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Literatur Dia-Abende von der Revolution

Von Willi Winkler
aus DER SPIEGEL 21/1996

Winkler, 39, ist Autor und Übersetzer. Er lebt in Hamburg.

Vermutlich sind doch die Beatles an allem schuld. In den sechziger Jahren, mit Minirock und Nackenrolle, kam der Fluch ewiger Jugend über die Welt. Seither ist die Jugend kein Privileg der Jungen mehr: Im größten Jeans-Geschäft Münchens zum Beispiel hing unter den Andenken an die treuesten Kunden jahrelang ein Foto des schwärzesten Finstermanns der Republik, der aufmüpfige Studenten gern als »Tiere« klassifizierte - auch Franz Josef Strauß war bis ins hohe Alter jung und trug dazu Blue jeans.

Früher war das Jungsein doch schöner, aber nicht weniger zum Verzweifeln. F. Scott Fitzgerald schrieb nach dem Ersten Weltkrieg das Buch der »lost generation«, den »Großen Gatsby« (1925). Da träumte er stellvertretend für seine Altersgefährten von Ruhm und Reichtum, von Abenteuer und vom Glück, das vielleicht nichts weiter ist als das grüne Licht am Ende des Bootsstegs. Jay Gatsby, der Aufsteiger aus dem Mittleren Westen, hat mit dubiosen Geschäften ein Vermögen angehäuft, um Daisy für sich zu gewinnen, die Liebe seines Lebens und doch nichts weiter als eine verwöhnte Tussi. Am Schluß erschießt ihn dann auch noch ein eifersüchtiger Ehemann - eine Verwechslung, nichts weiter, bloß tödlich. »So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom«, damit endet Fitzgeralds Roman über die verlorenen Illusionen seiner Freunde, »und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu.«

Wenn es einen deutschen Autor gibt, der ähnlich präzis seine Generation beschreiben kann, wie es vor 70 Jahren Fitzgerald tat, dann ist das der 36jährige Andreas Mand. Seit seinem Debüt »Haut ab« (1982) arbeitet er am Roman seines Lebens. Buch um Buch wird daraus die Chronik einer Generation, die relativ bequem im Windschatten der 68er segelte, die Errungenschaften der Altvorderen nutzte - und doch nicht glücklich wurde dabei, weil ihr so wenig selber zu erleben blieb.

Was für die Vorgänger die Demonstration am Springer-Hochhaus in Berlin war, ist für die »Kleinstadthelden« der Kampf gegen die zivile Aufrüstung mit Atomkraftwerken*. Die Sternfahrt durch die Bundesrepublik nach Norden, auf ______(* Andreas Mand: »Kleinstadthelden«. Ammann Verlag,) ______(Zürich; 316 Seiten; 39,80 Mark. )

Umwegen an den Polizeisperren vorbei, über Abzugsgräben und durch die Knicks bis nach ganz vorn an den Bauzaun, wird zum tiefgefrorenen Woodstock. Die Mutigsten belohnt die Polizei mit einem

Foto für die Kartei, dann werden sie mit Wasserkanonen zu Eismännern gespritzt.

Mand rudert eifrig zurück in den Strom der jüngsten Vergangenheit, schildert Szenen, wie man sie allenfalls noch kennt aus der Tagesschau vor 20 Jahren, Szenen von den Kämpfen damals, so vergebens und so kinomäßig: »Auch ich blieb vor dem letzten Graben stehen ... wie fast alle ... ich stand dort zwischen den beiden Frauen ... nur einzelne hatten die Kluft überwunden ... standen dort, immer noch Dutzende Meter vom Zaun entfernt ... zündelten mit ihren Lappen, warfen die Flaschen ... wenn was brannte, klatschten die Zuschauer ...«

Brokdorf ist ein Happening und keine politische Tat: »Ich halte Monis Hand ... ich drücke sie, und sie drückt zurück ... ich drücke Ursis Hand, und sie drückt auch zurück. Und ich weiß, das ist das wichtigste Ergebnis.«

1990 erschien Mands Buch über »Grovers Erfindung«, ein unglaublich genau austariertes Spiel zwischen naivem Kinderbuchton und nostalgischer Rückschau. Grovers Erfindung ist eine winzige Kamera, so klein, daß sie »direkt am Auge« befestigt werden kann, wo sie »automatisch alles aufnimmt, was man sieht«.

Diese Methode der scharf konturierten Schnappschüsse setzt Mand in den »Kleinstadthelden« wieder ein. Endlich ist er von zu Hause fort, aber eben nur zweieinhalb Bahnstunden, und die Eltern zahlen sogar das Porto für die Schmutzwäsche, die er regelmäßig heimschickt. Lebensunsicher schwankt der Erzähler, ob er Liedermacher, Reiseschriftsteller oder »politischer Märtyrer« werden soll.

In der Ratlosigkeit der frühen Achtziger versucht er alles gleichzeitig. Besetzt ein Haus und dann noch eins, geht demonstrieren, verweigert den Wehrdienst (und wird auch noch anerkannt), schreibt ein Buch (und wird verlegt), gründet eine Band und wird verhaftet. Für den frühen Märtyrertod ist er sich dann doch zu schade, fügt ein paar Seiten in sein Tagebuch ein, auf denen er sich selber ein Alibi zurechtschreibt, damit ihm die Polizei nichts nachweisen kann.

Kein steineschmeißender Revolutionär tobt da durch die Kleinstadt, eher schon ein verwunschener Märchenprinz, den die Gegenwart permanent beleidigt, und die er dafür haßthaßthaßt: »Ich ging durch die Straßen der Stadt und dachte wörtlich: blöde Stadt. Blöde, blöde Stadt.« Endlich geht Osnabrück in die Literaturgeschichte ein.

Aus Verzweiflung und mit Bob Dylan im Kassettenrecorder trinkt er eine Dreiviertelliterflasche Wein aus: »Ich fühlte mich erwachsen und ein bißchen verworfen.« Viel ist das nicht, es knallt nie so richtig. »Ich schaffte es einfach nicht, aus lauter Verzweiflung zum Giganten zu werden.« Das Leben zwischen Seminar und selbstgebautem Bett ist ein zäher Strom in lauter Kürzeln: Bafög, AKW, WG, KDV, das gerinnt in Zitaten und Formeln, in studentischen Vollversammlungen, Wandzeitungen, dann Hausrenovieren und wieder eine Familienheimfahrt.

Die Zeit, wenn sie denn vergeht, vergeht im Werben um die Frauen: Marion, Ursi, Moni. Von Beziehungen ist ständig die Rede, daß man miteinander klarkommen müsse und sich noch nicht sicher sei, und alles ist furchtbar kompliziert. Die Männer lesen sich gehorsam durch Regalmeter an Frauenliteratur, die Frauen gehen dann doch mit anderen Frauen ins Kino oder hauen mit dem kostbaren Gedichtband von François Villon nach Südamerika ab.

Wenn es doch einmal klappt, ist es nur peinlich: »Der Geruch des Gummis störte mich, und sie behandelte meinen lächerlichen, folienverpackten Schwanz wie einen unhandlichen Gegenstand. Praecox ins Latex. Wirklich besser, das abzublenden.«

Die Kamera, Grovers und Mands Erfindung, schließt nie ihr kaltes Auge. Andreas Mand bleibt sich und seiner Generation auf der Pelle. »Ich fand sie zu warm. Ich streichelte sie, wie ich das gelesen hatte. Ich schlief nicht gut und dachte, so ist das also, wenn man miteinander schläft.«

Genau so war es, und es war furchtbar. Die »Kleinstadthelden« liefern Momentaufnahmen einer Revolution, aus der nichts wurde. Reinhold veranstaltet Diaabende mit seinen Bildern, die ihn und seine Freunde als Straßenkämpfer zeigen. Dem Erzähler kommt das viel zu bekannt vor: Ähnlich aufregend waren die Vorträge seines Vaters mit den Urlaubsfotos der Familie: »Er hatte genau denselben halbguten, halbautomatischen Projektor, bei dem man das Bild nach rechts und links verschwinden sah bis zum Schwindeligwerden.«

Es ging immer um alles, und alles war nichts. Prüfend werden Steine in der Hand gewogen auf Tauglichkeit zum Einsatz gegen die »Bullen«, aber dann achtet man doch darauf, keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Einmal trifft Paul Schade (wie sich der Erzähler manchmal nennt) einen schwulen Mitkämpfer, dem das bißchen Hausbesetzen zuwenig ist, der auch vom Steinewerfen nicht satt wird und Anschluß bietet an die dritte Generation der Terroristen. »Ich kenn'' Leute, die du auch kennst. Aber du kennst sie aus dem Fernsehen oder vom Fahndungsplakat, und ich kenn'' sie in echt.« Haarscharf zischt der Ernstfall vorbei.

Paul Schade schreibt ungerührt mit, wenn es eine Szene für ein Buch, einen Song ergibt, in der Kneipe oder im WG-Zimmer; schreibt, auch wenn Moni oder Ursi oder Marion mehr von ihm erwartet; schreibt, denn nichts in diesem trostlosen Leben darf verlorengehen. Andreas Mand war als sein eigener Spitzel überall dabei: kalt, genau mittendrin und doch am Rand. Er erzählt mit einer Souveränität, die so gar nichts Selbstbewußtes, gar nichts Sprachartistisches hat, es ist einfach Archäologie der jüngsten Vergangenheit, ein Blick in das Gefängnis der achtziger Jahre, aus dem es zumindest in diesem Buch kein Entrinnen gibt.

Als Straßenkämpfer hat es Paul Schade (alias Grover oder Mand) nicht weit gebracht, als Systemverweigerer auch nicht, es geht immer so weiter. »Ich setzte schwarzen Tee auf, und wir führten weiter Schwarze-Lederjacken-Gespräche.« Im besetzten Haus werden die bekannten Debatten ums Pinkeln im Stehen geführt, und man ärgert sich über den »marginalisierten« Max, den einzigen Arbeiter, der weit und breit aufzutreiben war. Bei aller Liebe ist Max doch nur ein schwerer Sozialfall.

Die kleinen Fluchten, das bißchen Aufstand, die hoffnungslosen Liebeleien, sie bleiben Freiübungen vor dem wirklichen Leben. Sowenig sich rührt in der kleinen Stadt, es ändert sich doch was: Die Leute im besetzten Haus zerstreiten sich, ziehen aus, die Kürzel werden andere, aber nichts wird besser: ABM, ALU, BAT.

Es liegt eine schwarze Wolke der Melancholie über diesem Buch und über dieser, unserer Generation, die eingeklemmt ist zwischen den frühvergreisten 68ern und den Vereinigungsgewinnlern. Andreas Mand ist ihr Chronist. Er hat nur den Schönheitsfehler, daß er so gar nicht feuilletonkompatibel ist, nicht so harmlos seminargelehrt, wie man das in Klagenfurt gern verkostet, und auch nicht so literaturverspielt, daß es wenigstens für die Bestenliste beim SWF reichte. Er wäre noch richtig zu entdecken.

Nach dem jugendlichen Ausbruch findet Paul Schade zurück in die eigene Kleinstadt, dorthin, wo er einmal ausgezogen war, weit fort, zur Revolution, zur Musik, zum Schreiben. »Ich will ein eigenes Zimmer haben und genügend Zeit zum Nachdenken«, sagte er sich leise und kleinlaut zum Abschied. »Und dann will ich runtergehen können, zu meinen Brüdern und Freunden, zu meiner Familie, und mich auf den Platz setzen, den sie für mich freigehalten haben.«

So ist das Leben, meine Herrschaften. Traurig, nichts weiter; traurig, aber wahr.

* Andreas Mand: »Kleinstadthelden«. Ammann Verlag, Zürich; 316Seiten; 39,80 Mark.

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