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KUNST Des Ganzen bemächtigt

Eine Hildesheimer Ausstellung folgt dem Jahrhundertwende-Künstler Max Klinger auf seinen »Wegen zum Gesamtkunstwerk«. *
aus DER SPIEGEL 34/1984

In der Villa eines Berliner Juristen »überrieselte« den Kenner »ein Schauer des Entzückens«. Zwar hatten schon frühere Augenzeugen ihm die »Harmonie und Tiefe der Farbenstimmung«, die »phantastische Schwermut und die neckische Heiterkeit« gerühmt, die dieses von Künstlerhand geschmückte Durchgangszimmer ausstrahle. »Aber wer kann sich nach der Beschreibung eine Vorstellung machen, wie in einem engen Raum mit weißgoldener Architektur und fünf Flügeltüren in Blau und Rosa vier Landschaftsbilder wirken?«

Alfred Lichtwark, später Direktor der Hamburger Kunsthalle, der dieses Ensemble 1885 besichtigte, empfand es als »durch und durch moderne lebendige Schöpfung«. Dem Künstler Max Klinger, der anfangs nur Einzelbilder vorgesehen, sich dann aber »des Ganzen bemächtigt« habe, sei geglückt, »was anderen unerreichbar als Ideal vorschwebt«.

Die originale Anschauung des Wunderwerks in Privatbesitz war, wie Lichtwark bedauerte, naturgemäß »nur wenigen vergönnt«, und auch das nur kurze Zeit. Die nach ihrem Bauherrn benannte Villa Albers wurde, kaum fertig, von diesem auch schon wieder verlassen und wenige Jahre später verkauft. Ölbilder nahm er mit, von Klinger mit Blumen, Vögeln und Meerjungfrauen bemalte Türen blieben samt der Architektur zurück. Später gerieten die Teile in verschiedene Museen.

Wie wichtig aber der Künstler selbst das »Ganze« nahm, zeigte sich daran, daß er es noch zweimal, 1902 und 1912, bei Ausstellungen wieder zusammenbrachte, so gut das ging. Nun soll eine Hildesheimer Klinger-Ausstellung zumindest einen ungefähren Eindruck davon geben. Neben Einzelgemälden und Skulpturen, Zeichnungen und Radierungen zeigt das Roemer- und Pelizaeus-Museum, mit Leihgaben aus Hamburg und Klingers Heimatstadt Leipzig, auch eine Teilrekonstruktion des Raumes aus der Villa Albers. _(Bis 4. November. Katalog 300 Seiten; 29 ) _(Mark. )

Damit wird absichtsvoll der Blick auf jene übergreifende Titanengebärde gerichtet, die das Werk dieses Künstlers ebenso faszinierend wie befremdlich und zu einem einzigartigen Dokument seiner Epoche macht.

Max Klinger (1857 bis 1920) war ein schillerndes Talent mit und zwischen vielen Medien. Der Graphiker, »unser neuer Dürer« (Hugo von Hofmannsthal), den Käthe Kollwitz »in die dunkle

Lebenstiefe« vordringen sah und der Max Ernst zu surrealistischen Collagen anregte, ist auch im heutigen Ausstellungsbetrieb eine vertraute Figur - anders als der in jedem Sinn schwerer zugängliche Maler und Bildhauer.

Aber Zeitgenossen wie der Literaturhistoriker Georg Brandes sahen Klinger auch als »wahren Dichter«, und Johannes Brahms hatte den Eindruck, daß bei ihm »die Musik ins Unendliche weitertöne«. Dem Allround-Schöpfer selber lag die - verlorene - »Eine Kunst« am Herzen. Untertitel der Hildesheimer Ausstellung: »Wege zum Gesamtkunstwerk«.

Solche Routen werden hier präziser und anschaulicher abgesteckt als bei früheren Gelegenheiten. Meilensteine sind etwa die Exempel einer ins Monumentale strebenden Malerei und Skulpturen, die sich wie Bühnengestalten in Szene setzen. Wegweisung empfängt der Besucher von einem Ausstellungskatalog, in dem unter anderem die Klinger-Rezeption seit Brandes und Lichtwark gespiegelt und auch eine theoretische Künstler-Schrift über »Malerei und Zeichnung« nachgedruckt ist.

In diesem zuerst 1891 publizierten Text setzt Klinger die »harmonische« Schilderung der »farbigen Körperwelt« von der stärker durch Ideen bestimmten, pessimistischeren und kritischeren »Griffelkunst« ab. Doch sieht er auch ein »Gesamtwirken aller bildenden Künste« zur »Raumkunst« vor - entsprechend »dem, was Wagner in seinen musikalischen Dramen anstrebte und erreichte«. Und zwangsläufig wirkt der Zusammenklang auf die Einzelelemente zurück.

»Keinesfalls«, so Klinger, dürften »schrill weiße« Skulpturen, »durch den Kontrast silhouettenartig«, den farbigen Raumeindruck stören. Wie sie vielmehr auszusehen hätten, das demonstriert in Hildesheim unübertroffen die aus Leipzig geliehene »Neue Salome« in preziöser, verblüffender Farbigkeit.

Denn die lebensgroße Halbfigur ist nicht etwa konsequent bemalt. Nein, Klinger hat sie aus unterschiedlich blassen Werkstoffen zusammengestückt; die Materialangabe liest sich wie der Angebotskatalog einer Grabsteinhandlung. Für die Femme fatale und zwei an ihren Hüften ruhende Männerköpfe sind pentelischer, hymettischer, carrarischer und afrikanischer, für den Sockel belgischer und pyrenäischer Marmor aufgewendet, die Augen Salomes und des jüngeren Mannes aus Bernstein eingesetzt.

Auf der Suche nach passendem Material reiste Klinger durch ganz Europa - ein Aufwand, der für den subjektiven Ernst seiner Absichten spricht, der aber doch nur zweifelhaften künstlerischen Ertrag einbrachte. In welchem Raum auch immer vorgestellt, bleibt die »Neue Salome« - ohne großen plastischen Eigenwert - ein Kuriosum zwischen artifizieller Verfremdung und krassem Panoptikum. Die Bernsteinaugen wirken tot, rote Äderung des Steins macht den Alten-Kopf zum Säufertyp.

Ähnlich problematisch wirkt ein Riesengemälde wie »Die Kreuzigung Christi« (2,51 mal 4,65 Meter). In steifen Posen stehen die Figuren auf einem Podium umher, ungeschlachte und fahle Sinnträger. Der Vergleich mit der flotten Skizze zum Bild zeigt allerdings, daß Klinger nicht aus Unvermögen, sondern in voller Absicht so feierlich und glanzlos malte, als ahme er alte, verblichene Fresken nach.

Mit noch wesentlich größeren Bildern vom mythischen _(Vor seiner Skulptur »Schlaf«. )

»Urteil des Paris« und von einer erträumten Götterbegegnung »Christus im Olymp«, die, weil nicht transportabel, in Hildesheim fehlen, hat Klinger noch klarer auf Ideen und auf grenzüberschreitende »Raumkunst« gesetzt: Die Malerei wird von Relief-Applikationen gerahmt.

Auf den Rahmen kommt es an. Vergleichsweise leicht scheint noch Lichtwarks »Entzücken« in der Villa Albers nachvollziehbar. Für sich betrachtet, wirken die Bilder fast impressionistisch locker und unprätentiös - ein falscher Eindruck jedoch, solange man sie nicht in ein strenges Dekorationssystem eingebunden sieht, wie das in Hildesheim jedenfalls angedeutet wird. Bei Klinger regiert keine »formgebärende ''Malerpranke''«, sondern, so die Spezialistin Ulrike Planner-Steiner im Katalog, »ein suchender, abwägender Intellekt«.

Der prägt auch die Druckgraphik (ausgestellt: 277 Blätter), einen Kosmos von Allegorien und Halluzinationen, von Wollust und Tod, von sozialen Dramen und ironischen Mythen-Variationen. Oft wirken die eigenartigen, bedeutungsvollen Motive bei aller Könnerschaft eher ausgedacht als spontan aus Linien und Flächen realisiert.

Ein Betrachter-Unbehagen bleibt sogar hier. Als »eine der größten Gestalten der Kunstgeschichte«, die manche Mitmenschen in ihm sahen, als Deutscher, der das Gewichtigste »seit Goethe und Beethoven« geleistet habe, ist Klinger nicht wiederzubeleben. Mindestens so einleuchtend wie die Elogen lesen sich Verrisse, in denen Avantgarde-Herolde den Vorwurf des Banausentums erhoben und das Gesamtkunstwerk als »eine Sache, in der eins das andere halten soll«, bloßstellten (Wilhelm Hausenstein 1914). Julius Meier-Graefe rief dem Künstler nach, er habe eine »Marneschlacht deutschen Geistes« geschlagen.

Man kann dem zustimmen und trotzdem eine möglichst genaue, differenzierte Sicht auf Klinger der Mühe wert erachten. Es enthüllt sich dabei eine historische Figur, die in einer Zeit der Krise (gibt es auch andere?) die verbürgerlichte, von religiösen und staatlichen Verpflichtungen entlastete Kunst aus eigener Kraft zur umfassenden, sinnstiftenden Macht erhöhen wollte. Klinger versuchte sich exemplarisch an Monumenten genialischer Übermenschen, wie sie für die Nachwelt nur noch schwer zu verkraften sind.

Eines hatten die Hildesheimer Museumsleute zunächst für ihre Schau vorgesehen: ein Brahms-Denkmal, das in der Hamburger Musikhalle steht. Ein Hubschrauber sollte das Marmor-Opus durch eine Dachöffnung in die Ausstellung herablassen. Doch das Projekt scheiterte, als sich erwies, daß die Skulptur nicht sechs, wie angenommen, sondern elf Tonnen wiegt. Ein anderes, Klingers berühmtestes Komponistendenkmal, galt von vornherein als unerreichbar. Ludwig van Beethoven thront - marmorweiß an Haupt und nacktem Oberkörper, mit Onyx geschürzt, umgeben von Elfenbein, Opal, Achat und Jaspis - auf Dauer im Leipziger Gewandhaus und geht generell nicht mehr auf Reisen.

Mit einer Ausnahme vielleicht. Wiener Ausstellungsplaner, die nächstes Frühjahr »Traum und Wirklichkeit« der alten Kulturmetropole anschaulich machen wollen, hoffen, die Figur noch einmal in einem ursprünglichen Kontext zeigen zu können: zusammen mit Wandbildern des Wieners Gustav Klimt. Die hatten schon zur »würdigen Umrahmung« gehört, als Klingers Beethoven 1902 im Sezessionsgebäude am Karlsplatz für die Öffentlichkeit debütierte.

Bis 4. November. Katalog 300 Seiten; 29 Mark.Vor seiner Skulptur »Schlaf«.

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