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OBERHAUSENER Dichter und Dreher

aus DER SPIEGEL 10/1963

Vor einem Jahr waren sie ausgezogen, den deutschen Film zu renovieren. Im Februar 1962, während der VIII. Westdeutschen Kurzfilmtage in Oberhausen, proklamierten sie: »Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.«

Sie baten um fünf Millionen Mark Vorschuß und stellten dafür zehn abendfüllende Spielfilme in Aussieht. Nach dem Vorbild der französischen Neuen Welle wollten sie es besser machen, billiger und literarischer als »Papas Kino«.

In der vorletzten Woche, beim IX. Kurzfilmfestival in Oberhausen, konnten die Manifestanten vom vorigen Jahr - 26 experimentierfreudige deutsche Dokumentar- und Kurzfilm-Künstler meist jüngeren Jahrgangs, die als »Oberhausener« rasch bekannt, als »Bubis Kino« ebenso bald bespöttelt wurden - den ersten Jahrestag ihrer Erhebung feiern.

Es war kein frohes Fest. Die erste Jahresbilanz von Bubis Kino ist negativ: Weder Bonn noch die deutschen Filmverleiher fanden sich in den vergangenen zwölf Monaten bereit, den »Oberhausenern« die erbetenen Millionen zu spendieren. Die von den Rebellen gegründete Stiftung »Junger deutscher Film«, die Nachwuchstalenten Starthilfe geben soll, konnte sich nicht entfalten: Der 1962 eingereichte Antrag auf das Stiftungskapital ruht bislang unbeantwortet beim Bundesinnenministerium.

Der Bonner Prämienausschuß vergab 1962 sechsmal 200 000 Mark für produktionsreife Drehbücher an etablierte Kino-Papas - die von Bubis Kino vorgelegten Drehbücher hingegen wurden, mit einer Ausnahme, nicht bevorschußt. Nur der Münchner »Oberhausener« Detten Schleiermacher kann sein Skript »Ein Wochenende«, eine Adaptation des 1959 bei Suhrkamp erschienenen Büroangestellten-Romans »Illusionen« von Ruth Rehmann, demnächst mit staatlicher Unterstützung verfilmt sehen.

Der 29jährige Schleiermacher profitiert auch an dem anderen Teilerfolg, mit dem sich die Jungfilmer wenigstens etwas über das magere Resultat ihrer Rebellion hinwegtrösten können: Er darf an der Ulmer »Hochschule für Gestaltung«, die sich nach dem Muster der Filmhochschulen in Lodz und Prag eine Filmabteilung zugelegt hat, höhere Kinematographie dozieren. Schleiermacher: »Wir wollen Filme machen wie Braun-Radios... Es gibt in Deutschland keine Nachwuchsschwierigkeiten, sondern nur Schwierigkeiten, den Nachwuchs

in die (Film-)Industrie hineinzubringen.«

Daß es doch wohl noch auf andere. Weise hapert, zeigte die Film-Ausbeute des ersten »Oberhausener«-Jahres. Nur ein, einziger der Manifestanten, der Regisseur Herbert Visely, brachte einen abendfüllenden Spielfilm, den Böll-Streifen »Das Brot -der frühen Jahre«, zustande. Der modeinistisch-verblasene Film fiel durch. Und auch die in Oberhausen gezeigten Kurzfilm-Novitäten der verhinderten Spielfilm-Reformer - darunter Franz-Josef Spiekers »Der gelbe Wagen«, eine Episode über Kinder-Kuppelei aus dem immer noch unfertigen Koppel-Film »Hütet eure Töchter« - erwiesen sich nicht gerade als Geniestreiche.

Allenfalls der Schriftsteller ("Lebensläufe")-Regisseur Alexander Kluge und das Dokumentaristen-Team Hans Rolf Strobel und Heinz Tichawsky ("Notizen aus dem Altmühltal") konnten das Renommee der »Oberhausener« hochhalten:

Kluge mit »Lehrer im Wandel«, dem ersten Teil einer filmisch-kritischen Untersuchung des deutschen Schulbetriebs (Kluge: »Ich kann nachweisen, daß bei gleichbleibender Entwicklung des Schulwesens die Chinesen 1970 einhöheres Bildungsniveau haben werden als wir in der Bundesrepublik"); Strobel/Tichawsky mit »Notabene Mezzogiorno«, einer sozialkritischen Filmstudie über einen süditalienischen Arbeiter, die beim Dokumentarfilm-Festival in Florenz 1962 den Ersten Preis erhielt und nun in Oberhausen als bester deutscher Dokumentarfilm mit der Curt -Oertel-Medaille prämiiert wurde.

Ob sich die besonderen Hoffnungen erfüllen werden, die Deutschlands junge Filmdreher an die unlängst angebahnte Verbindung zur deutschen Literatur in Gestalt der »Gruppe 47« knüpfen, ist noch ungewiß. Die Vorzeichen sind nicht sonderlich ermutigend.

In einem einigermaßen fortgeschrittenen Stadium befindet sich nur der von dem »Oberhausener«-Produzenten Pohland geplante Günter-Graß-Film »Katz und Maus«. Das Strobel/Tichawsky -Drehbuch nach dem Andersch-Hörspiel »Russisches Roulette« wurde von der Bonner Prämienkommission für nicht subventionswürdig befunden. Die beiden Regisseure planen nun, unter Mitarbeit von R. A. Stemmle, Werner Finck und Günter Neumann, einen Film zum Ende der Adenauer-Ära: »Deutschland deine Wunder« (Untertitel: »Mein Gott, was soll aus Deutschland werden").

Dem künstlerischen Fehlschlag mit dem »Brot der frühen Jahre« folgte ein zweites Böll-Film-Fiasko: Der von dem Duisburger Kinobesitzer und Verleiher Hanns Eckelkamp - er finanzierte schon den »Brot«-Film - mit 20 000 Mark unterstützte antimilitaristische Böll -Kurzfilm »Machorka-Muff« (Hauptdarsteller:

Erich Kuby) wurde wegen mangelnder Qualität zum Oberhausener Festival gar nicht erst zugelassen und wird von Eckelkamps Atlas-Verleih auch nicht vertrieben werden.

Trotz dieser schlechten Erfahrungen baut der avantgardistische Filmverleiher auch weiterhin auf die von den »Oberhausenern« propagierte Zusammenarbeit von Dichtern und Drehern. Er setzte für den besten deutschen Kurzspielfilm einen 5000-Mark-Preis aus, der 1964 erstmals verliehen werden soll, und er ließ den Erzähler Jakov Lind ("Eine Seele aus Holz") mit dem Regisseur und Manifest-Unterzeichner Haro Senft zusammen in westfälischer Dorf-Klausur ein abendfüllendes Spielfilm-Drehbuch schreiben.

Über den Inhalt dieses Films, mit dem eine deutsche Neue Welle vielleicht doch noch entfacht werden soll, verriet Autor: Lind in Oberhausen: »In meinem Film werden gütige Menschen spielen, eine Fürsorgerin, etwas nymphoman, und ein älterer Herr, etwas impotent, die mit ihrer Güte immer wieder nur Unheil anrichten.«

»Oberhausener« Tichawsky, Strobel: Roulette ohne Geld

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