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FILM Der verlorene Sohn

Ein kleiner Familienunglücksfilm ist in Frankreich zur großen Überraschung der Saison geworden: »Keine Sorge, mir geht's gut«.
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 12/2007

Da entgleist ein Leben. Loïc, der Bruder, ist weg und hat seiner Schwester Lili auf einer Diskette ein zärtliches kleines Chanson hinterlassen, sonst nichts. Letzte Woche, nach einem Krach mit dem Vater, der wohl etwas wüster als üblich ausfiel, sei er abgehauen - so erfährt Lili, als sie vom Sommer-Sprachferienkurs aus Barcelona zurückkommt. Die Eltern wortkarg und wie gelähmt: Mit nichts als seiner Gitarre sei er davon und angeblich auf Nimmerwiedersehen. Einem 19-jährigen Ausreißer kann man ja kaum die Polizei hinterherschicken.

Lili heult nicht, schreit nicht. Mitten im Unterricht in der Berufsschule kippt sie stumm vom Stuhl; sie hat seit Tagen keinen Bissen heruntergebracht. Für immer verraten, für immer vergessen - es sieht aus, als wolle ihr Körper dem Verlorenen, der für sie tot ist, nur noch möglichst rasch nachsterben. Ein paar Wochen später hängt Lili, schmal und fahl, in einem Psychiatriebett zwecks Zwangsernährung am Tropf.

Ein Stoff wie für ein TV-Movie mit kleinem familientherapeutischem Nutzwert? Mag man vermuten, doch was für eine andere Geschichte erzählt Philippe Lioret in seinem Film mit dem hintersinnigen Titel »Keine Sorge, mir geht's gut«! Er nimmt behutsam und neugierig Anteil, nur das, aber das exemplarisch. Der Pariser Lioret, 51, hat sich beim Film erst als gestandener Mann, vor ein paar Jahren, vom Tontechnikerjob zur Regie vorgewagt; das somnambule Liebesdrama »Die Frau des Leuchtturmwärters« mit Sandrine Bonnaire war sein erster internationaler Erfolg.

Diesmal sind seine Schauplätze denkbar unspektakulär: Die Eltern, offenbar strebsame Aufsteiger, haben es in einer Pariser Suburbia zu einem adretten Reihenhäuschen mit Grillecke im Garten gebracht, und Lili jobbt, als sie halbwegs wieder genesen ist, als Kassiererin im nächsten Supermarkt. Der Vater, besserwisserisch, sagt, ohne Berufsabschluss ende man zwangsläufig als Penner, Dealer oder Nutte - darauf Lili, mit einem Achselzucken, das man ihr nicht glaubt: »Dann halt Nutte ...«

Mehr Drama ist da nicht, doch Lioret hat eine Art, sich wie auf Zehenspitzen in die Welt seiner Figuren vorzutasten: leise Töne, kleinste Gesten, aber ein Hellseherblick für jene Details, die viel ahnen lassen, wo es nichts zu erklären gibt.

Der Schriftsteller Olivier Adam war nicht viel älter als Lili und Loïc, als er deren Geschichte schrieb. Der Regisseur Lioret hingegen gehört zur Generation ihrer Eltern, und so ist der Film - gemessen an der sehr zarten, delikaten Monochromie des Romans - viel farbiger, auch intimer, wenn er (mit seinen wunderbar feinfühligen Elterndarstellern Isabelle Renauld und Kad Merad) vom Neubeginnen erzählt.

Lioret hat seinen Film, der Handlungszeit folgend, etappenweise über ein Jahr hin gedreht und so seiner Hauptdarstellerin Zeit gelassen, mit Lili zu leben. »Keine Sorge, mir geht's gut« ist zuerst und zuletzt Lilis Film, also Mélanie Laurents Film. Noch nie ist dieses niedliche Kind auch nur in die Nähe einer Rolle von vergleichbarem Gewicht und Anspruch gekommen, und nun trägt es unwiderstehlich in seiner ganzen Sensibilität und Süße diesen kleinen großen Familienroman.

Das Leben geht nie so weiter, wie es sollte. Auch Lili verlässt das Elternhaus und findet einen Freund, der ihr vielleicht über den Verlust des Bruders hinweghilft. Ein Buch, das dieser Thomas (Julien Boisselier) ihr im Krankenhaus lieh, war wie eine erste Berührung; später einmal sagt er über diesen Roman, dass er »schlecht und doch irgendwie gut ausgeht - wie das Leben«. So ist es auch mit diesem Film. URS JENNY

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