueen (Givenchy) und Paul McCartneys Tochter Stella (Chloé), leiten inzwischen einige der traditionellen Pariser Modehäuser; aus London, aus den Night-Clubs vor allem, kommen die wichtigsten Trends. Aber auch Brit-Pop und britischer Film, britische Architektur und Kunst sind inzwischen hoch angesehen, sogar die Kochkunst; so viele Restaurants gab es nie, und wöchentlich kommen neue dazu.

In der Dean Street in Soho residiert seit 1985 der Groucho Club, gegründet von Verlegern und Agenten. Will Self ist hier Ehrenmitglied auf Lebenszeit; Julian Barnes, Martin Amis, aber auch Ken Follett hatten Stammplätze; Julie Burchill schrieb hier ihre Kolumnen über Pop und Sexual Politics. Heute ist hier häufiger Liam Gallagher von der Erfolgsband Oasis mit seiner Gattin Patsy Kensit zu treffen oder der Star der Kunstszene, Damien Hirst. Ein paar Meter weiter in der Dean Street, in der Bar des neuen Restaurants »Quo Vadis«, in jenem Haus, wo Karl Marx einst arbeitete, sind einige von Hirsts Werken zu sehen.

Aber gelegentlich, am Nachmittag, schauen noch immer Harold Pinter oder David Lodge in dem Club vorbei, der nach jenem Marx benannt ist, der nie einem Club beigetreten wäre, welcher ihn zum Mitglied wollte. Als Will Self nach der Toiletten-Affäre in den Groucho kam, sollen Kellner und Gäste ihm applaudiert haben.

Vielleicht taugt der Club heute nicht mehr unbedingt zum Gradmesser literarischen Lebens, aber wo gäbe es hierzulande einen Ort, an dem sich etwa Walser auf einen Martini mit Tic Tac Toe träfe? Vielleicht bleiben Londons Autoren heute öfter zu Hause und arbeiten: Die Konkurrenz ist groß, noch nie gab es so viele Talente. »Inzwischen ist es wichtiger, nach London zu fahren als nach New York«, sagt Georg Reuchlein, Verlagsleiter bei Bertelsmann und Goldmann, »weil die interessanteste Literatur aus Großbritannien kommt.«

Dieser Boom der britischen Literatur ist vor allem in ihrer Vielfalt begründet, im Nebeneinander von Stilrichtungen und Themen, von Experimentellem und nahezu Klassischem, dem Nebeneinander auch von Generationen und Kulturen.

Denn natürlich ist solche Fülle nicht von gestern auf heute entstanden. Und das Wort von der »Renaissance« täte all jenen unrecht, die seit Jahren auch auf deutschen Bestsellerlisten stehen: mehr kommerziell interessanten Autoren wie Frederick Forsyth oder Ken Follett oder den Crime Ladys Minette Walters und Ruth Rendell.

Da sind außerdem all die Autoren der inzwischen mittleren Generation, die das literarische Bild der letzten Jahre bestimmten, Amis, Lodge und McEwan, Graham Swift oder Roddy Doyle, da sind vor allem jene Autoren aus den ehemaligen Kolonien des Empire, Salman Rushdie, Ben Okri, Hanif Kureishi. Da ist der aus Japan stammende Kazuo Ishiguro; da war zuletzt der Schotte Irvine Welsh, der mit »Trainspotting« zum Kultautor wurde.

Die Erklärung für Britanniens Literaturblüte reicht zurück in die Thatcher-Jahre mit ihrer Polarisierung der Gesellschaft, dem Wegfall von Subventionen und staatlichen Unterstützungen. Im sozialen Reizklima jener Jahre entstand ein kultureller Kampfgeist, in dem Pop und Mode und Musik und Literatur einander wechselseitig befruchteten. Der Wegfall der Preisbindung für Bücher hat die Autoren nicht besonders erschüttert, hat für sie auch nicht viel geändert. Denn entstanden ist aus dem Swing der harten Jahre auch ein neues Selbstbewußtsein.

»The Empire writes back« hieß es noch vor einiger Zeit, und angestammte britische Autoren erregten sich darüber, daß die wichtigsten Literaturpreise regelmäßig an Autoren von der Peripherie gingen; der Ire Doyle konnte damals spotten, es sei schlicht nicht sexy, britisch zu sein.

Aber diese Scheingefechte sind vorbei. Inzwischen könnte man, umgekehrt, spotten, daß zumindest in der Literatur Großbritannien sich sein ehemaliges Weltreich zurückerobert habe. Oder, ernsthafter, daß in der Literatur sich die gesellschaftliche Entwicklung spiegelt, darin sogar vorweggenommen ist: Jüngst habe er, erzählt Will Self, einen Band mit Kurzgeschichten neuer amerikanischer Erzähler rezensiert und sei über die »thematische Korrektheit« erstaunt gewesen. »Das ist hier anders, bunter, eine multikulturelle Literatur.«

Natürlich gibt es Autoren, die sich ganz offen nach den USA, nach Hollywood orientieren. Nicholas Evans ("Der Pferdeflüsterer") gehört ebenso dazu wie Philip Kerr, der einst philosophische Krimis schrieb und nun unbedingt ein britischer Michael Crichton werden will. Aber als unlängst die Vorsitzende der Orange Prize Jury (ein Preis, der nur an Frauen vergeben wird) die englische Literatur provinziell nannte, weil ihre Autoren nicht auf amerikanischen Bestsellerlisten stehen, konnte ihr der GUAR-DIAN gelassen entgegnen: Wenn die britische Literatur provinziell sei, so umfaßte diese Provinz das Indien Salman Rushdies ebenso wie die Fußballplätze von Nick Hornby und die Parallelwelten von Will Self - und, in der allerjüngsten Literatur, das Thailand der Rucksacktouristen von Alex Garland oder Londons Club-Land, so wie es ein Autor namens »Q« beschreibt.

Um Garlands Roman »Der Strand« (SPIEGEL 25/1997) rissen sich die Verlage, nicht nur in Deutschland; das Buch des 27jährigen, als aufregendes Debüt gelobt, wurde in sieben Sprachen übersetzt und ist gerade auf deutsch erschienen*. Es ist die Geschichte des jungen Rucksackreisenden Richard, der in Bangkok, im Zimmer eines Toten, den Lageplan einer Insel und eines geheimnisvollen Strandes findet. Zusammen mit einem jungen französischen Paar sucht er dieses Eden, das wie alle Paradiese am Ende eine Hölle ist.

Garlands Roman beschreibt eine ambivalente Generation und deren Paradoxe; die eigentliche Frage darin ist die uralte nach Schuld und Unschuld. »Eine moralische Geschichte«, sagt er. Vielleicht bestehe die Schuld seines Protagonisten nur in seiner Naivität. »Aber indirekt wollte ich auch Kritik üben an den Filmen etwa von Quentin Tarantino mit ihren in keiner Weise moralisch begründeten Darstellungen

* Alex Garland: »Der Strand«. Aus dem Englischen von Rainer Schmidt. Goldmann Verlag, München; 448 Seiten; 42,90 Mark.

** Q: »Deadmeat«. Hodder and Stoughton, London; 468 Seiten; 6,99 Pfund.

von Gewalt.« Alex Garland, der ruhig und nachdenklich wirkt, hat eine Weile als Comic-Zeichner gearbeitet und gut anderthalb Jahre an »Der Strand«. Ein zweites Buch ist fast fertig, wieder über Südostasien, wohin er, meist auf die Philippinen, noch immer jedes Jahr reist. »Aber vielleicht werde ich nicht mein ganzes Leben Schriftsteller sein, eine zu ungesunde Beschäftigung.«

Er habe zu schreiben begonnen, weil es ein Interesse für Literatur abseits der Buchhandlungen gebe, bei den Türstehern der Clubs und ihren Gästen, behauptet der Autor, der sich »Q« nennt. Ein Spitzname, den ihm seine Eltern gaben. »Q steht für Quality«, sagt er, und unter mangelndem Selbstbewußtsein scheint er ohnehin nie gelitten zu haben: An seinem Lieblingsaufenthaltsort, dem »Cyberia Café« im West End, empfängt er Journalisten aus Japan und Amerika - er inszeniert sich als coolsten Typen der Stadt, ist vermutlich ungefähr 27, schwarz, trägt stets eine Holzbrille mit Sehschlitzen und violette Anzüge von Ozwald Boateng, einem der Stars der neuen Modeszene, für den er auch gelegentlich als Model arbeitete.

»Deadmeat«, Q''s erster Roman, spielt in Clubs, im Cyberspace und in der Kunstszene**. Erzählt ist das Ganze in einer Mischung aus Cockney und jamaikanischem Slang, voll von Zitaten aus Songs und Vergleichen aus der Computerwelt: Da hat eine Frau zum Beispiel eine Nase »wie eine Microsoft Mouse« und einen Mund »wie eine Floppy Disk«.

Aber beinahe die interessantere Geschichte ist die, wie Q jenes Buch (das nun auch in einem ordentlichen Verlag erschienen ist) vermarktete: Seit 1991 bot er es in Buchform, als Audiotape und Video in den Clubs an, die er ohnehin besuchte. Dort fragten ihn die Gäste, ob er Ecstasy zu verkaufen habe, und er antwortete: »Nein, Literatur.« Inzwischen plant er, neben einer Hollywood-Karriere, ein zweites Buch, diesmal über die Modeszene: der Autor als Popstar.

Will Self, zweifellos der Arrivierteste unter den literarischen Popstars, ist ein sehr höflicher, sehr gebildeter Gesprächspartner. Er ist der Sohn einer jüdisch-amerikanischen Mutter - der Vater verließ die Familie früh - und hat in Oxford studiert, Politik und Philosophie. In »Great Apes« macht er sich über seinen eigenen Ruf lustig, über die Anfeindungen der Kritiker, die seine Bücher (vor allem den Roman »My Idea of Fun«, deutsch »Spaß") der Brutalität und der Gewaltverherrlichung bezichtigten. In einer ironischen »Bemerkung des Autors« heißt es dazu: »In ,Great Apes'' habe ich - rein zufällig - die einzig mögliche Reaktion auf diese idiotischen Vorwürfe, die Frucht eines chronischen Mißverständnisses über Bedeutung und Zweck der Satire sind, gefunden - ich habe meinen Helden menschlich gemacht.«

Ein Zitat von Kafka hat Self dem Buch vorangestellt. Aber am meisten beeinflußt hat ihn Aldous Huxley mit seinen Satiren und apokalyptischen Visionen; »Affe und Wesen« hieß bezeichnenderweise einer dieser Romane, eine Art Nachspiel zu »Schöne neue Welt«. Und, sagt Will Self, »Huxley, das war schon einmal Swinging London« - bevor Huxley nach Hollywood ging.

Beim Essen im streng konservativen Garrick Club erzählt Ed Victor, der 57jährige Agent von Will Self und vielen anderen erfolgreichen Autoren, von seinen jüngsten Klienten: Andrew Lloyd Webber wolle seine Memoiren schreiben - und auch Pete Townshend, der Kopf von The Who.

Die neuesten literarischen Hoffnungsträger sind die Popstars von einst: An einer Autobiographie arbeitet auch Malcolm McLaren, der Theoretiker des Punk, Erfinder und Manager der Sex Pistols. Mit McLaren war Ed Victor kürzlich in Paris, während der Prêt-à-porter-Schauen. Denn Malcolm McLaren, der auch schon einmal für Steven Spielberg ein Musical über Oscar Wilde schreiben sollte (wie Oscar Wilde 1890 in einer amerikanischen Kleinstadt den Rock''n''Roll entdeckte), hat nun die Idee zu einem Film-Musical über Christian Dior.

Produzieren soll es Elton John, der gerade eine Filmfirma gegründet hat, inszenieren soll es Milos Forman, der Regisseur von »Einer flog über das Kuckucksnest«, von »Hair« und neuerntags »Larry Flynt«. Swinging London.

* Will Self: »Great Apes«. Bloomsbury, London; 404 Seiten;15,99 Pfund.* Alex Garland: »Der Strand«. Aus dem Englischen von RainerSchmidt. Goldmann Verlag, München; 448 Seiten; 42,90 Mark.

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