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POPMUSIK Des Toten Hose

Eine Jeans-Werbekampagne sorgte für das Comeback des Soul-Stars Sam Cooke - 22 Jahre nach seinem Tod. *
aus DER SPIEGEL 31/1986

Die Jugend von heute, erkannte Gerd Lehmann von der Frankfurter Werbeagentur McCann-Erickson befinde sich in einem »Wertewandel«. So sei zum Beispiel »mit freakigen, wilden Werbe-Elementen« die Sympathie der jüngeren Kundschaft für Erzeugnisse der Bekleidungsindustrie kaum noch zu entfachen.

Der »Zeitgeist« habe sich eben grundlich zurückgewendet. »Man muß wieder Charakter zeigen«, meint Lehmann, und deshalb sei jetzt die »Orientierung an Qualität« angesagt - »auch in der Musik«.

Das Verlangen junger Käufer nach »authentischen Bildern« der Vergangenheit wurde jetzt durch eine aufwendige Kampagne aus Kino- und TV-Werbespots gestillt, die einer unlängst noch toten Hose, dem Jeans-Modell »501« der US-Firma Levi Strauss, zu neuem Leben verhalf. Ganz nebenbei bescherten die Filmbilder mit dem Fünfziger-Jahre-Kolorit dem schwarzen amerikanischen Sänger Sam Cooke, der seit 1964 tot ist, ein glanzvolles postumes Comeback.

Durch die stimmungsvolle Werbung soll sich die »charakterstarke Textilie«, ein »Top-Produkt« mit »Leaderfunktion« den ihr gebührenden Platz auf dem Hosenmarkt zurückerobern. Der besondere »Charakter« der traditionsreichen, in den fünfziger Jahren von Idolen wie James Dean und einem Millionenheer Heranwachsender getragenen Leaderhose ist wohl in dem Umstand

zu sehen, daß ihr Schlitz nicht mit profanem Reißverschluß sondern wie in guten alten Zeiten mit Knöpfen bestückt ist.

In einem der Commercials, die für das »501«-Revival sorgten, steigt ein junger Mann an einem sonnigen Morgen in seine Jeans und legt sich, einem Teenager-Ritual der Fünfziger entsprechend, in die Badewanne, um die Hose in Form zu bringen. Dazu erklingt das schöne alte Lied »Wonderful World« von Sam Cooke, ein Hit von 1960, den im Jeans-Spot ein begabter Imitator singt.

Unverzüglich setzte der Run auf die »501« ein und, ganz überraschend, auch auf die Originalmusik von Cooke. Der US-Konzern RCA, in dessen Archiven das OEuvre des Sängers geschlummert hatte, verkaufte allein in der Bundesrepublik 250000 »Wonderful World«-Singles, und eine Doppel-LP mit Cooke-Songs, Titel: »The Man And His Music«, erreichte eine Auflage von 50000 Exemplaren.

Zumindest im Fall Cooke hat sich so erwiesen, daß Qualität wieder gefragt ist. Denn der legendäre Sänger, einer der ersten großen schwarzen Popstars, war zuletzt nur noch als Kultfigur für Insiderzirkel präsent.

»Sam Cooke war der einzige, der mich wirklich beeinflußt hat«, bekannte der Brite Rod Stewart, der seinen Weltruhm einer unverwechselbaren, seinem Vorbild abgelauschten Sandpapierstimme verdankt.

Ein jüngerer englischer Star und Cooke-Verehrer, Paul Young, erkannte die Quelle des Zaubers, den das Musiker-Idol auf sein Publikum ausübte: »Wenn du einen Sam-Cooke-Song singst, fühlst du dich »als sei dir eine große Last genommen. Das ist dasselbe Gefühl der Erleichterung, das ich in der Gospel-Musik höre.«

Sam Cooke war einer der ersten Sänger, die den Gospel-Stil der schwarzen Kirche auf weltlichen Pop-Bühnen pflegten und sich für den Übertritt ins Lager des Teufels die Verachtung der Gläubigen einhandelten. Dafür aber hatte Cooke ein neues Genre in die Welt gebracht, die Soul-Musik.

Als Sohn eines Pfarrers in Chicago aufgewachsen, trat Cooke als Teenager in die populäre Gospel-Gruppe »Soul Stirrers« ein, und wenn der gutaussehende junge Mann seine einschmeichelnde Stimme auf die schwarze Gemeinde losließ, verwandelte sich die Kirche in ein Tollhaus: Die jungen Mädchen antworteten mit spontanen Begeisterungsschreien.

Der Wechsel aus der Kirche ins Pop Lager war schließlich ein konsequenter aber von Argwohn begleiteter Schritt. Seinem ersten großen Hit »You Send Me« von 1957 folgte eine nie mehr abreißende Erfolgsserie. Cooke ließ sich von seiner Plattenfirma RCA zu einem glatten Entertainer a la Sammy Davis jr., Johnny Mathis und Harry Belafonte modeln, was ihm zwar den Durchbruch zum weißen Publikum verschaffte, aber seine wirklichen Qualitäten manchmal verkümmern ließ.

Wenn er vor Schwarzen sang und nicht im piekfeinen Ambiente eines weißen Supper-Clubs, wirkte Cooke wie verwandelt: Da explodierte er leidenschaftlich und tauchte seine Zuhörer in Seelenbäder. Das 1985 erstmals veröffentlichte Album »Sam Cooke Live At The Harlem Square Club 1963« vermittelt eine solche Sternstunde der Soul-Musik.

Auf dem Gipfel seines Ruhms, im Alter von 33 Jahren, wurde Cooke das Opfer einer unglücklichen Affäre. Eine junge Eurasierin, die er in Los Angeles in ein Motel abgeschleppt hatte, war vor ihm geflohen, und als er handgreiflich nach der Begleiterin fahndete, erschoß ihn die schwarze Managerin des Etablissements.

Daß der elegante Beau jemals eine Bühne in Blue Jeans betreten hat, ist unwahrscheinlich. Einem solchen Kleidungsstück verdankt er nun, die Wege des Herrn sind unergrundlich, die Wiederauferstehung. Halleluja!

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