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AUTOREN Der Tag des Teufels

Schon in jungen Jahren ist der US-Schriftsteller Norman Mailer zu Weltruhm gelangt. Kurz vor seinem 84. Geburtstag provoziert er nun mit einem Roman über Hitlers Kindheit und Elternhaus - ein so schrilles wie prekäres Alterswerk.
aus DER SPIEGEL 4/2007

Adolf Hitler wird in einer wilden Liebesnacht gezeugt. Was da plötzlich in sie gefahren sei, fragt sich Klara, das Mädchen vom Land, als sie ihren eigentlich schon erschlafften Mann Alois Hitler mit ungewohnter sexueller Leidenschaft wieder auf Trab bringt. So etwas wie in dieser Julinacht des Jahres 1888 haben die Eheleute vorher noch nie erlebt: »Das war besser als ein Sturm auf See!«

Der Schriftsteller, der hier vorgibt, den Spuren Hitlers bis zurück in die Stunde der Empfängnis zu folgen, ist kein überdrehter skandalsüchtiger Jungautor, sondern einer der großen alten Männer der amerikanischen Literatur: Norman Mailer. Sein Roman, der in dieser Woche in den USA erscheint, trägt den Titel: »The Castle in the Forest« (Das Schloss im Wald)*.

Offenbar ist es gut 60 Jahre nach dem Untergang der Nazi-Diktatur für Künstler auf geradezu ansteckende Art reizvoll geworden, alle Bedenken fahren zu lassen und dem »Bruder Hitler« (Thomas Mann) in nie gekannter Weise nahezurücken, bis ins elterliche Ehebett oder in die Badewanne, wie es Helge Schneider gerade im deutschen Kino wagt.

Mailer, der Ende des Monats 84 wird, war schon immer für Überraschungen, Är-

ger und Provokationen gut. Seit bald sechs Jahrzehnten, seit er im Alter von 25 Jahren mit seinem Debütroman »Die Nackten und die Toten« einen der besten Romane über den Zweiten Weltkrieg veröffentlichte und damit praktisch über Nacht zu internationaler Berühmtheit kam, hält er die amerikanische Nation und sich selbst auf Trab.

Egal ob er sich mit Feministinnen anlegt, gegen den Vietnam-Krieg protestiert oder mit Drogen und der Subkultur sympathisiert, ob er als Schriftsteller, Journalist, Schauspieler oder Regisseur in Erscheinung tritt, ob er sich (vergebens) für das Bürgermeisteramt in New York bewirbt oder gegen den US-Präsidenten wettert (wie derzeit gegen George W. Bush) - der Mann macht sich gern Feinde und ist dadurch stets präsent.

Auch im Arrest hat er - jeweils für kurze Zeit - gesessen: einmal als Demonstrant, einmal nach einer Messerattacke auf seine zweite Frau (die später ein Buch über die gemeinsamen Jahre geschrieben hat). Er hat neun Kinder und ist fünfmal geschieden, mit der sechsten Ehefrau lebt er heute in Provincetown, Massachusetts.

Und nun nimmt sich Mailer also des im April 1889 - genau neun Monate und zehn Tage nach jener Roman-Julinacht - geborenen Hitler an. Schon vor fast vier Jahren verriet Mailer in einem Gespräch (SPIEGEL 21/2003), er arbeite an einem »ambitionierten Buch, an einem sehr breit angelegten Roman«, und setzte hinzu: »Vielleicht übersteigt er sogar meine Möglichkeiten.« Nicht einmal seiner Frau habe er erzählt, woran er sitze - »obwohl sie es

ahnt«. Offenbar fürchtete der literarische Haudegen, an seinem Gegenstand zu scheitern: »Es könnte das erste Mal sein.«

Der Roman »The Castle in the Forest« geht bis weit ins 19. Jahrhundert zurück, erzählt auch die Vorgeschichte der Zeugung Hitlers und schildert dessen Kindheit und Pubertät. Berichtet wird aus der Perspektive eines dubiosen ehemaligen SS-Manns ("groß, schnell, blond, blauäugig, geistreich"), dessen »Sonderabteilung« direkt Heinrich Himmler unterstellt gewesen sei und der nun in den USA lebe, »dieser merkwürdigen Nation«.

Dort schreibt er über seine geheimen Einsätze im Zweiten Weltkrieg und beweist zugleich überraschend intime Kenntnisse der familiären Hintergründe von Hitler. Alle werden sie der Reihe nach - Kapitel um Kapitel - abgehandelt: Hitlers Vater, die Mutter, der Bruder Edmund und viele andere, die Geburten und andere Ereignisse oft mit Datum exakt belegt.

Den Roman beschließt - nicht zum ersten Mal bei Mailer - ein mehrseitiges Literaturverzeichnis. Aufgeführt werden die bekannten Standardwerke der Hitler-Forschung, soweit sie ins Englische übersetzt wurden oder aus dem angelsächsischen Sprachraum stammen: die Biografien und Studien von Alan Bullock, Joachim Fest, Sebastian Haffner, Ian Kershaw ebenso wie Bücher von Daniel Goldhagen, Brigitte Hamann oder Eugen Kogon, daneben aber auch Werke von Martin Heidegger, Friedrich Nietzsche, Thomas Mann und sogar »The Nibelungenlied«.

Kein Wunder, dass Mailers Frau irgendwann ahnen konnte, wer der Held des Romanprojekts sein würde. Mailer ist als wissbegieriger literarischer Forscher bekannt. »Es ist eine von Mailers überwältigenden Qualitäten«, schrieb ironisch-respektvoll der Kollege John Updike, 74, »dass sein Interesse an einem neuen Gebiet sich leicht entzündet und er sich schnell zu einem Experten entwickelt.«

Und Updike hat - in einer Rezension des in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre publizierten Romans »Das Jesus-Evangelium« - aufgezählt, wer und was bisher schon Mailers Interesse und Schreibeifer auf sich gezogen hat: »Die alten Ägypter, die CIA, Lee Harvey Oswald, Pablo Picasso, Astronauten, Boxer, Sex, Politik - all diese Themen haben seine Verbalisierungskünste stimuliert.«

Die Liste ist nicht einmal vollständig: Es fehlen darin noch die Anti-Vietnam-Demonstranten ("Heere aus der Nacht"), der zweifache Mörder Gary Gilmore, dessen Geschichte Mailer anhand von ihm zur Verfügung gestellten Interview-Protokollen - rund 16 000 Seiten - nacherzählt hat ("Gnadenlos - Das Lied vom Henker"), und auch Marilyn Monroe ("Ich, Marilyn M."). Sie alle wurden Gegenstand von Mailers eigenwilligen Biografien, von Romanen, in denen sich Fakten und Fiktionen mischen.

Für zwei dieser »non-fiction novels« in der Tradition des amerikanischen New Journalism erhielt Mailer sogar den Pulitzer-Preis, jeweils in der Rubrik Sachbuch: 1969 für »Heere aus der Nacht« und 1980 für »Gnadenlos« (Auszüge aus diesem 1000-Seiten-Werk wurden seinerzeit, im August und September 1979, im SPIEGEL abgedruckt).

So war es dann wohl kein Wunder, dass Mailer sich irgendwann zutraute, die Lebensgeschichte von Jesus Christus mit dessen eigener Stimme zu erzählen - wobei ein Schreibmotiv offenbar auch darin lag, dass seiner jüdischen Mutter als Schülerin in New Jersey von irisch-katholischen Mitschülern oft das Schimpfwort »Jesusmörderin« nachgerufen worden war. Dem Sohn gelang ein munteres und auch literarisch weitgehend geglücktes Spiel mit den Memoiren des Gottessohns ("Wer fragt, wie meine Worte auf diese Seiten gelangt sind, dem rate ich, es als ein kleines Wunder zu betrachten").

Seit dem Jesus-Roman, vor genau zehn Jahren publiziert, ist von Mailer kein größeres

Werk mehr erschienen. Auf Jesus folgt nun also Hitler, wenn auch nicht mit eigener Stimme. Von Thomas Mann stammt das Wort über den Führer (1939): »Der Bursche ist eine Katastrophe; das ist kein Grund, ihn als Charakter und Schicksal nicht interessant zu finden.«

Hitler selbst wollte seine Herkunft zeitlebens gern verborgen halten, wollte am liebsten als politisches Genie aus dem Nichts - von der Vorsehung gesandt - erscheinen. Niemand dürfe wissen, »woher ich komme und aus welcher Familie ich stamme«, dekretierte er 1930. Seine Vorfahren lebten im österreichischen Waldviertel zwischen Donau und böhmischer Grenze, in Ortschaften mit einer durchweg bäuerlichen Bevölkerung - »durch generationenlange Inzucht vielfach untereinander verwandt und in den Ruf der Enge und Zurückgebliebenheit geraten« (so Joachim Fest in seiner Hitler-Biografie).

Wer Hitlers Großvater väterlicherseits war, ist bis heute nicht wirklich geklärt. Spekulationen, es könne sich um einen Grazer Juden handeln, zogen im August 1942 sogar Nachforschungen nach sich, die Himmler angeordnet hatte. Die führten zu keinem Ergebnis, sind aber nun die historische Grundlage für Mailers Ich-Erzähler im Roman, den ehemaligen SS-Mann Dieter, der sich daran erinnert, wie er persönlich im Auftrag eines vom Thema »Inzest« faszinierten Himmler in Österreich recherchiert hat.

»Auch heute noch gehört die größte Obsession Hitler«, behauptet der nun in den USA ansässige Dieter. »Wo gibt es einen Deutschen, der ihn nicht zu verstehen versucht? Doch wo findet man einen, der mit der Antwort zufrieden wäre?« Und gleich zu Beginn des Buchs verspricht der Erzähler: »Ich lebe in der Gewissheit, dass ich in der Lage bin, Adolf zu verstehen.«

Hat Mailer irgendetwas Neues zur Sicht auf »Adi«, wie der junge Hitler auch aufdringlich genannt wird, beizutragen? Das auftrumpfende Versprechen seines Stellvertreters im Roman entpuppt sich schnell als Humbug - denn der Mann selbst enttarnt sich im wahrsten Sinne als Teufel, der in den Körper des blonden SS-Hünen hineingeschlüpft ist, nicht gerade Satan persönlich, aber mit dem »Maestro« in ständigem Kontakt und am Ende von ihm suspendiert.

Ein Teufel also ist es, der sich hier aus Eitelkeit, wie er erklärt, als Dichter versucht und stolz darauf ist, Hitlers Familiengeschichte so auszubreiten, »als wäre ich ein konventioneller Romancier alter Schule«. Er ist es auch gewesen, der bei der unheilig lustvollen Zeugung Hitlers selbst anwesend war und Klara befeuerte, der später

dem Säugling bis in die Pofalte kriecht und dem Knaben Adolf seine Träume eingibt. So ist nicht nur das deutsche Volk entschuldigt, sondern sein Führer gleich mit. Denn der hat in diesem Roman gar keine andere Wahl, als im Auftrag des Dämons irgendwann Krieg, Tod und Verderben zu bringen. Das alles ist derart plump und peinlich, dass es einen nicht nur wegen der schwitzigen Nähe zu »Adi« graust.

Selbst die wenigen leisen Ansätze zu erzählerischer Selbstironie gehen in diesem faktenhuberischen Romanwerk gnadenlos unter. Etwa wenn Satan auf den letzten Seiten - im Frühjahr 1945 - seine Enttäuschung über die Mission des Ich-Erzählers ausdrückt: »Vorerst musst du für dich selber sorgen. Ich werde unseren Einsatzort nach Amerika verlegen und wieder auf dich zählen, wenn ich ein paar Entscheidungen getroffen habe, was genau wir dort drüben anstellen werden.«

War niemand da, der Norman Mailer aufhalten konnte? Schon vor einiger Zeit hat er in einem Interview den Teufel als eigentlichen Urheber für die Anschläge vom 11. September ins Spiel gebracht: »Der Teufel hatte da seinen ganz großen Tag.« Was in einem Gespräch als Gedankenspiel oder Metapher durchgeht, ist als Grundlage für einen Roman über Hitler nur schwer zu ertragen. Über Humor lässt sich in diesem Fall nicht einmal mehr streiten. Es gibt keinen in diesem Buch.

Selbst der teuflische Ich-Erzähler bekundet auf der letzten Seite Bewunderung für jene Leser, die ihm den ganzen Weg gefolgt sind. Und Mailer? Er kündigte an, am liebsten noch einen weiteren Roman über Hitler schreiben zu wollen. Denn in »The Castle in the Forest« hat der am Ende gerade einmal die Schule geschmissen.

VOLKER HAGE

* Norman Mailer: »The Castle in the Forest«. Random House, NewYork; 496 Seiten; 27,95 Dollar.* In Dani Levys Film »Mein Führer«.

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