Kolonialverbrechen in der Südsee »Die Deutschen zerstörten ein Paradies – und behaupten bis heute das Gegenteil«

Ein Segelboot von der Südseeinsel Luf soll ein Highlight der Ausstellung im Berliner Stadtschloss werden. Der Historiker Götz Aly sagt: Das Exponat steht für ein düsteres Kapitel deutscher Geschichte.
Ein Interview von Felix Bohr und Ulrike Knöfel
Luf-Boot 1903

Luf-Boot 1903

Foto: Richard Parkinson / Staatliche Museen zu Berlin, SPK / Ethnologisches Museum

SPIEGEL: Herr Aly, das berühmte letzte Boot von der Südseeinsel Luf wird bald im Berliner Stadtschloss zu sehen sein – und diesen Ort laut Kulturstaatsministerin Monika Grütters überhaupt erst strahlen lassen. Sie schildern in Ihrem neuen Buch am Beispiel dieses Bootes die brutale deutsche Kolonialherrschaft in Ozeanien. Wer hat recht?

Aly: Das Reiseboot ist wunderschön und ein höchst wichtiges, ja strahlendes Weltkulturerbe. Aber warum existiert von diesem Bootstyp nur noch ein einziges Exemplar auf der Welt? Die Antwort darauf führt in ein düsteres Kapitel deutscher Kolonialgeschichte.

SPIEGEL: Ist es wissenschaftlich statthaft, die Geschichte einer Epoche auf ein einziges Objekt zu reduzieren?

Aly: Das Luf-Boot steht pars pro toto. Die Insel Luf war wie viele andere Inseln in der Südsee ein Paradies, bis die Kolonialherren kamen. Sie drangen mit aller Gewalt in die dort lebenden menschlichen Gemeinschaften ein, unterwarfen sie ihren kommerziellen Interessen und zerstörten die bestehende Kultur.

SPIEGEL: Kann das Reiseboot nach Ihren Forschungsergebnissen überhaupt noch zu einer Hauptattraktion im Stadtschloss werden?

Aly: Es befindet sich bereits seit 2018 im Schloss. Es ist das größte Ausstellungsstück, deshalb wurde die Mauer erst nachträglich geschlossen. Man müsste eine Wand einreißen, um es wieder herauszubekommen. Unmöglich ist das nicht.

SPIEGEL: Der Präsident der zuständigen Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, betonte damals, das Boot sei gleich nach der Fertigstellung gar nicht mehr gebraucht worden und aufgrund des Bevölkerungsrückgangs auf der Insel Luf nie zu Wasser gelassen worden.

Das Luf-Boot am alten Standort in Berlin-Dahlem: »Das Verschleiern der fragwürdigen Herkunft muss aufhören«

Das Luf-Boot am alten Standort in Berlin-Dahlem: »Das Verschleiern der fragwürdigen Herkunft muss aufhören«

Foto: Stefan Müchler / SPK

Aly: Leider verschwieg er, wer für den dramatischen Niedergang verantwortlich war. Denn deutsche Kaufleute ließen die Bewohner der Hermit-Inseln, zu denen Luf gehört, nach Perlmutt tauchen und Kopra aus Kokosnüssen kratzen – und wehe, sie wehrten sich gegen die Zwangsarbeit und die Vernichtung ihrer Lebenswelt. 1882 ermordeten deutsche Marineinfanteristen der Kriegsschiffe »Carola« und »Hyäne« einen Teil der Bevölkerung von Luf, sie verbrannten alle Hütten und Boote, das führte zu einem Massensterben. Auf der nur sechseinhalb Quadratkilometer großen Insel Luf wohnten, bevor die Deutschen zuschlugen, etwa 400 Menschen, davon überlebten nur wenige.

SPIEGEL: Das Luf-Boot ist um 1890/95 gebaut worden, 1903 wurde es nach Deutschland gebracht. Welche Bedeutung hat es aus heutiger Sicht?

Aly: Angemessen erklärt führt dieses zum Museumsobjekt gemachte Boot mitten hinein in die deutsche Kolonialpolitik, zu den Bestrafungsbefehlen des Reichskanzlers Otto von Bismarck und zur grausamen Behandlung der Menschen in den deutschen »Schutzgebieten«. Außerdem ist dieses Boot das letzte Zeugnis einer großen Kultur. Es kann 50 Menschen tragen, gegen Wind kreuzen, ist hochseetüchtig. Es gibt eine Vorstellung davon, mit welchen Fahrzeugen die entlegensten Südseeinseln vor vielen 1000 Jahren besiedelt wurden – zu einer Zeit, als man im heutigen Deutschland noch in Höhlen hauste.

SPIEGEL: Die Deutschen haben in den Kolonien im Vergleich zu anderen europäischen Mächten besonders viele Objekte an sich gerafft. Woher kommt dieser deutsche Sammelwahn?

Aly: Die völkerkundlichen Forschungen verliehen der Kolonialisierung den Anschein eines wissenschaftlichen Projekts. Es wurden spezielle Anweisungen an die Kriegsmarine herausgegeben, wie bei Gelegenheit sogenannter Strafexpeditionen Kulturgüter zu sammeln seien. Oft wurden aus Militärärzten Hobby-Völkerkundler und Hobby-Anthropologen. Die Kaufleute entdeckten den Geschäftszweig »Kuriositäten der Naturvölker«.

SPIEGEL: Wenn die deutschen Kolonialherren versuchten, ihr zerstörerisches Vorgehen, »wissenschaftlich« zu rechtfertigen, spricht das doch für ein schlechtes Gewissen.

Aly: Zweifellos. Um ihr Gewissen zu beruhigen, behaupteten die vielfach räuberisch vorgehenden Sammler gern, sie würden die Zeugnisse untergehender Kulturen retten. Diese Form der Rechtfertigung hält sich bis heute. Aber die sogenannten Retter gehörten selbst zu den europäischen Stoßtruppen kultureller Verwüstung.

Es gab sogar »Rauchschulen«, damit die Leute süchtig wurden, um dann Kunstobjekte und Kokosnüsse gegen sehr schlechten, sehr billigen Tabak einzutauschen.

SPIEGEL: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat immer wieder behauptet, das Boot sei von dem Kaufmann Max Thiel erworben worden, dem damaligen Chef der Handelsfirma Hernsheim & Co. in der Südsee. »Erworben« klingt nach einem seriösen Kauf.

Aly: Dafür gibt es keinerlei Beleg. Eduard Hernsheim formulierte in seinen Lebenserinnerungen: »Das Boot ging in meine Hände über.« Was ging in den Kolonien und später in totalitären europäischen Staaten nicht alles »in andere Hände über«? So beschreibt man keinen redlichen Erwerb. Im Übrigen hatte Hernsheim 1882 selbst bei Bismarck die Strafaktion gegen die Luf-Leute angefordert. Er hatte die Menschen dort zu einer »grauenhaften Bande« erklärt, die man mit Gewalt »pazifizieren« müsse.

SPIEGEL: Muss nicht grundsätzlich unterschieden werden zwischen Plünderungen und dem Kauf von Objekten? Es gab – wie von den heutigen Besitzern noch häufig betont wird – auch Tauschgeschäfte.

Aly: Wenn Deutsche bezahlten, dann mit Glasperlen, Handspiegeln, alten roten Krawatten, später mit Messern und Nägeln, in der Südsee vor allem aber mit minderwertigem Tabak der Sorte »Niggerhead«. Hernsheim errichtete sogar, man glaubt es kaum, »Rauchschulen«, damit die Leute süchtig wurden, um dann Kunstobjekte und Kokosnüsse gegen sehr schlechten, sehr billigen Tabak einzutauschen.

SPIEGEL: Die Berliner Museen gelangten an 65.000 Objekte aus der Südsee, darunter sind Kanuverzierungen, Skulpturen, Beile, Halsschmuck und vieles mehr. Sollten all diese Objekte zurückgegeben werden?

Aly: In meinem Buch plädiere ich dafür, zunächst einmal zu den Schauobjekten die jeweilige koloniale Geschichte zu erzählen. Die im Humboldt Forum tätigen Kuratoren können im Fall des Luf-Boots anhand meiner externen Provenienzforschung damit morgen beginnen. Sie sollen sich ehrlich machen. Die Besucher sollen sich nicht einfach am Exotischen der »Naturvölker« ergötzen, sondern die Reste einer Hochkultur und deren Zerstörung durch deutsche und europäische Kolonialherren kennenlernen.

SPIEGEL: Wollen Sie damit sagen, die Stiftung kaschiert absichtlich die Herkunftsgeschichte?

Aly: Ich habe die Inventare des Berliner Ethnologischen Museums zur Südsee durchgelesen, insgesamt sieben handgeschriebene Folianten. Das geht sehr schnell. Vieles wiederholt sich. Dabei fällt auf, dass in der öffentlich zugänglichen Datenbank der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die längst nicht alle Stücke enthält, eine »Strafexpedition« zur »Expedition« verniedlicht wird, da wird ein Max Braun als Sammler geführt und nicht mitgeteilt, dass er Unterzahlmeister des Kanonenboots »Möwe« war, der Sammler Jakob Weisser diente in ähnlicher Funktion auf dem Kanonenboot »Hyäne«, da wird ein Auktionshaus in London, das regelmäßig koloniales Raubgut unter den Hammer brachte, zur »Sammlerin Webster«.

SPIEGEL: Und das ist Ihrer Ansicht nach Vorsatz?

Aly: Zumindest legt es eine Tradition des Nicht-wissen-Wollens offen. Dahinter steht die oft unausgesprochene Haltung: Wenn man da an einer Ecke anfängt, wo hört das auf?

SPIEGEL: Gibt es überhaupt Rückgabeforderungen von den Nachfahren der Luf-Bewohner?

Aly: Soweit ich weiß, bestehen solche Forderungen nicht. Das heutige Papua-Neuguinea ist eines der ärmsten Länder der Welt. Das Nationalmuseum in der Hauptstadt Port Moresby ist schlecht ausgestattet. Aber das kann sich ändern. Mein Buch soll bald ins Englische übersetzt werden. Man sollte auch die Inventare auf Englisch zugänglich machen, damit sie die Nachfahren der einst Beraubten leichter lesen können.

SPIEGEL: Sie erwähnen in Ihrem Buch Ihren Urgroßonkel, der als Militärgeistlicher an der sogenannten Inbesitznahme deutscher Kolonen beteiligt war. Nach ihm wurde sogar eine Insel benannt. Wie hat man in Ihrer Familie über diese Insel Aly gesprochen?

Aly: Als Kind hörte ich, unsere Familie besäße eine Insel in der Südsee, das klang halb anekdotisch, halb märchenhaft. Mein Urgroßonkel wollte als junger Mann in die weite Welt reisen. Das ging für ihn am besten mithilfe der Kriegsmarine. Er erteilte den sogenannten Unterschutzstellungen in Südwestafrika, auf Sansibar und in Neuguinea seinen protestantischen Segen. Dabei wurden die zu Kolonien erklärten Weltgegenden auch kartografiert und mit deutschen Namen versehen. Kleinere Inseln erhielten die Namen von Offizieren und gleichrangigen Schiffspfarrern und -ärzten.

SPIEGEL: Er zählte also zu den Tätern.

Aly: Die deutsche Geschichtsschreibung tendiert oft zur kühlen Distanzierung von den Tätern und zur schnellen Identifizierung mit den Opfern. Beides ist falsch. Es ist wichtig, auch die Täterpersönlichkeiten zu erkunden, gerade dann, wenn man über private Dokumente verfügt. Der Militärgeistliche Gottlob Johannes Aly hat nicht geschossen, aber er hielt den Kolonialismus für völlig normal und fand, man solle auch »Menschen primitivster Art«, so drückte er sich aus, »für das Evangelium gewinnen«.

Für einen Mentalitätswandel an der politischen Spitze ist häufig ein Generationenwechsel nötig, belasten wir Frau Merkel in den letzten Monaten ihrer Amtszeit nicht damit.

SPIEGEL: Sie sind bekannt für Ihre Studien zur NS-Geschichte. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus?

Aly: Nur so viel: Auch im Schatten der Decolonize-Bewegung gedeihen Antisemitismus, Antizionismus und Islamismus. Zudem besteht in diesen Kreisen die Neigung zu falschen Gleichsetzungen und zu einer Gedenkkonkurrenz. Das ist die aktuelle Seite. Andererseits entwickelten sich Rassismus und sogenannte Rassentheorien fraglos im Kontext des Kolonialismus. Von den vielen Kolonialmächten schritt jedoch nur eine Macht, nämlich Deutschland, das seine Kolonien schnell wieder eingebüßt hatte, zum Massenmord an den europäischen Juden. Die Gründe dafür sind vielschichtiger und kontingenter Natur. Ich möchte dieses Thema nicht in einem Interview abhandeln.

SPIEGEL: Warum haben Sie sich dem Thema Kolonialismus nicht früher gewidmet?

Aly: Als ich das Boot in den Siebzigerjahren im Berliner Ethnologischen Museum mit meinen Kindern besucht habe, fragte ich mich nie, unter welchen Umständen es dort hingekommen war. Auch mich haben erst die immer stärker gewordenen Debatten über den deutschen Kolonialismus wachgerüttelt. Dabei ging und geht es fast immer um Afrika, nicht jedoch um die kolonialen Raub- und Mordtaten in der deutschen Südseekolonie. Dieser blinde Fleck in der kolonialgeschichtlichen Debatte, das mir so gut bekannte Luf-Boot und der familiäre Bezug haben mich zu meinem Buch motiviert.

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2021

Der deutsche Kolonialismus: Die verdrängten Verbrechen in Afrika, China und im Pazifik

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SPIEGEL: In Frankreich macht sich Emmanuel Macron für Aufarbeitung und Restitution stark, Kanzlerin Angela Merkel ist in diesen Fragen auffallend still.

Aly: Für einen solchen Mentalitätswandel an der politischen Spitze ist häufig ein Generationenwechsel nötig, belasten wir Frau Merkel in den letzten Monaten ihrer Amtszeit nicht damit. Die ethnologischen Museen aber dürfen nicht länger warten. Sie müssen schnell das Verschleiern der ganz überwiegend fragwürdigen Herkunft ihrer Prunk- und Ausstellungstücke beenden. Das Thema Kolonialismus muss dem interessierten Publikum unmittelbar an der Geschichte einzelner Ausstellungsobjekte gezeigt werden – das würde dem Humboldt Forum zur Ehre gereichen. Sobald der Prozess der Selbstaufklärung in Gang gekommen sein wird, werden sich die Fragen von Restitution und Aufteilung der vorhandenen Bestände neu stellen.