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FILMINDUSTRIE Der Verlust der Liebe

Regisseur Volker Schlöndorff über die Globalisierung des Kinos
aus DER SPIEGEL 7/1999

Schlöndorff, 59, leitete von 1992 bis 1997 das Studio Babelsberg. Sein letzter Film war »Palmetto« (1998).

Beim Blick auf die Filme der diesjährigen Berlinale muß ich an die Thesen vom Globalen und Regionalen denken, an denen sich die Geistesblitze der Hautevolee des »World Economic Forum« in Davos vorvergangene Woche entzündeten - während die Vordenker gleichzeitig das Verschwinden des europäischen Films bedauerten.

Für die Dauer des Berliner Festivals darf ein portugiesischer oder britischer Nachwuchsregisseur hier neben dem Superstar Bruce Willis auftreten - oder umgekehrt. Auf der Berlinale gibt es das Nebeneinander vom großen Fernen und vom kleinen Nahen, von Zentrum und Rand, perfekt vernetzt, aber nie chancengleich.

Spielfilme, die wir Europäer im Kino oder Fernsehen sehen, kommen zu drei Vierteln aus den USA. Ziehen wir ein paar Independents und Außenseiter ab, können wir diese »Mainstream«-Ware das Globale nennen. Auf dem amerikanischen Markt dagegen machen ausländische Filme insgesamt etwa zwei Prozent aus. Unbestreitbar können wir also den Rest der Weltproduktion als das Regionale betrachten. Das ist kein Werturteil, nur eine Feststellung von Marktanteilen.

Mit großem Einsatz haben wir Europäer, allen voran die Franzosen, jahrzehntelang versucht, diese Entwicklung umzukehren. Als vor 30 Jahren mein Erstling »Der junge Törless« (1966) in die amerikanischen Filmtheater kam, gab es in den USA noch viele »Arthouse«-Kinos, die europäische und japanische Filme spielten. Knapp 15 Jahre später, zur Zeit der »Blechtrommel«, waren dort jährlich noch ein paar Dutzend nichtamerikanische Filme in den Großstädten zu sehen, und der Lichtspielmarkt in den Collegestädten blühte.

Heute aber sind es jährlich nur noch zwei bis drei Filme aus dem Rest der Welt, die überhaupt in den USA auf eine nennenswerte Zuschauerzahl kommen. Dieser Trend scheint nicht umkehrbar, nicht in den USA und nicht im Rest der Welt. Denn überall heißt ins Kino gehen einen amerikanischen Film sehen. Eine Erklärung dafür muß wohl sein, daß man mit der Kinokarte nicht einen Film, sondern zwei Stunden »American way of life« kauft.

Die andere Erklärung liegt in den Filmen selbst. Bis in die vierziger und fünfziger Jahre brachten die Exilanten aus Europa ihre Erzählweise nach Hollywood mit und gaben so dem amerikanischen Kino zusätzlichen Witz und kosmopolitischen Touch. Seit den siebziger Jahren ist der pazifische Einfluß dazugekommen: Japaner, Koreaner und Chinesen - etwa der Action-Regisseur John Woo - zählen heute zu den erfolgreichen Filmemachern in Hollywood.

Und weiterhin strömen Regisseure aus Deutschland, Australien, Großbritannien oder Finnland in die USA. Die von so vielen geprägte »popular culture« findet einen Nenner, der allen gemeinsam ist, schleift das allzu Spezifische ab und ist so leicht rückexportierbar in die ganze Welt.

Die Verführung dieses Globalen, das eine heile Welt vorspiegelt, ist so stark, daß wir darüber fast unsere Identität vergessen. Die Seele braucht aber immer noch das Vertraute, das Heimische. Deshalb produziert jedes europäische Land noch die Komödien des ihm eigenen Humors und die Dramoletten eigener Gastronomie. Das meiste davon wird im Fernsehen versendet, einiges läuft sogar in den Kinos. So wird das sehr Weite, Globale ergänzt durch das ganz Nahe, und der seelische Haushalt stimmt wieder.

Aber diese nationalen Filme schaffen alle nicht mehr den Sprung über die Grenzen - nicht den Sprung in die USA, aber auch schon nicht mehr den zum nächsten Nachbarn. Heute sieht kaum ein Europäer noch einen Film aus seinen Nachbarländern. Hier wird die Entwicklung vollends unverständlich. Wir erinnern uns doch an Zeiten, als jeder Europäer den letzten Film von Luis Buñuel oder Ingmar Bergman kannte, von Michelangelo Antonioni, Federico Fellini, François Truffaut, Andrzej Wajda oder Jean-Luc Godard - endlos scheint die Liste der Namen, die uns allen einmal gemeinsam waren. Und genauso gab es Schauspieler, große europäische Stars, die oft in anderen Ländern noch populärer waren als zu Hause: Alain Delon, Romy Schneider, Liv Ullmann, Jean-Paul Belmondo, Marcello Mastroianni und allen voran »les grandes dames« - Jeanne Moreau, Sophia Loren, Catherine Deneuve und Vanessa Redgrave.

Ungefähr von 1960 bis 1980 folgten wir Europäer einer ausgewogenen Diät, bestehend aus etwa einem Drittel amerikanischer Filme, einem Drittel nationaler Produktionen und einem Drittel Filme aus Nachbarländern. Wir wiegten uns in der Sicherheit, daß Europa noch weiter zusammenwachsen werde, bis schließlich ein »single market«, ein gemeinsamer Markt, bei gleichzeitiger kultureller Vielfalt entstehen würde.

Doch es kam anders: Während die Märkte sich geöffnet haben, scheinen die Kulturen sich abzukapseln. Dieses Paradox läßt sich auch in Asien und Südamerika beobachten, ebenso in Mittel- und Osteuropa und in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, wo die Flut amerikanischer Filme in den letzten Jahren ganze nationale Kinematographien weggeschwemmt hat.

Sogar die digitalen Technologien, die zur Vielfalt geradezu einladen, haben diesen Trend zum Globalen nicht aufgehalten, sondern noch verstärkt, nach dem Motto: auf immer mehr Kanälen immer weniger Filme - und zwar immer die gleichen.

Dadurch ändern sich unser Weltbild und unsere Vorstellung von der Geschichte. Wir bummeln nicht mehr nachts mit Jeanne Moreau über die Champs-Elysées, und wir blicken nicht mehr mit Liv Ullmann über die Schären. Dagegen kennen wir detailgenau die Ausstattung einer Polizeistation in der Bronx, eines Casinos in Atlantic City, einer Wohnküche in Kansas und unzähliger Coffeeshops mitsamt ihren sehnsüchtigen Kellnerinnen.

Eine »Highschool« ist uns so vertraut wie die »Corporate Headquarters« in jedweder »Downtown«. Soviel gemeinsames Wissen sollte die Weltbürger zusammenwachsen lassen - wären da nicht andererseits die Bürger der USA, die sich zu 99 Prozent mit sich selbst beschäftigen. Sie sind die Mitte, der Rest der Welt die Peripherie - und alle schauen auf die Mitte.

Der Druck ist groß, sich dem globalen Entwurf des Menschen anzupassen. Wo vorher in einem Land Vielfalt der Sprachen und Kulturen herrschte, verlor sich mit der Einführung des Fernsehens die Sprache der Minderheiten. In den europäischen Ländern verschwinden die regionalen Dialekte (und mit ihnen ihr Charme) mehr und mehr zugunsten einer TV-Einheitssprache.

Wenn sich aber alle einander anpassen, können wir uns nicht mehr verlieben, meint der große ägyptische Filmemacher Youssef Chahine. Am anderen lieben wir gerade jene Fremdheit, Individualität und Besonderheit, die uns mehr und mehr abgeschliffen wird. Der Verlust der Liebe wäre allerdings ein hoher Preis für die Unterhaltungshegemonie des US-Kinos.

Keine noch so prächtige Plastik-Romanze wie »Pretty Woman« kann die wahre Liebe der großen Individualisten des Autorenkinos ersetzen. Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo in »Außer Atem« stammten nicht aus der Retorte, sondern aus dem eigenen Erleben von Jean-Luc Godard. Sie sind unnachahmlich, und gerade deshalb empfinden wir ihre Geschichte als authentisch. Folglich nennt Chahine die Globalisierung eine Hirnwäsche, bei der letztlich der »andere« oder das Fremde abgeschafft werden soll - und damit auch die Liebe.

Für die Wirtschafts- und Finanzwelt ist die Herrschaft des Globalen nicht bedauerlich, in der Kultur führt sie jedoch zu einer Kurzschlußreaktion der Betroffenen: Die nationalen Filme, die viele Länder noch für den Hausgebrauch herstellen, leiden darunter, daß ihre Produzenten von vornherein mit der Aussichtslosigkeit des Exports rechnen. Als Folge daraus werden sie immer provinzieller. Ein Teufelskreis, aus dem Europa zur Zeit nicht herauskommt.

Dadurch drängt sich die Frage auf: Liegt die Krise des nichtamerikanischen Kinos vielleicht darin begründet, daß es schlechte Filme produziert? Aber man muß sich nur den Welterfolg von britischen Filmen wie »Vier Hochzeiten und ein Todesfall«, »Trainspotting« und »Ganz oder gar nicht« ansehen oder auch den globalen Applaus für die dänischen Filme »Breaking the Waves« und »Das Fest«, um dem zu widersprechen.

Und waren »Der Postmann« und »Das Leben ist schön« etwa keine globalen Erfolge - und doch in ihrem Ursprung regionale Filme? In solchen Einzelfällen taucht Hoffnung auf. Plötzlich weisen uns die Briten und Dänen den Weg: In kleinen Filmen mit sozialen Inhalten und einem spezifisch schottischen, walisischen oder dänischen Ambiente kann ein weltweites Publikum sich wiederfinden. Es sind wohl kaum mehr als ein Dutzend regional verwurzelter Filme pro Jahr, die mit Hilfe der entsprechenden Marketing-Startrampe in die Umlaufbahn der Globalen geschossen werden, aber sie bieten einen Hoffnungsschimmer, für die Zuschauer wie für die Filmemacher. Auch wenn die Rollenteilung zwischen Globalem und Regionalem endgültig ist, glaube ich nicht, daß wir uns für immer mit dem Regionalen bescheiden müssen. Schließlich kamen auch die meisten Autos eine Zeitlang aus Detroit.

Volker Schlöndorff
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