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Deutsche Einheit als Theatersatire

aus DER SPIEGEL 42/1992

Irgendwo in Mecklenburg vereinigen sich in einem feinen, neudeutschen Golfplatz-Restaurant die Westfleisch-AG und die VEB-Ostfleisch zur Deutschfleisch-GmbH, während über der grotesken Szene die Raubvögel KA, WA, NA und BA kreisen: Kaiseradler, Weimaradler, Naziadler und Bundesadler. »Doppeldeutsch« heißt die Theatersatire, die am vergangenen Freitag in Rostock uraufgeführt wurde. Autor Harald Mueller, der vor allem mit seinem düster-futuristischen Endzeit-Drama »Totenfloß« bekannt wurde, hat die deutsche Vereinigung als grimmig-heitere Farce auf die Bühne gebracht, in der mächtig gesächselt wird ("Wennsä zu viele Hunde haben, gennensä Vietnamesen einführen. Dä fressen Ihnen dä Hunde uff! Un ooch umgekehrt!"). Muellers Helden tragen so sprechende Namen wie Volker Sieger und Werner Stehauf, Anita Eigen und Freia von Hüben. Über allem schwebt der Geist Kurt Tucholskys. An Tucholskys melancholisches Couplet über die Weimarer Republik, »Ideal und Wirklichkeit«, knüpft ein Vereinigungsschlager an, der am Ende aus der Musikbox des Mecklenburger Restaurants schallt: »Wir wollten unter Erichs hartem Zwange/ Demokratie! Und nun ist's die!/ Man wünscht sich immer eine große Lange/ und kriegt dann eine kleine Dicke:/ Ssälawih - .«

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