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Sascha Aurich

Klischeeberichterstattung in westdeutschen Medien So isser nich', der Ossi

Sascha Aurich
Ein Essay von Sascha Aurich
Ein Essay von Sascha Aurich
Stasi, Neonazis, ungleiche Lebensverhältnisse: Wenn Magazine wie der SPIEGEL sich den Osten vornehmen, wird es ermüdend stereotyp. Was wirklich helfen würde.
aus DER SPIEGEL 2/2022
East Side Gallery in Berlin: Wie kann Journalismus dem Osten gerecht werden?

East Side Gallery in Berlin: Wie kann Journalismus dem Osten gerecht werden?

Foto: Rainer Jensen / picture-alliance / dpa

Ich kam 2010 zurück nach Sachsen und war baff: Wie sie einem begegneten, die Menschen hier. Diese Mischung aus Scheu und Strenge. Kleingartenpflege mit einer von mir noch nie gesehenen Ernsthaftigkeit. Sport selten nur zum Spaß. Abendessen im Restaurant spätestens um 18 Uhr. Wurstgulasch. Würzfleisch. Soljanka. Es dauerte, bis wir uns verstanden. Bis ich sie verstand.

Die Eigenheiten der Sachsen, ja der Ostdeutschen insgesamt, hatten nicht einfach nur überlebt. Waren nicht Teil eines größeren Ganzen geworden, innerhalb dessen sie als folkloristische Besonderheit ihren Platz fanden wie in anderen Regionen.

Die vermeintlichen DDR-Überbleibsel waren bestimmender Teil der Ost-Identität. Von vielen gelebt auf eine Art, als wollte man den Westen nicht reinlassen in sein Leben. Als bestünde die Gefahr, dass man sich sonst als Ost-Bürger in den neuen Möglichkeiten auflöst.

Dieses Vorsichtige, Zweifelnde und die weitgehende Abwesenheit von so etwas wie Dolce Vita prägen die sächsische Grundstimmung auch mehr als ein Jahrzehnt später, jedenfalls außerhalb von Leipzig und Dresden. Ich habe mich daran gewöhnt, langsam.

Qualifiziert durch Geburt in Karl-Marx-Stadt

In Baden-Württemberg, wo ich bis zu meinem Aufbruch in den Osten die längste Zeit meines Lebens verbracht hatte, war ich der Ossi-Versteher. Qualifiziert durch Geburt in Karl-Marx-Stadt und sporadische Besuche in Sachsen vor und nach dem Mauerfall. Zudem haftete mir ein Hauch von Abenteuer an – meine Eltern hatten Anfang der Achtzigerjahre per Ausreiseantrag den Westen erreicht, wir waren schließlich am Bodensee gestrandet. Von da an verbrachte ich mein Leben weitgehend im blühenden Südwesten der Republik.

Aus: DER SPIEGEL 2/2022

Unbequem seit 1947

Der erste SPIEGEL erschien am Samstag, dem 4. Januar 1947. Die Medienwelt hat sich seither verändert: Vertrauen ist heute nicht mehr selbstverständlich, Fake News und Hate Speech beeinflussen die Debatten. Anlässlich des Jubiläums fragen wir: Was können, was müssen wir besser machen?

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Schon nach meinen ersten Tagen in Chemnitz wurde mir klar: Ich bin ahnungslos. Und wenn ich schon keine Ahnung hatte, wie musste es dann denen gehen, die noch nie einen Fuß in die sogenannten neuen Bundesländer gesetzt hatten? Oder höchstens im Urlaub an die Ostsee gefahren waren?

Just 2010 veröffentlichten Forscher aus Jena, Leipzig und Wien eine Studie über das Bild, das die überregionalen, westdeutschen Medien vom Osten zeichneten. Ihre Erkenntnis, zusammengefasst von dem Historiker Rainer Gries: »Die Ostdeutschen werden nicht auf Augenhöhe wahrgenommen, sondern sie bleiben auch zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall die anderen.«

Im Osten sitzend, fiel er mir bald auf: Dieser Blick der West-Redaktionen ist geprägt von Stereotypen und den immer gleichen Themen: Stasi, Neonazis, ungleiche Lebensverhältnisse. Anlass für Berichterstattung waren fast ausschließlich Statistiken und Jahrestage, die Beiträge beruhten häufig auf einer Art Glücksrad-Journalismus: Reporter schwebten kurz in östlichen Gefilden ein, sahen was, hörten was und rauschten wieder ab. Wenn es gut lief, hatten sie Erhellendes erfahren, im schlechtesten Fall kehrten sie mit bestätigten Klischees in die westlichen Schreibstuben zurück.

Nur marginales Interesse für den SPIEGEL

In Baden-Württemberg, wo ich mit dem Journalismus begonnen habe, riet mir eine erfahrene Kollegin schon in meinen ersten Tagen als Volontär bei einer Lokalzeitung, montags den SPIEGEL zu lesen. Da stehe immer was drin, was neu und wichtig sei für die eigene Arbeit. Themen und Nachrichten, die man aufgreifen könne. Heute, in unserer Redaktion der »Freien Presse« in Chemnitz, ist der SPIEGEL in dieser Hinsicht für mich bedeutungslos. Klar, viele Kollegen lesen ihn, die meisten auch mit persönlichem Gewinn. Aber die Redaktionskonferenzen, in denen jemand auf einen SPIEGEL-Beitrag hinwies, den wir unbedingt für unsere Arbeit an unseren eigenen, den Ost-Themen, beachten müssten, kann ich nach mehr als zehn Jahren an einer Hand abzählen.

Journalismus für die Zukunft

DER SPIEGEL hat Geburtstag! Deshalb diskutieren wir, wie Journalismus künftig sein sollte und wie sich die gesellschaftliche Debatte verändert.

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Nimmt man die verkaufte Printauflage als Maßstab, interessieren sich die ganz normalen Leserinnen und Leser in Sachsen nur marginal für den SPIEGEL. Ihren prozentualen Anteil an den SPIEGEL-Lesern in ganz Deutschland kann man ebenfalls an einer Hand abzählen, und man braucht dafür nicht einmal alle fünf Finger. Der SPIEGEL befindet sich mit diesem mickrigen Anteil in bester West-Gesellschaft: Zählt man in Sachsen die tägliche verkaufte Auflage von »Süddeutscher Zeitung«, »Frankfurter Allgemeiner Zeitung« und »Welt« zusammen, kommt man auf eine vierstellige Zahl. Bei vier Millionen Menschen, die in Sachsen leben. In ganz Ostdeutschland verkauft der SPIEGEL neun Prozent seiner gedruckten Inlandsauflage, bei einem Bevölkerungsanteil der Ostdeutschen von 20 Prozent.

Natürlich hat eine Regionalzeitung immer Heimvorteil. Zumal ich im Gespräch mit Leserinnen und Lesern schnell feststellte, wie viel es ihnen bedeutet, wenn ihr Gegenüber einer von ihnen ist. Aber nicht einmal das hilft bei den ganz Harten. Denn zur Wahrheit gehört, dass es hier viele Menschen gibt, denen auch wir als »Freie Presse« kaum näherkommen als der SPIEGEL. Etablierte Medien werden von ihnen mit dem Staat und seinen Institutionen gleichgesetzt – in der Deutung dieser Leute ein einziger, im Gleichklang tickender Koloss, der fragwürdige, undurchsichtige Ziele verfolgt.

Wir begegnen diesen Menschen jeden Tag, auf den Facebook-Seiten der »Freien Presse«. Zu erkennen sind sie zuverlässig an dem Lach-Emoji, mit dem sie auf Coronabeiträge reagieren. Hinter nahezu jedem dieser Emojis verbirgt sich ein mehr oder weniger verstörendes Nutzerprofil, bei dem man selten lange suchen muss, bis alles klar ist. »Ich scheiß auf solidarisch, ich bin solide arisch« – solche Sprüche sind dort als Profilbild zu sehen.

Aber längst nicht alle Sachsen sind hoffnungslose Fälle. Deshalb ist es so fatal, die Menschen im Osten in der Berichterstattung immer wieder auf ihre übelsten und radikalsten Vertreter zu reduzieren – und sei es dadurch, dass man die anderen weitgehend ignoriert.

Den Osten erklären müssen – pure Überforderung

Wer über das Ost-Bild des SPIEGEL nachdenkt, kommt an Alexander Osang nicht vorbei. Jahrelang hat er als SPIEGEL-Reporter den Lesern den Osten erklärt, wie man so schön sagt. Vielleicht ging man in Hamburg davon aus, dass mit diesem Spitzenautoren die Baustelle Ost weitgehend abgedeckt sei. Im Dezember 2017 führte Osang ein Gespräch mit zwei Kollegen der »Zeit«, in dem es auch um seine Rolle als Ost-Versteher ging. »Neulich fragte mich in der SPIEGEL-Konferenz jemand: Herr Osang, jetzt erzählen Sie uns doch mal, was ist denn da im Osten eigentlich los?«, sagte Osang. »Und ich dachte, woher soll ich das wissen.« Gewiss steckt in dieser Episode auch eine gewisse Koketterie. Aber vor allem der wahre Kern, dass ein Osang allein noch keine umfassende Ost-Expertise macht. Den Osten erklären müssen – pure Überforderung.

»Das ganze miese Bild von Sachsen, komprimiert in einem einzelnen Ereignis.«

Dass ein genauer, offener Blick auf die ostdeutschen Problemzonen gelingen kann, zeigt das Jahr 2018. Über Wochen richteten Redaktionen aus ganz Deutschland und darüber hinaus ihre Aufmerksamkeit gen Chemnitz. Die rechtsextremen und rassistischen Ausschreitungen nach einer tödlichen Attacke durch einen Asylbewerber warfen Fragen auf, die sich ohne tiefere Kenntnis der sächsischen Verhältnisse nicht beantworten ließen. Die Proteste hatten zudem ein Ausmaß, das dringend nach Einordnung verlangte. Was ich erlebt habe, war ehrliches Interesse und mit teilweise großem Aufwand betriebene Recherche. Ein, zwei Wochen war die »Freie Presse« eine Art Drehkreuz für Kolleginnen und Kollegen aus anderen Redaktionen, die sich ein genaues Bild machen wollten. Die Dramatik der Lage hatte dazu geführt, dass intensiver und interessierter auf Sachsen geschaut wurde als je zuvor.

Dass damit aber nicht schlagartig alles anders und besser wurde, davon zeugte im Jahr darauf ein SPIEGEL-Titel. »So isser, der Ossi.« stand auf dem Cover. Und für das informierte Publikum war dazu noch ein Anglerhut in Schwarz-Rot-Gold abgebildet. So einen Anglerhut, muss man wissen, hatte ein vermeintlich typischer Sachse getragen, der am Rande des Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Dresden bei einer Pegida-Demonstration ein Fernsehteam aggressiv angegangen war. Der Mann, der schnell als »Hutbürger« berühmt wurde, entpuppte sich zu allem Überfluss auch noch als Mitarbeiter des Landeskriminalamts. Und die filmenden Journalisten wurden ohne ersichtlichen Grund von Polizisten 45 Minuten lang festgehalten.

Das ganze miese Bild von Sachsen komprimiert in einem einzelnen Ereignis.

Die Zivilgesellschaft schmählich im Stich gelassen

Das Titelbild war eine Zumutung. »So isser, der Ossi.« Stirnrunzeln war in meinem Umfeld noch die freundlichste Reaktion auf dieses Cover.

Schlimm an dem Ossi-Titel war, dass sich dahinter ein hervorragender Text verbarg. Autor Steffen Winter hatte ein kluges und komplexes Porträt Ostdeutschlands und seiner Bewohner abgeliefert. Selten dürfte der SPIEGEL der Antwort auf die Frage, warum der Osten so ist, wie er ist, nähergekommen sein. Vielleicht war das Cover ein letzter Rückfall in alte, west-chauvinistische Zeiten.

Journalisten sind keine Politiker. Sie sind nicht unmittelbar verantwortlich dafür, wenn ein Bundesland gegen die Wand gefahren wird, jahrzehntelang gab es schwere Versäumnisse, gerade in Sachsen. Die CDU hat den Rechtsextremismus maßgeblich verharmlost, die Skepsis gegenüber der Demokratie, den Parteien und staatlichen Institutionen nicht ernst genommen und die Zivilgesellschaft schmählich im Stich gelassen. Das kann auch der beste Journalismus nicht reparieren.

Aber Redaktionen wie jene des SPIEGEL können sehr wohl dazu beitragen, dass die Vernünftigen sich repräsentiert und wahrgenommen fühlen. Journalismus beeinflusst den Ton von Debatten und prägt den Blick derer, die sich durch ihn ein Bild von einer Region und ihren Menschen machen. So wirkt er auch auf die Zivilgesellschaft, die langfristig darüber entscheidet, wohin sich ein Land bewegt. Der SPIEGEL wird von denen, die die Demokratie aushöhlen, nicht zur Kenntnis genommen. Im besten Fall aber von denen, die sie retten können.

Wie kann der Journalismus dem Osten gerecht werden? Was kann der SPIEGEL tun? Gute Berichterstattung über Ostdeutschland ist nicht zuerst eine Frage des Geldes. Auch wenn mehr Reporter vor Ort guttun würden – entscheidend ist, wie die Redaktion und ihre Führung auf den Osten blicken. Von oben herab wird das nichts. Und wer vom Westen aus immer nur flüchtig oder in großen Abständen nach drüben schaut, wird weiter lediglich die Eruptionen als berichtenswert und relevant empfinden.

Die Menschen müssen Gehör finden, ihr Leben muss stattfinden

Den Osten ernst nehmen, nur so kann es gehen. Und zwar nicht die Schreihälse. Sondern die Menschen in der dritten oder vierten Reihe, die nur hinterhertrotten. Und dann vor allem jene, die sich ein anderes, besseres Ostdeutschland wünschen, sich aber nicht mehr aus der Deckung trauen. Sie müssen Gehör finden, ihr Leben muss stattfinden, wenn es um den Osten geht. Der Anspruch auch des SPIEGEL sollte sein: Raus aus den Mustern der Berichterstattung, weg von den üblichen Verdächtigen. Echtes Interesse für den Alltag im Osten. Die Zeit der Zuspitzung ist vorbei, die Wirklichkeit ist krass genug.

Nach der Vereidigung des neuen Bundeskanzlers Olaf Scholz las ich auf SPIEGEL.de einen Kommentar über dessen Kabinett, in dem kaum Ostdeutsche sitzen. Geschrieben hatte ihn Timo Lehmann, Jahrgang 1991, in Sachsen-Anhalt studiert, eine neue SPIEGEL-Generation. Lehmann schrieb: »Man kann als Westdeutsche den Sachsen einfach Dummheit oder Larmoyanz vorwerfen, weil sich zu viele nicht impfen lassen oder AfD wählen. Allein: Helfen wird das gar nichts.«

Der Mann hat Ahnung. Und man darf festhalten: So isser inzwischen auch, der SPIEGEL.

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