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BUCHMESSE Der Visionär in der Pampa

César Aira lässt einen historischen Helden vom Pferd fallen - und zum Genie werden
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 41/2003

Der große Frieden, der sich nach Napoleons endgültigem Abtritt von der Weltbühne über Europa ausbreitete, kam dem jungen Johann Moritz Rugendas denkbar ungelegen: Der Augsburger, Jahrgang 1802, Erbe einer Dynastie von hoch spezialisierten und hoch geschätzten Schlachtenmalern, sah sich einer Zukunft gegenüber, die seine Kunst brotlos machte. Also entschied er sich für das Zeitlose schlechthin, die Natur, und wurde damit belohnt, dass ihm schon als knapp 20-Jährigem ein attraktiver Job zufiel: als Bildberichterstatter einer Brasilien-Expedition.

Die Forschungsreise endete debakulös, dem jungen Künstler jedoch, der drei Jahre im Land blieb, brachte sie Ruhm: Sein ab 1827 in Paris veröffentlichtes Bilderwerk »Voyage pittoresque dans le Brésil« begeisterte durch eine so idealtypisch geballte Exotik, dass Motive daraus sogar auf Tapetenmustern und feinem Porzellan kopiert wurden. Der Universalgelehrte Alexander von Humboldt sah in Rugendas eine »neue Epoche der Landschaftsmalerei« heraufziehen und überzeugte den Maler, als der sich 1831 erneut nach Lateinamerika einschiffte, in der Darstellung der »Physiognomie« der Natur den 19 »Primärformen« eines spezifisch humboldtisch verstiegenen Kunstprogramms zu folgen. Rugendas kehrte erst 1846 ins heimische Augsburg zurück - deshalb gilt er in der Kunstgeschichte der deutschen Romantik als reizvolles Randfigürchen, in der Chronik der lateinamerikanischen Malerei aber, unter dem Namen Juan Mauricio Rugendas, als herausragende Pioniergestalt.

Der argentinische Erzähler César Aira, 54, nimmt ein Zentralereignis dieser Vita als Kern der Abenteuernovelle »Humboldts Schatten«, die sich vom akkuraten Reisebericht ins Phantastische und alptraumhaft Halluzinatorische aufschwingt: 1838 wurde Rugendas, von Chile über die Anden ostwärts unterwegs zur Durchquerung der unermesslichen argentinischen Pampa, in einem Unwetter von seinem Pferd geschleudert und durch das in Blitz und Donner scheuende Tier schwer verletzt.

In Airas wahrhaft fulminantem Katastrophenszenario wird aus dem Unglück, das den Maler zum lebenslang entstellten, morphiumabhängigen »Monster« machte, ein exemplarisches Künstlerdrama, ein Erlösungsakt. Mit einem Schlag von Humboldts pedantischem Typenkatalog befreit, wird Rugendas zum malenden Visionär und hat endlich das lang ersehnte Glück, an einem »herrlichen Morgen« einen Indianerüberfall zu erleben: Durch das erregend expressive Gemälde, das diesem Erlebnis entspringt, wird er der würdige Erbe seiner Schlachten malenden Ahnen. URS JENNY

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