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GESCHICHTE / PLOETZ Deutsche Ströme

aus DER SPIEGEL 20/1969

Ein Computer und 21 Professoren 11, machten Geschichte. Fünf Jahre lang beschrieben, kommentierten und registrierten sie Ereignisse aus der Erden-Historie.

Das Ergebnis dieser Fleißarbeit erschien als 27. Auflage des »Großen Ploetz« -- mit einem Umfang von 2296 Dünndruckseiten der bislang größte*.

Aus rund 5000 Jahren -- vom Einmarsch der Semiten in Nordbabylonien im Jahre 3000 vor Christus bis zur Entsendung eines australischen Infanteriebataillons nach, Südvietnam am 29. Juli 1965 -- haben die Ploetz-Bearbeiter Daten und Namen für den Schnellgebrauch programmiert.

Autor von alledem ist, laut Titelblatt, wie vor über 100 Jahren -- 1863 erschien die erste Auflage des Ploetz -- noch immer »Dr. Karl Ploetz, weiland Professor am Französischen Gymnasium in Berlin«.

Ploetz (1819 bis 1881) hatte, verärgert über die schon damals unzulänglichen Schulbücher, zunächst für den Unterricht in Französisch den Lehrstoff systematisch angeordnet und diese Methode später auch auf Geschichtslehrbücher übertragen. Stichwortartig erläuterte er historische Daten, faßte Geschichtsperioden zusammen und verwendete verschiedene Drucktypen, tim Daten und Namen besonders hervorzuheben. Daran hat sich auch in der 27. Auflage nichts geändert.

Traditionsbewußt zeigt sich der neue Ploetz freilich nicht nur in der Form, sondern auch im Inhalt. Da heißen die russischen Kommunisten noch immer »Bolschewiken«, und schuld am Ersten Weltkrieg sind immer noch die Franzosen, weil sie Eisaß-Lothringen wiederhaben wollten, die Russen, weil sie den Panslawismus unterstützten, und »der Imperialismus der großen Mächte«.

Obwohl die Neueste Geschichte (1914 bis 1965) fast die Hälfte des Bandes beansprucht und von fünfzehn Fachleuten, angeführt von dem Heidelberger Professor Werner Conze, bearbeitet worden ist, wird zum Beispiel über die unselige Rolle der Alldeutschen während des Ersten Weltkrieges mit keinem Wort berichtet.

Lediglich die Gründung des Verbandes wurde 200 Seiten vorher erwähnt, nicht aber die maßlosen Kriegsziele der alldeutschen Lobby, an denen etwa der Friedensversuch Papst Benedikts XV. im Jahre 1917 scheiterte.

Verschwiegen wird im neuen Ploetz nicht nur die Rolle der Alldeutschen. Die Knebelung der Kommunistischen Partei durch Hitler im März 1933 wird lediglich als »Ausschluß« aus dem Reichstag vermerkt, und über Ernst Thälmann, den 1944 ermordeten Vorsitzenden der KPD, erfährt der Leser nur, daß er bei den Reichspräsidenten-

* Karl Ploetz: »Auszug aus der Geschichte«; 27. Auflage. A. G. Ploetz-Verlag, Würzburg; 2296 Seiten; 59,80 Mark.

wahlen von 1925 und 1932 kandidiert hat.

Und zum KPD-Verbot durch das Bundesverfassungsgericht im Jahre 1956 heißt es im Ploetz: »Wegen subversiver Tätigkeit wird die KPD für verfassungswidrig erklärt ...« -- obwohl im Urteil selbst von subversiver Tätigkeit keine Rede ist.

Mehr Sympathie hingegen scheint der neue Ploetz für das Dritte Reich zu haben. So »schafft das Gesetz »zur Ordnung der nationalen Arbeit« mit der »Betriebsgemeinschaft« und dem »Treuhänder der Arbeit« die Grundlagen des Arbeitsrechts«, »die Hoheit über die deutschen Ströme« wird wiederhergestellt, und in den seit 1939 besetzten Gebieten zeigen sich die Deutschen geradezu als Wohltäter: »Maschinen werden in die besetzten Gebiete gebracht und dort neue Industrien aufgebaut«, »viele hundert Millionen Mark« werden investiert. »Arbeitslosigkeit in den besetzten Gebieten zählt daher zu den Ausnahmen.«

Glanzstück im neuen Ploetz freilich ist die zusammenfassende Darstellung von »Literatur und Dichtung« im 20. Jahrhundert. Autor des »hanebüchen unkritischen Artikels« ("Rheinischer Merkur") ist der konservative Oberregierungsbibliotheksrat in Ruhe und Konrad-Adenauer-Preisträger Emil Franzel.

Für Franzel ist Thomas Mann »der Dekadenz verhaftet«, während der Österreicher Heimito von Doderer ("Die Dämonen") »wie ein erratischer Block aus der Epik der letzten Jahre ragt«. Und über James Joyce, den bedeutendsten Romancier des 20. Jahrhunderts, weiß Franzel zu berichten, er habe »den normalen Satzbau preisgegeben«.

Gleichwohl ist Ploetz-Verleger Edgar von Harbou mit der neuen Auflage zufrieden: »Wir bemühten uns, die Proportionen richtig zu halten.«

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