Zur Ausgabe
Artikel 76 / 86
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

LITERATUR / WETTER Deutscher Mond

aus DER SPIEGEL 15/1971

Man hat einfach nicht mehr die Kraft, derartiges zu lesen«, so entrüstete sich einst Leo Tolstoi. Er war, wieder einmal, bei literarischer Lektüre auf eine Wetter-Schilderung gestoßen: »Wie man gewöhnlich vom Wetter redet, so geht es auch den Schriftstellern; wenn sie nichts zu schreiben haben, schreiben sie eben vom Wetter.«

Doch Tolstoi unterschätzte die literarische Meteorologie: Daß Wetter-Schilderungen nicht Erzähl-Müll sein müssen, sondern »verkappte« politische Kommentare sein können -- zu diesem Schluß kommt zumindest eine literaturwissenschaftliche Dissertation über dieses »Kunstmittel und seinen ideologischen Gebrauch im Roman des bürgerlichen Realismus«, die jetzt der Berliner Germanist Friedrich Christian Delius, 28, als Buch veröffentlicht hat. Titel: »Der Held und sein Wetter"*.

Delius, der 1965 mit linker Lyrik ("Kerbholz") debütierte und sich 1966 mit einer satirischen Montage aus dem »Originalmarktdeutsch« des Düsseldorfer CDU-Wirtschaftstages ("Wir Unternehmer") im »Handwerk des Zersetzens« weitertrainierte, hatte den »vergleichsweise banalen« Gegenstand Wetter zunächst mit Skrupeln studiert, Seinen Doktorvater Walter Höherer, der ihm das Thema zuteilte, nennt er denn auch klassenbewußt nur in Fußnote und selbst da noch in Klammern.

Interesse gewann der Wetterkundler wider Willen erst, als ihm bei der Analyse von 60 Romanen des 19. Jahrhunderts der »naive Verdacht« dämmerte, auch in der literarischen Wetterfühligkeit jener Epoche äußere sich »verfestigtes bürgerliches Denken«. Seit dem Scheitern der Revolution von 1848, so registrierte er nämlich, regnet, schneit, stürmt, blaut und graut der Himmel in Deutschlands Erzählprosa wie nie zuvor. Und das, so mutmaßte er, sei Flucht politisch frustrierter Romanciers und Leser in die fiktive Harmonie mit der Natur, oder wie es Dellus' Kronzeuge, der Erzähler Otto Ludwig, wendete: »Überblumung der nackten Stellen des Lebens«.

Einer, der solche Blößen, nach Delius, am raffiniertesten zu decken verstand, war Wilhelm Raabe. Der entdeckte nicht nur, im gleichnamigen Erzählungsband, den »Deutschen Mondschein«, der in sozialer Unparteilichkeit auf Proletarier wie Ausbeuter gleichermaßen »verklärend« leuchtet. Er ersann auch den etwas dekadenten Sex der Wolken, die »schlaffen Busen« gleichen. Und im »Hungerpastor« erfand Raabe sogar die antisemitische Sonne. Die »ruft« dem arischen Helden Hans zum Abitur ein »summa cum laude« zu. Dem »unver-

* F. C. Delius: »Der Held und sein Wetter. Hanser Verlag, München; 180 Seiten; 29 Mark.

schämten Judenjungen« Moses hingegen, der sich in ein deutsches Mädchen verliebt hat, teilt sie, als hämisches Gleichnis, gefräßige Raupen zu, die in schwüler Frühsommerhitze über »frischgrünes« Laubwerk kriechen.

Doch dermaßen »massiver Wettereinsatz«, der progressive Germanist konstatiert es mit Erleichterung, hat schließlich auch dieses »Kunstmittel verschlissen. Es wurde, so Delius, zum Privileg von Trivial-Autoren wie Ganghofer. Von der »regelrechten Leserin« erwartete schon Fontane, daß sie Wetter-Passagen »in 99 von 100 Fällen einfach überschlägt«, und er gab ihr recht: »Eine Sonne auf -- oder untergehen zu lassen ist die billigste literarische Beschäftigung.

Ganz mochte indes auch er auf die Roman-Meteorologie nicht verzichten. Geniert erfand er -- in »Unwiederbringlich« etwa -- die diskreteren Wetter-Nuancen: das »schwache« Schneetreiben als Sinnbild des unschlüssigen Verliebten, den »leisen« Nebel als Metapher für den zwischen ehelicher Treue und Sehnsucht nach der Geliebten schwankenden Mann.

Fast wetterscheu, so weist Delius nach, ist dagegen die moderne Literatur. Bertolt Brecht schaffte Wind und Regen, Sonne und Mond in seinem Erzählwerk so gut wie ganz ab. Uwe »Johnson hat das fiktive Wetter in seinem neuen Roman »Jahrestage« durch selbst erfahrenes, vom Leser überprüfbares Klima ersetzt: »Hier (in »Jerichow) regnet es seltener als anderswo in Mecklenburg. Die Apfelblüte ist spät, Mitte Mai, der Winterroggen ist reif am 25. Juli.«

Und Samuel Beckett schließlich hat, in »Murphy«, gerade die Monotonie der Wetter-Symbolik so schön zur Pointe gespitzt, (aß diese dem Literaturforscher Delius als ein Motto seiner Dissertation gelegen kam: »Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 76 / 86
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel