Zur Ausgabe
Artikel 91 / 119
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

LITERATUR Deutsche Masken

Der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich provoziert mit einem bissigen Buch über prominente Täuschungskünstler - und tarnt es als einen »Roman«.
Von Mathias Schreiber
aus DER SPIEGEL 43/2003

Kriechtiere und Lurche ändern oft ihre Hautfarbe je nach Beschaffenheit des Bodens, auf dem sie längere Zeit leben. Aber sie können nicht lügen. Der Mensch ist anders: Er sagt »ich« und behauptet, in allem Wandel derselbe zu sein. Dabei ist er ein großer »Tarnungs- und Täuschungskünstler«, der sich allzu oft hinter der Maske personaler Identität den, etwa politischen, Umständen anpasst.

Mehr oder weniger prominente Menschen aus Deutschland, die es auf diese vertrackte Weise den Lurchen und Kriechtieren gleichtaten, sind das Personal in Hans Joachim Schädlichs neuem Roman »Anders"*.

Anders, als er wirklich war, erschien zum Beispiel viele Jahre der linkslibera-le Aachener Star-Germanist Hans Schwerte. Eines Tages kam heraus, dass er eigentlich Hans Ernst Schneider hieß und im Dritten Reich einflussreicher Nazi-Funktionär gewesen war. Er hatte sich 1945 durch ein gefälschtes Papier eine neue Biografie zugelegt.

Ein Legendenstricker anderer Art war der DDR-Autor Bruno Apitz. Er schilderte - in dem Roman »Nackt unter Wölfen« -, wie der vierjährige Stefan Jerzy Zweig als einziges Kind das KZ Buchenwald überlebte, weil kommunistische Häftlinge ihn mutig vor dem Zugriff der SS-Schergen gerettet hatten. Eine antifaschistische Heldensaga der DDR-Kommunisten, die zum Beispiel unterschlug, dass nach der Befreiung des Lagers noch weitere 903 Kinder und Jugendliche dort lebend gefunden wurden.

Schädlich, 68, berichtet diese und andere Geschichten der Fälschung oder auch des totalen Identitätsverlusts (am Beispiel einer Alzheimer-Kranken) in Dialogform: Zwei pensionierte Meteorologen, beide verliebt in die schöne Architektin Ida, sammeln derartige Storys als typische »Fälle« des Anderswerdens. Sie erzählen sie sich wechselseitig und ihren Freunden, bis einer der Wetterkundler, der Ich-Erzähler, zu einem Kongress nach Australien reist, Ida dem Freund überlässt und fortan schweigend resigniert: »Hatte ich nicht schon genug gesagt?«

Schädlich brilliert als zornig genauer Kartograf grotesker Maskierungen; die letzte davon, die schlangenlinienförmige Karriere des »Schwatzrunden«-Virtuosen Gregor Gysi, hier genannt »Dschidschi«, kommt besonders komisch daher; in Wahrheit aber dient diese Komik selbst wieder als Tarnung - für eine grimmige Abrechnung mit dem PDS-Politiker.

Spätestens in diesem Kapitel zerbricht der aufrüttelnde zeitgeschichtliche Stoff die ohnehin schwache Rahmenhandlung und deren Gesprächsästhetik. Schädlich hat ein wichtiges, fesselndes Buch geschrieben - allerdings keinen Roman.

MATHIAS SCHREIBER

* Hans Joachim Schädlich: »Anders«. Roman. Rowohlt Verlag,Reinbek; 224 Seiten; 19,90 Euro.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 91 / 119
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.