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BÜCHER / NEU IN DEUTSCHLAND Detlevs Pfeiferl

Hubert Fichte: »Detlevs Imitationen 'Grünspan'«. Rowohlt; 258 Seiten; 24 Mark.
aus DER SPIEGEL 12/1971

Hubert Fichte, 35, hat mit seinem letzten Roman »Die Palette« die Anfänge dessen dokumentiert, was seither unter dem Namen Underground auch literarisch ins Kraut geschossen ist. Die »palette« war ein Gammler-Lokal im Zentrum Hamburgs und hat inzwischen, nicht zuletzt durch Fichtes Wirken, legendäre Züge angenommen: »Früher lohnte es sich, In Hamburg zu leben, weil es die »Palette« gab. Warum lohnt es sich jetzt, in Hamburg zu leben?«

Im neuen Fichte-Titel taucht der Name eines anderen Hamburger Etablissements auf. Das »Grünspan«, ein auf der Großen Freiheit gelegener Beat-Schuppen, wurde in den späten sechziger Jahren zum Treffpunkt der Hip-Generation. Hat also Fichte das bewährte literarische Rezept von einst noch einmal benutzt, und lohnt es sich mithin jetzt, in Hamburg zu leben, weil es das »Grünspan« gibt?

Nur bedingt. Das »Grünspan« kommt zwar in dem neuen Werk gelegentlich zur Sprache, wenn von Jäckis, des »Paletten«-Helden, neueren Erfahrungen gehandelt wird. Gemeint aber Ist eigentlich der Grünspan, in den sich der Goldstaub in den Haaren Detlevs verwandelte, als er in der schlechten Zeit nach dem Krieg als »Frieden« im Giraudoux-Schauspiel »Der Trojanische Krieg findet nicht statt« auf einer Hamburger Bühne stand.

Detlev aber ist die Hauptfigur aus Fichtes Erstlingsroman »Das Waisenhaus« und ebenso wie Jäcki aus der »Palette« eine Projektion des Verfassers selber. In seinem neuen Roman hat Fichte sowohl Detlevs wie Jäckis Geschichte weitererzählt -- ohne daß es ihm gelungen wäre, die beiden Erzählschichten mehr als nur oberflächlich zu verknüpfen, so daß ihre Verarbeitung in ein und demselben Buch plausibel würde.

Ein unbefangener und mit Fichtes Werk nicht vertrauter Leser wird den Trick des Autors, in Detlev und Jäcki zwei verschiedene Figurationen derselben Gestalt auftreten zu lassen, trotz aufdringlicher Hinweise kaum mitbekommen: »Sie und ich und Detlev und Jäcki und Jäckis Ich und Detlevs Ich und mein [ch und Ihr Ich.«

»Ihr Ich« ist das des Lesers und erscheint nur zum Zwecke seiner Verunsicherung in diesem Zusammenhang: um die Sache ein bißchen spannender zu machen. Was heißt schon »Ich«? will der Autor wohl sagen.

Überhaupt sieht es aus, als sei Fichtes neuer Roman mehr Ausdruck einer erzählerischen und psychischen Krise und damit eine Notlösung. Längst abgehandelte Themen werden noch einmal aufgegriffen und von neuem abgehandelt, ohne daß ihnen über die stofflichen Details hinausgehende neue Aspekte abgewonnen würden.

Noch immer ist Detlev an seine Mutti fixiert und von seinem »Pfeiferl« fasziniert, und noch immer hängt Jäcki homosexuellen Problemen nach, wenn ihn auch die Neue Linke deren revolutionärer Lösung inzwischen ein wenig näher gebracht zu haben scheint: »Ich kann mir die Freiheit, wenn ich ehrlich bin, nur als eine gigantische weltweite Verschwulung vorstellen, sagt Jäcki.«

Wie immer das Doppelspiel dieses Romans gerechtfertigt werden kann -- letzten Endes handelt es sich doch bloß um eine Reprise. So sollte man sich mit Fichtes beachtlichem Talent zufriedengeben, Atmosphärisches in kurzen Sätzen einzufangen; wie etwa in diesem über das neue Klima nach Kriegsende: »Der Drogist verkauft Mutti wieder die Monatsbinden Camelia, als hätte er nie das Wort 'Gestapo' in den Mund genommen.«

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