Samira El Ouassil

Deutsche Gastfreundschaft Zu Hause bei Feinden

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Deutschland hat ein neurotisches Verhältnis zum Begriff »Gast«: Es existiert hierzulande kein Recht, einer zu sein – aber stets die Pflicht, sich wie einer zu benehmen.
Das Motto der Fußball-WM: »Die Welt zu Gast bei Freunden«

Das Motto der Fußball-WM: »Die Welt zu Gast bei Freunden«

Foto: Frank Rumpenhorst / picture-alliance / dpa

In meinem Land wird der Satz »Du bist hier Gast!« verwendet, um Menschen einzuschüchtern. Er wird von Personen benutzt, die anderen vermitteln möchten, dass sie Ärger bereiten und unerwünscht sind. Das Wort »Gast« soll an die Vorläufigkeit eines Status erinnern, daran, dass jemand nicht als vollwertiges Mitglied der deutschen Gesellschaft wahrgenommen wird.

Der bürokratisch deklassierende Begriff »Gastarbeiter« und die Wendung in »Du bist Gast in unserem Land!« bedeuten, dass andere Menschen nicht besonders, sondern andersartig sind – und auf keinen Fall hier zu Hause. Eine Ausnahme schien das offizielle Motto der WM 2006 »Die Welt zu Gast bei Freunden« zu sein, mit dem Fußballdeutschland seine überbordende Gastfreundschaft feierte – allerdings ist, wenn man mal genauer überlegt, die Logik doch etwas sportlich, dass dabei zwischen uns und der Welt unterschieden wird. In Deutschland ist also der ganze Planet nur zu Gast.

Abschreckung und Ermahnung

Dass das Verhältnis zum Wort Gast in Deutschland ein neurotisches ist, kulminiert im Wort »Gastrecht«, das auch nur eine sich selbst überhöhende Hülse für »Aufenthaltsrecht« war. Aber behaupten zu können, dass »Gäste« ihr »Gastrecht« verwirkt und es sich nicht verdient hätten, so wie FDP-Politiker Klaus Kinkel es mit »Wer sein Gastrecht missbraucht, hat sein Aufenthaltsrecht verspielt« formulierte, oder die Linkenpolitikerin Sahra Wagenknecht mit »Wer sein Gastrecht missbraucht, der hat sein Gastrecht eben auch verwirkt« – das macht aus einer Regierung gütige Gastgeber, die lediglich einfordern, dass man sie bestenfalls nie besuchen möge.

Deswegen scheint das Wort »Gast« in politischen und bürokratischen Kontexten auch so verquer: Es existiert hier kein Recht, ein Gast zu sein, aber stets die Pflicht, sich wie einer zu benehmen.

In einer Pressekonferenz äußerte sich gerade die Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) zum Einsatz eines Berliner Polizeibeamten, der im Rahmen einer sogenannten Gefährderansprache die aufgesuchte Familie mit den Worten »Das ist mein Land und du bist hier Gast!« adressierte, wobei er per Video aufgenommen wurde. Auf die Frage, ob es sich hierbei um eine rassistische Aussage handelt, erwiderte sie: »Nein, das empfinde ich nicht als Rassismus.« Sie betonte zwar, dass es auch Rassismus in der Polizei gebe, dass man jedoch auch verstehen müsse, dass Polizeibeamt:innen im Einsatz, »wenn sie solche schweren Formen von Kriminalität auf der Straße erleben und dort durchgreifen, dass dann auch mal deutliche Sprache – das mal angesprochen wird.«

In ihrer Expertise als Politikerin, die sich gegen Rassismus einsetzen will, müsste Faeser wissen, dass es ein Problem ist, wenn eine nicht von Rassismus betroffene Person allein über empfundenen Rassismus urteilt. Und leider blieb am Ende ihrer Verständnisaufforderung etwas unverständlich, was genau sie mit diesem mutmaßlichen Nicht-Rassismus meinte.

Soll man den Polizist:innen nachsehen, dass sie im Eifer des Einsatzes auch mal deutlicher sprechen müssen – was auch immer das zunächst heißen mag – oder fällt der Satz »Das ist mein Land und du bist hier Gast!« unter diejenigen Sachverhalte, die im Angesicht des schweren Verbrechens auch mal deutlich angesprochen werden dürfen? Handelt es sich also gewissermaßen um eine legitime emotionale Berufsdiskriminierung?

Ob der besagte Fall – das Nichtbezahlen einer Geldstrafe in Höhe von 750 Euro, die der Familienvater schuldete, weil er dreimal ohne Fahrschein unterwegs war – unter solch eine schwere Kriminalität fällt, das überlasse ich Ihrem Urteil. Da der Vater der Zahlungsaufforderung nicht nachkam, wurde er in seiner Wohnung vor den Augen seiner Kinder auf dem Boden fixiert, wie selbstverständlich geduzt und eben als Gast bezeichnet. Teil des Einsatzes war auch die Gefährderansprache bei der Ehefrau, gegen welche wegen Nötigung ermittelt wird.

Sinn und Zweck einer solchen Ansprache sind Abschreckung und Ermahnung. Das sollte jedoch auch ohne die Diskriminierung aufgrund von Herkunft, ohne das Rekurrieren auf »Gast« und »Land« gehen, denn – das kommt jetzt vielleicht überraschend: In diesem Land muss sich tatsächlich jede:r an die Gesetze halten, egal ob Staatsbürger:innen oder Geflüchtete; egal, ob man hier schon seit Generationen lebt oder erst kürzlich eingewandert ist.

Das Befolgen von Regeln hat nichts mit einem Aufenthaltsstatus zu tun. Das jedoch zu betonen ist Ausdruck eines Ressentiments. Und das, liebe Frau Faeser, kann man doch von einem Polizisten erwarten: eine deutliche Ansprache machen, ohne Rassismus zu reproduzieren. Das muss möglich sein – vor allem hier, in meinem Land.

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