Deutscher Comedypreis Alles Käse

Unfreiwillig unlustig, aber dafür mit Bonus-Frauenbeteiligung: Der Deutsche Comedypreis versuchte sich auch in diesem Jahr an einer Lach-Leistungsschau. Anschließend wurde noch mit Scheibletten gespielt.
"Beste Komikerin" Hazel Brugger: Die etablierten Nominierten gingen leer aus

"Beste Komikerin" Hazel Brugger: Die etablierten Nominierten gingen leer aus

Foto: Willi Weber / dpa

Die beste Pointe war natürlich der eingespielte Applaus. Die Lacher aus der Dose, mit denen man beim Deutschen Comedypreis vordergründig das Corona-konform ausgedünnte und darum naturgemäß leisere Saalpublikum andickte, die aber mit jedem vorsorglich eingespielten Konservengackern noch einmal unfreiwillig unbarmherzig darauf aufmerksam machten, dass vieles, was da auf der Bühne passierte, nicht lustig war. Was darf Satire , wird ja gern und viel diskutiert. Eine weniger drängende, aber ebenso grundsätzliche Frage wäre: Ist es eigentlich Comedy, wenn keiner lacht? 

Vielleicht könnte man bei der Preisverleihung im nächsten Jahr darum wirklich einfach einen Lachomat auf die Bühne rollen, der die tatsächlichen Reaktionen misst, herausgeprustet von einem real-divers nachgebauten Publikum: Prämiert würde, über wen gelacht wird. Das klingt naiv, wäre aber womöglich die ernsthaft demokratischste Vergabevariante für einen Witzpreis, nachdem die beiden bisher angewandten Verfahren als eher unbefriedigende Lösungen erscheinen. 

Gags schwankender Güte und unerwartete Gewinnerinnen

Bislang entschied eine Branchenjury über die Gewinner, was naturgemäß einen gewissen Schacher-Verdacht mit sich brachte. Mit dem Wechsel der Preisverleihung von RTL zu Sat.1 durften in diesem Jahr zum ersten Mal die Zuschauer entscheiden, vor allem mittels einer Onlineabstimmung, zusätzlich mit Anrufen während der Show - ein Verfahren, das wenig überraschend die bisher bestehenden Machtverhältnisse umkegelte. So gewann Hazel Brugger den Preis als "Beste Komikerin" gegen die etablierten Nominierten Carolin Kebekus und Martina Hill, Felix Lobrecht siegte in der entsprechenden Männerkategorie gegen den doch eigentlich schon als unvermeidlich verbuchten Luke Mockridge und Chris Tall.

Bei der "Besten Comedy-Show" gewann das kleine Funk-Format "World Wide Wohnzimmer" eher unerwartet gegen die Konkurrenzprodukte von Carolin Kebekus, Mockridge und Tall, den Preis für die "Beste Comedy-Serie" holte "Slavik - Auf Staats Nacken", das Joyn-Format von Ex-Ostboy Mark Filatov. "Sein Preis ist unser aller Preis", schrieb Slavik-Kumpel und Brüll-Streamer Knossi daraufhin auf Instagram, der selbst derzeit als "Schaut her, wir sind modern und kennen das Internet"-Maskottchen von TV-Sendung zu TV-Sendung gereicht wird: "Denn ab sofort ist alles möglich." Oder alles komplett beliebig, weil damit final bewiesen wurde, was man eh schon wusste: Dass es bei der Beurteilung von Humor eben darauf ankommt, wen man wo fragt, was er lustig findet. 

Oder was sie lustig findet, sowas gibt's ja auch. Dass auch Frauen witzig sind, war den Veranstaltern im Vorfeld leider durchgerutscht. Hastig wurde, als die heillose Verbuddysierung der Nominiertenliste dann doch allgemein auffiel, noch eher täppisch eine eigene Kategorie für Podcasterinnen nachgeschoben. Diese ermüdende Ignoranz war dann auch bei der Gala omnipräsentes Thema, angefangen beim schmerzhaft trägen Einfall, die Preise von einem wirklich alten weißen Mann auf einem Tablett servieren zu lassen. Auch die meisten Laudatoren und Laudatorinnen griffen das Thema auf, verpackt in Gags schwankender Güte, und schufen damit ein neues, schwer lösbares Dilemma: Natürlich muss so etwas angesprochen werden, doch die Verhältnisse zu verwitzeln bedeutet auch, sie zu normalisieren. Als wäre das eben alles doch zum Lachen, obwohl es in Wahrheit zum Heulen ist.

Kritik an künstlichen Gendersortierungen

Angemessen war darum vor allem Katrin Bauerfeinds angenehm pampige Laudatio, mit der sie die durchweg männlichen Nominierten in der Kategorie "Beste Moderation" bedachte. Laura Larsson und Ariana Baborie gewannen den Podcasterinnenpreis für "Herrengedeck" und wünschten sich in ihrer Dankesrede, dass es in Zukunft keine künstlichen Gendersortierungen geben solle. "Wäre es nicht schön, wenn alle an einem Tisch sitzen könnten, Mann, Frau, Trans, Schwarz", fragt Larsson - und Laudator Torsten Sträter, der sich vorher ebenfalls deutlich für selbstverständliche, gemeinsame Preiskategorien ausgesprochen hatte, platzte ausgerechnet in diesem Moment, in dem die Bühne einmal Frauen gehörte, mit einem gar nicht mal so lustigen Witz von der Seite dazwischen. Gemeinsamer Tisch sei schwierig, weil: "Ist doch Corona". Eine winzige Szene, womöglich aber doch symptomatisch.   

Auch abseits des Genderdebakels wirkten ärgerlich viele Details der Gala, als habe man sie beim Brainstorming nach der ersten halbherzigen Idee matt als "ach, reicht schon" durchgewinkt: Die Eröffnungsnummer von Luke Mockridge, in der sich lustig gemeinte Panne an Panne reihte. Die Wobbelkopf-Animationen der Podcast-Nominierten. Die Zwischeneinspieler aus der "Comedy-Academy", in deren Hall of Fame der größten deutschen Witzbolde neben Loriot und Heinz Erhardt auch ein Bild von Horst Seehofer hing. Erschreckend unlustig waren auch die 90-Sekunden-Stand-ups, die die als "Newcomer" Nominierten darboten.

Man würde ja denken, dass man bei einer solchen Gelegenheit seine besten Gags auspackt - doch Simon Stäbleins einziger Pointenversuch war der Witz, er habe als Kind nicht einmal Triangel spielen können, Simon Pearce erklärte großväterlich, er werde nächstes Jahr 40, sei also doppelt so alt wie seine Mitnominierten. "Ich bin also von ihr so weit entfernt wie Laura vom Wendler" - warum schämt man sich beim Zusehen wegen solcher Staubwitze eigentlich mehr als die Menschen, die sie machen? Auch Maria Clara Groppler, die den Preis gewann, lieferte Scherze, die trotz ihrer weiblichen Perspektive altherriger nicht sein könnten: "90 Sekunden - oder, wie ich sage: zweimal Sex mit meinem Ex".

Wo steht deutscher Humor heute?

Weil dann auch schon alles egal ist, schaltet man nach drei Stunden Comedypreisgala auch noch rüber zu RTL, wo der Zweifachnominierte Chris Tall gerade live in eine neue Staffel seiner Show "Darf er das?" startet, und man erwischt exakt den Moment, in dem er die beiden Trash-TV-Protagonisten Jessica Paszka und Johannes Haller ungelenk zu einem Beziehungsouting drängelt.

Dann wird Henrik Stoltenberg, Verteidigungsministerenkel und Bon-Schlonzo-Bonvivat aus der gerade beendeten "Love Island"-Staffel (bitte einfach so hinnehmen, es würde zu lange dauern, das zu erklären), in einem bizarr langen, spektakulär unlustigen Live-Prank in den Irrglauben getrickst, er wäre gerade bei einem Casting für eine neue Tanzshow. Der erhoffte Witz: Ihn tanzen lassen, obwohl er nicht tanzen kann. Das Problem: Eigentlich tanzt er gar nicht so schlecht. Die Lösung: Man verbindet ihm die Augen und Chris Tall springt ihn an, beide fallen hintenüber auf eine Gymnastikmatte. Lustiger war es nur, als Tall kurz zuvor eine Scheibe gepressten Schmelzkäse ins Gesicht geklatscht bekam. Es stimmt schon: Man kann sich wirklich keine Frau vorstellen, die diesen Sendeplatz lustiger füllen könnte.

Offenlegung der Redaktion: Die Autorin war 2017 und 2018 Teil der Jury des Deutschen Comedypreises.

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