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Hans Christoph Buch über Handke: "Das Gewicht der Welt" Der vollkommene Schauspieler

Hans Christoph Buch, 33, Schriftsteller und Kritiker, veröffentlichte Erzählungen, Essays und einen Band politischer Satiren: »Aus der Neuen Welt«.
Von Hans Christoph Buch
aus DER SPIEGEL 37/1977

Ich hin nicht unbefangen, wenn ich über Peter Handke schreibe. In den letzten Jahren habe ich um seine Bücher einen großen Bogen gemacht: sie zogen mich an und stießen mich ab, faszinierten und enttäuschten mich zugleich. Es war die doppelte Bewegung von Handkes Prosa, die, je näher sie den Details der Wirklichkeit auf den Leib rückte, deren Zusammenhang desto gründlicher aus den Augen verlor: ihren Prozeßcharakter, der sich der einfachen Wahrnehmung entzieht.

Und dann war da auch immer der heimliche Verdacht, daß Handke den großen Schriftsteller nur noch spiele: sein mit buchhalterischem Fleiß erzeugtes Werk als Beleg für eine Dichterexistenz, die seit Kafka und Rilke, spätestens aber seit Thomas Mann und Brecht anachronistisch geworden war. Die Literatur, großgeschrieben, gibt es bei uns nicht mehr; selbst der »Butt« ist, im Vergleich zur »Blechtrommel«, nur noch eine virtuose Reprise. Aber man sollte einen Autor nicht für Entwicklungen verantwortlich machen, die ohne sein Zutun stattfinden.

Nun also, nach den Romanen und Erzählungen, Theaterstücken und Gedichten, Handkes Tagebücher. Vielleicht folgt demnächst noch ein Briefband? Aber ich tue Peter Handke unrecht. Kein Zweifel: diese Aufzeichnungen aus den Jahren 1975 bis 1977, eine Mischung aus Arbeitsjournal und intimem Tagebuch, gehören zum Besten und Schönsten, was derzeit in deutscher Sprache zu lesen ist.

Handkes Prosa hat die fanatische Genauigkeit und die souveräne Distanz großer Literatur, und sie braucht den Vergleich mit berühmten Vorbildern nicht zu scheuen: ich mußte beim Lesen abwechselnd an Kafkas Tagebücher und an Rilkes Pariser Journal, die »Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge« denken. Und eben das hat mich stutzig gemacht: wie kann ein Autor 1977 noch so geschmeidig und musikalisch schreiben wie Rilke und Kafka zu Anfang dieses Jahrhunderts? Was für Exerzitien muß er sich unterziehen, um seine Prosa so rein zu halten vom Schmutz der Gegenwart? Welchen Preis hat er bezahlt?

Fast alles, was mich in dem Zeitraum, in dem diese Aufzeichnungen niedergeschrieben wurden, beschäftigt, bewegt, betroffen hat, kommt hier nicht vor. All das, was seinen Zeitgenossen täglich unter den Nägeln brennt, wird von Handke nicht nur ausgespart, sondern geradezu wütend negiert: »Schon die Wörter »Wirklichkeit', »Realität' sind Euphemismen; sie zu gebrauchen, auch um sie zu kritisieren (,das Diktat der Realität"), hieße schon, dieser obskuren »Realität« eine Vorgabe zu schenken, die sie nicht verdient.«

Während unsere Erde sich in eine Giftmüllhalde verwandelt und das Meer in eine stinkende Öllache, während Staatsschützer und -gegner gemeinsam unseren Staat in ein Tollhaus verwandeln, das für abweichende Meinungen nur noch Zwangsjacken bereithält, sitzt Peter Handke in seiner Etagenwohnung am Bois de Boulogne und notiert: »Der Porzellanteller, der den Winter über im Freien war: wie kalt er ist!«

Ist es möglich, daß einer heute, Herbst 77, noch jene ideale »mittlere Distanz« einnimmt zu den Machern und den Betroffenen, die es ihm ermöglicht, über interessante Wolkenformationen, nassen Asphalt und über das »eigentliche Gelb« eines Goldregenbusches zu meditieren?

Nichts gegen Blütenblätter, auch nichts gegen nassen Asphalt. Aber selbst Goethe, auf den Handke sich gelegentlich beruft, beschäftigte sich nicht nur mit Farbenlehre, sondern bekannte Farbe in den sozialen Kämpfen seiner Zeit -- wenn auch nicht immer auf seiten des Fortschritts. Selbst die ausschweifendste Romantik und das verwegenste l'art pour l'art hat noch etwas beunruhigend Realistisches, gemessen an Handkes Literaturbegriff, der die Welt auf ihre bloße Wahrnehmung reduziert.

Aber zum Glück ist dieses Journal nicht deckungsgleich mit den Absichtserklärungen seines Verfassers. Es enthält äußerst dicht geschriebene Passagen, in denen das, was die Realität den Menschen antut, eindringlich in den Blick rückt. Damit meine ich nicht geschichtsträchtige Ereignisse wie den Tod Maos, der als fernes Echo in Handkes Innenwelt nachhallt, ich meine alltägliche Begebenheiten und Details: das Protokoll eines Krankenhausaufenthaltes etwa, wiederum an Rilke erinnernd, in dessen Verlauf der Autor eine schwere, offenbar lebensbedrohende Krise durchmacht.

Hier, in der Beobachtung seines Bettnachbarn, eines todkranken alten Mannes, öffnet sich plötzlich sein Blick für die Leiden anderer, die er sonst so schroff von sich weist. Oder in der liebevoll-genauen Schilderung seiner kleinen Tochter, des einzigen Menschen in diesem Buch, dem er so etwas wie echte Zuneigung entgegenbringt.

Jede andere Frau, die für ein paar Tage oder Stunden störend in seine Dichterexistenz einbricht, beschreibt er mit bösem Blick und kalter Verachtung: »Plötzlich dachte ich: Ich möchte wirklich nicht mehr meinen edlen Schwanz in so eine Frau hineinstecken!, und lächelte sie versonnen an, und sie lächelte zurück.«

Handke, soviel wird klar auf diesen 325 Seiten, ist ein Misanthrop, der seine von ihm selbst gerühmte innere Ruhe nur in der aggressiven Abwehr der andern behaupten kann. Angesichts der »Speckschwarten-Menschen«, der »sprachentkernten Figuren« um ihn herum überfällt ihn häufig Mordlust; manchmal wünscht er sich auch einen Krieg, der all die unerträgliche Banalität mit einem Schlag auslöschen soll, oder er fordert: »Ein Schriftsteller müßte vielleicht durch eine Uniform gekennzeichnet sein wie ein Polizist, damit sich die Leute vor ihm ein bißchen in acht nähmen!«

Das hat nichts mit Faschismus zu tun, wie vorschnelle linke Kritiker ihm gerne vorwerfen, im Gegenteil: der Autor entblößt sich und macht sich dadurch kritisierbar für andere. Ich nehme ihm seine Ehrlichkeit trotzdem nicht ab, denn dazu ist sie mir zu perfekt inszeniert.

Handkes überbelichtete Bilder wirken wie Einstellungen aus einem imaginären Film, in dem er Drehbuchautor und Regisseur, Hauptdarsteller und Kameramann zugleich ist und den kritischen Kommentar immer gleich mitliefert: »Nach einigen Stunden der Wahrhaftigkeit ... kam es mir so vor, als ob ich diese nur mehr spielte; nur mehr durch Spielen auch aufrechterhalten könnte!« und an anderer Stelle: »Sie kritisieren nicht mehr seine Art zu spielen, sondern seine Art überhaupt; also hat er als Schauspieler die Vollkommenheit erreicht.«

Es ist schwer, Peter Handke zu kritisieren, ohne ihm in die Falle zu gehen; hinter seinen suggestiven Sätzen hat er sich wie hinter einer Brustwehr verschanzt ("Ich bin nur kritisierbar innerhalb der Idee, die ich von mir selber habe"). Dabei ist sein Tagebuch nicht wirklich subjektiv, geschweige denn autobiographisch; der Autor riskiert nichts, seine Beobachtungen an sich selbst und anderen schießen sofort zu einem Kunstwerk zusammen. Einzig in seinen wiederkehrenden Ängsten wird ein Stück seiner wirklichen, außerliterarischen Existenz sichtbar.

Genauer als eine ideologische Kritik scheint mir eine Feststellung auf Handke zuzutreffen, die Walter Benjamin einmal im Hinblick auf einen mit ihm geistesverwandten Schriftsteller, Adalbert Stifter, gemacht hat: »Die Sprache, wie sie bei Stifter die Personen sprechen, ist ostentativ. Sie ist ein Zurschaustellen von Gefühlen und Gedanken in einem tauben Raum. Die Fähigkeit, irgendwie »Erschütterung« darzustellen, deren Ausdruck der Mensch primär in der Sprache sucht, fehlt ihm absolut ... Er ist seelisch stumm, das heißt, es fehlt seinem Wesen derjenige Kontakt mit dem Weitwesen der Sprache, aus dem das Sprechen hervorgeht.«

Auch Handke ist seelisch stumm, auch er lebt in einem tauben Raum, luftdicht abgeschottet gegen die Welt draußen. Aber vielleicht ist die extreme Isolation, der Rückzug aus Geschichte und Gesellschaft der Preis, den Handke bezahlen mußte, um im engen Rahmen seiner Kunst Vollkommenheit zu erreichen.

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