Streit über »Deutsches Fotoinstitut« »Grütters ignoriert den Willen des Parlamentes«

Wo soll das Bundesinstitut für Fotografie entstehen: Düsseldorf oder Essen? Der Düsseldorfer Oberbürgermeister Stephan Keller kritisiert Kulturstaatsministerin Monika Grütters scharf – und unterstellt ihr undemokratisches Handeln.
Ein Interview von Ulrike Knöfel
Gelände des Düsseldorfer Ehrenhofes und möglicher Standort eines Bundesfotoinstitutes: Sorge der Landeshauptstadt, zum Opfer eines »zweifelhaften Vorganges« zu werden.

Gelände des Düsseldorfer Ehrenhofes und möglicher Standort eines Bundesfotoinstitutes: Sorge der Landeshauptstadt, zum Opfer eines »zweifelhaften Vorganges« zu werden.

Foto: Hans Blossey / imago images

SPIEGEL: Herr Keller, seit Monaten wird darum gestritten, ob ein Bundesinstitut für Fotografie besser in Düsseldorf oder in Essen angesiedelt wäre. Kulturstaatsministerin Monika Grütters veranstaltet heute ein Gütegespräch in Berlin – doch Sie haben die Einladung ausgeschlagen. Warum?

Keller: So einfach ist es nicht. Ich war es, der Frau Grütters gebeten hat, alle Beteiligten zügig an einen Tisch zu holen, sie wollte dem nachkommen, hat sich dann aber Zeit gelassen. Irgendwann erhielten wir eine Einladung, aber eine Tagesordnung haben wir bis heute nicht. Und der Kreis der Geladenen kam uns sehr einseitig vor – und zwar pro Essen.

Zur Person
Foto: Michael Gstettenbauer / imago images

Stephan Keller ist seit November 2020 Oberbürgermeister von Düsseldorf. Im Streit um das geplante nationale Fotoinstitut stellt sich der CDU-Politiker gegen seine Parteikollegin Monika Grütters. Die Kulturstaatsministerin mit Sitz im Kanzleramt wünscht sich ebenfalls eine solche Einrichtung, offenbar aber nicht in Düsseldorf.

SPIEGEL: Sie vermuten eine Alibi-Veranstaltung?

Keller: Es verstärkte sich zumindest der Eindruck, dass diese Runde voreingenommen ist und der Termin dazu dient, den Standort Essen durchzusetzen. Ich habe bereits vor Wochen Vorschläge gemacht, wie man die Runde ausgewogener besetzen kann, das ist abgelehnt worden. Am vergangenen Freitag habe ich dann ein Online-Meeting zwischen Frau Grütters und mir vorgeschlagen, um diese Dinge zu besprechen. Natürlich hätten auch Essens Oberbürgermeister und die nordrhein-westfälische Ministerin für Wissenschaft und Kultur teilnehmen können.

SPIEGEL: Und?

Keller: Das ist abgelehnt worden. Daher habe ich abgesagt.

SPIEGEL: Auch der Fotograf Andreas Gursky, einer der Initiatoren eines solchen Institutes in Düsseldorf, wird nicht erscheinen. Man könnte Ihre beiden Absagen als Affront verstehen. Sie erwecken nun den Eindruck, als habe man zuerst Sie brüskiert.

Keller: So war es auch. Und das, obwohl wir bereit für einen Kompromiss sind, der beide Städte berücksichtigt, das haben wir bereits vor Monaten deutlich gemacht. Nachdem ursprünglich das Geld vom Bundestag und vom Land Nordrhein-Westfalen nur für Düsseldorf vorgesehen war, ist das ein doch ein großes Entgegenkommen.

SPIEGEL: Sie haben die Entwicklungen rund um das Fotoinstitut in einer Pressemitteilung heute einen »mehr als zweifelhaften Vorgang« genannt. Was meinen Sie damit konkret?

Keller: Es ist nun einmal bemerkenswert, dass Frau Grütters, also eine Staatsministerin der Bundesregierung, den klaren Willen des Parlamentes ignoriert. Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat 2019 das notwendige Geld eben konkret für die Gründung eines Fotoinstitutes in Düsseldorf versprochen. Und so ist es bislang auch nicht gelungen, diese Summe von 41,5 Millionen Euro und die ebenso hohe Ko-Finanzierung des Landes Nordrhein-Westfalen umzuleiten, denn auch der hiesige Landtag hat seinen Anteil für Düsseldorf vorgesehen.

SPIEGEL: Grütters hat nach dem Beschluss des Haushaltsausschusses von Ende 2019 eine Expertenkommission eingesetzt und dann eine Machbarkeitsstudie initiiert, das Ergebnis lautete jeweils: Es sollte Essen werden.

Zeche Zollverein in Essen: Sitz eines »Deutschen Fotoinstitutes« – wenn es nach dem Willen der Kulturstaatsministerin geht?

Zeche Zollverein in Essen: Sitz eines »Deutschen Fotoinstitutes« – wenn es nach dem Willen der Kulturstaatsministerin geht?

Foto: Rupert Oberhäuser / imago images

Keller: Aber bedenken Sie: Man hat bei der Studie zum Standort nur das Grüttersche Konzept – also Essen – zugrunde gelegt, nicht unser Düsseldorfer Konzept. Wir sehen Düsseldorf als Zentrum der zeitgenössischen Fotokunst, das Institut soll sich Gegenwart und Zukunft der Fotografie widmen, Forschung treiben und sich dazu mit der Industrie vernetzen. Frau Grütters schwebt in Essen eher eine Art Bundesarchiv vor – oder wie sie es einmal mit Verweis aufs Deutsche Literaturarchiv genannt hat: ein »Marbach der Fotografie«.

SPIEGEL: Auch Ministerpräsident Armin Laschet hat Ende 2019 betont, es sei ein großer Erfolg, dass das Fotoinstitut nach Düsseldorf kommen werde. Wird er, mittlerweile Kanzlerkandidat der CDU, mitten im Bundestagswahlkampf von der CDU-Kulturstaatsministerin düpiert?

Keller: Ich vertraue darauf, dass das Land Nordrhein-Westfalen dazu steht, Düsseldorf zu berücksichtigen. Wenn wir beide Standorte umsetzen, könnte das dem gesamten Bundesland nutzen. Ich erwarte, dass das unterstützt wird.

SPIEGEL: Zwei Standorte statt einer heißt aber, dass alles teurer wird als geplant. Düsseldorf soll über 80 Millionen Euro kosten, für Essen sind 125 Millionen Euro anberaumt.

Keller: Da müsste natürlich aufgestockt werden. 80 Euro Millionen Euro plus eine Summe x, aber sicher nicht zuzüglich 125 Millionen Euro. Leider hat sich Essen zurückgezogen aus dem gemeinsamen Planungsprozess, sonst wüssten wir da schon mehr.

SPIEGEL: Würde es doch Essen allein werden, würden Sie sich um eine Chance für Ihre Stadt betrogen fühlen?

Keller: Ja, das wäre ein merkwürdiges Ergebnis. Aber nach dem klaren Beschluss des Haushaltsausschusses fehlt mir die Vorstellung, wie das möglich sein sollte.

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