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Musik Der Wirbelwiener

Als Direktor des Zürcher Opernhauses hat sich der umtriebige Österreicher Alexander Pereira eine schöne Erfolgsbilanz erschuftet. Nun will er - vor allem mit Sponsorengeld - ein Sommerfestival in Zürich etablieren.
aus DER SPIEGEL 48/1996

Er ist ein Virtuose der guten Nachricht. Wenn er abends zwischen den roten Faltenwürfen des Hauptvorhangs erscheint - er tut das oft und auch sehr gern -, um mit totenstarrer Miene das meist vollbesetzte Haus zu entsetztem Schweigen zu bringen, beginnen die zwei schönsten Sekunden des Tages.

Jene zwei Sekunden der atemlosen Stille, in denen 1200 Fans mit eisigem Schauer die Katastrophe greifbar nahe spüren: Hat sich der Tenor selbst enthauptet, die Primadonna ins Schwert des Bassisten gestürzt, oder verströmt die Dekoration giftige Gase? Es sind diese zwei Sekunden, in denen das Zürcher Publikum durch tausend Operntode gejagt wird, die Alexander Pereira so genüßlich wie ein Sommelier seine Weinprobe zu inszenieren vermag. Denn nach dem Fegefeuer der Befürchtungen kann er voll ausholen: Schlagartig hellen sich seine Züge auf, und er verkündet fast jeden Abend - die Arme baumeln erschöpft an der Seite - die »gute und die schlechte Nachricht«.

Wie es sich gehört, kommt zuerst die schlechte: Der Tenor verspüre eine bedenkliche Indisposition - und dann die gute -, er werde aber den Abend mit voller Kraft singen, »die Vorstellung findet statt! Bitte!«, ein verzweifeltes Tremolo flattert über den Orchestergraben. Und dann Jubel. Die Arie des Intendanten war, wieder mal, ein umwerfender Erfolg. Nach solchen Auftritten von Alexander Pereira muß sich auch ein José Carreras ziemlich scharf ins Zeug legen.

So geht das seit fünf Jahren. Ohne Pause feuert dieser unermüdliche Belcanto-Hermes Salven aus betörenden Glücksbotschaften unters Zürcher Opernvolk. Mal stammelt er, fassungslos wie ein Lottogewinner, davon, daß 67 Abonnenten in Mailand, 19 in London und - »Stellen Sie sich vor!« - 4 in New York! leben und regelmäßig zu den Vorstellungen nach Zürich reisen. Dann plaudert er, sachlich aber glühend, vom Kartenerlös, der innerhalb der fünf Jahre von 12 auf 26 Millionen gestiegen ist.

Hilft das immer noch nicht, greift er zur Registerarie: »Wenn man mit einem Mädchen, das man liebt, im Bett liegt und zärtlich zu ihr sein will, geht das nicht nur im Bereich von Mezzoforte und Fortissimo«, und weil das auch noch nicht reicht, hat er noch ein anderes Tempo parat: »Wenn jemand ein Mozart-Adagio gehört hat, geht die Zärtlichkeit dieser Musik in seinen Körper über, sie geht in seine Hände über, wenn er das nächstemal seine Freundin liebt.« Peter Alexander sollte wirklich in Pension gehen.

Pereira überflutet nicht nur sein Publikum mit Glück, sondern er hat es auch mit gnadenlos wienerischer Beharrlichkeit geschafft, die eher spröd veranlagten Zürcher Banken- und Wirtschaftsbosse zu knacken: Als er vor fünf Jahren die Zürcher Oper übernahm, fand er nur 800 000 Franken (950 000 Mark) an Sponsorengeldern vor. Im vergangenen Jahr türmten sich bereits 4,5 Millionen Franken (5,3 Millionen Mark) auf, und Pereira kann bereits sachte unter den Geldgebern auswählen: Erst ab 300 000 Franken pro Neuproduktion darf man sich »Hauptsponsor« nennen.

Getreu seinem Grundsatz »Wenn man spart, wird man Geld verlieren!« verfuhr er von Anfang an. Auf der Zürcher Ensemble-Liste finden sich inzwischen klingende Namen wie Edita Gruberová, Cecilia Bartoli, Neil Shicoff und Ruggero Raimondi. Und die Publikumsreißer von den »Drei Tenören« kommen zwar nur einzeln, aber sie kommen.

Der erste Dirigent ist immerhin der Aufsteiger Franz Welser-Möst, der sich in Zürich inzwischen erfolgreich seine Opernmeriten verdient. Auch ansonsten kleckert Pereira nicht. Die »Trovatore«-Premiere am vergangenen Samstag dirigierte Riccardo Chailly, demnächst wird Christoph von Dohnányi für Strawinskis »Oedipus Rex« am Pult stehen, und im nächsten Frühjahr folgt dann noch ein Knallbonbon: Ausgerechnet der Fundi unter den Maestri, Nikolaus Harnoncourt, wird sich in Zürich an Verdis »Aida« wagen. Das zahlt sich an der Kasse aus: Bis zu 270 Franken kostet die Premierenkarte.

Inzwischen hat Zürich bis zu 90 Prozent Platzausnutzung - und Pereira Angebote von überall. Die Österreichische Volkspartei soll, so kocht es in der Gerüchteküche, dem Wirbelwiener die Nachfolge der amtierenden Kulturstadträtin Ursula Pasterk angeboten haben - ohne Erfolg; wahrscheinlich könnte er derzeit jedes Opernhaus mit Kußhand übernehmen. Die Salzburger Festspiele sind ihm zwar einst durch die Lappen gegangen, aber für fast jeden Insider ist das Rennen um die Nachfolge Gerard Mortiers schon gelaufen: Das Jahr 2001 wird das Jahr des Alexander Pereira.

Gegen diese Vorverurteilung stemmt er sich mit Händen und Füßen: »Wie oft soll ich noch sagen, daß ich mich in Zürich wohlfühle?!« Schließlich habe er dort bis ins Jahr 2002 verlängert. Außerdem sucht er die Herausforderung nicht im Ausland, sondern in Zürich. Jawoll!

Gerade eben hat er eine Festspielstiftung ins Leben gerufen mit dem Ziel, die wahre Berufung Zürichs ans Licht zu bringen: Zürich am Zürisee ist »ein idealer Ort für - wie die Österreicher sagen - die Sommerfrische!«, und die kommt natürlich nur zur Geltung mit Musik, Theater, Kunst und noch mal Musik. So hat er sich also die Direktoren der anderen Kunsttempel Zürichs - Schauspielhaus, Tonhalle und Kunsthaus - vorgenommen und sie kurzerhand in den Festivaltaumel mitgerissen. Ab Juli 1997 geht''s los: Jürgen Flimm mit »La Traviata« und Welser-Möst am Pult, Sinopoli mit der Dresdner Staatskapelle, Solti in der Tonhalle, Harnoncourt gleich doppelt, neue amerikanische Kunst im Kunsthaus, Will Quadflieg, Stefan Bachmann, Thomas Langhoff und Chailly bis zum Abwinken.

Daß die Beiträge der großen Häuser teilweise aus einer Mogelpackung bestehen, kümmert diesen Strahlemann aus der Oper wenig: Die Festspielpremiere der »Traviata« etwa ist nichts weiter als die ohnehin stattfindende letzte Premiere der Opernsaison. Das schillernde Prinzip leuchtete auch den Kollegen rasch ein.

Doch ohne wirklich gute Nachricht wäre das Pereira-Konzept nicht komplett. Das Festivalbudget von rund drei Millionen Franken wird nämlich zu zwei Dritteln von der Privatwirtschaft getragen - ein Unikum im hochsubventionierten deutschsprachigen Raum. Auf daß sich Amexco, Swissair und die »Vereinigung Zürcher Bahnhofstrasse« auch echt spendabel zeigten, wird das einfließende Geld einzig in Gastspiele investiert.

Das ist noch nicht alles: Swissair fliegt in den nächsten Monaten 100 Journalisten kostenfrei ein, ganz Deutschland wird mit Pressekonferenzen überzogen werden, Stockholm, Wien, Paris, London, New York und Tokio folgen gleich auf dem Fuß. »Ich will«, droht Pereira, »den Schweizern die Anerkennung aufoktroyieren.«

Und doch bleibt da - quälend für jeden Zürcher Opernfan - das heikle, immer noch ungeklärte Thema Salzburg. Viele schwören Stein und Bein, daß er Zürich zum gigantischen Gegenfestival aufbauen will - nur, warum spricht er von »der alten Salzburger Tradition, Theater aus Persönlichkeiten zu machen«, hütet sich aber davor, »den Gerard« Mortier zu kritisieren? Warnend erhebt er die Stimme, wenn es um die angedrohte Flucht der Wiener Philharmoniker aus Salzburg geht ("Eine Katastrophe!"), um wenig später erleichtert die eigene Opernpolitik zu preisen: »... eine Stärke, mit der ich mich überall auf der Welt hinstellen kann!«

Nun gut. Wenn nicht er, wer dann? Wie wäre es mit Flimm? »Ja der Jürgen wäre natürlich ideal, der könnte das ...«, und es folgt mit betretener Prälatenmiene die Preisung der »großen Verdienste« seines Freundes und Stammregisseurs vom Hamburger Thalia Theater. Nur eine Unsicherheit scheint da mitzuschwingen: Kann Flimm es wirklich so gut wie Alexander Pereira?

* Mit Tenor Neil Shicoff.

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