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Autoren Dichters Winterreise

aus DER SPIEGEL 6/1996

So stand es in der Zeitung: »Gerechtigkeit für Serbien«. Unter diesem schlichten und zugleich auftrumpfenden Titel veröffentlichte der Schriftsteller Peter Handke, 53, im Januar in der Süddeutschen Zeitung einen zweiteiligen Reisebericht. Unterzeile: »Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina«. Inzwischen liegt schon die Buchfassung vor - allerdings ist die Unterzeile zum Titel geworden*.

Dem höchstrichterlichen Anspruch des Handkeschen Auftritts wird das nachträglich kaum etwas nehmen. Längst hat sich darüber eine heftige Debatte, nicht nur im Feuilleton, entzündet, die den Rückweg zur feinsinnigen Nuancierung versperrt. Daran konnte auch Handkes Zeit-Interview vorige Woche wenig ändern, in dem der Autor seinem Stichwortgeber allerlei haarsträubende Erklärungen und Invektiven hinwirft - und sich angesichts der überwiegend kritischen Resonanz auf seinen Ausflug ins Zwischenreich von Poesie und Politik völlig überrascht gibt: Er habe gedacht, »daß man sich vielleicht nicht freuen, aber daß die Reaktion allgemein _(* Peter Handke: »Eine winterliche ) _(Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa ) _(und Drina oder Gerechtigkeit für ) _(Serbien«. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am ) _(Main; 136 Seiten; 24,80 Mark. )

positiv sein würde«. Nun fragt er sich: »Wie kann man das nur so lesen?«

Gegenfrage: Wie naiv kann ein Schriftsteller im reifen Mannesalter sein?

Auf 136 Druckseiten beschreibt Handke die Eindrücke, die er in Serbien, weitab vom Kriegsgeschehen, während eines Aufenthaltes sammeln konnte. Er fixiert eine Fülle von Impressionen (es gab »einen so erztrüben wie klarschmeckenden Eigenbauwein") und serviert dem Leser immer wieder Reflexionen und Flüche auf bestimmte Presseorgane. Und über allem schwebt die rhetorische Frage: »Wird die Geschichte der Zerschlagungskriege jetzt nicht vielleicht einmal ziemlich anders geschrieben werden als in den heutigen Voraus-Schuldzuweisungen?« Deutlich genug wird, mehr zwischen als in den Zeilen: Handke bestreitet die serbische Kriegsschuld, auch den oft behaupteten »Gewalttraum von ,Groß-Serbien''«.

Daß der Bericht, den Handke daheim in Chaville, nahe bei Paris, in gut drei Wochen niedergeschrieben hat, viele provozieren und verstören würde, die sich vom Krieg auf dem Balkan ein ungefähres Bild gemacht haben, dürfte einkalkuliert, ja beabsichtigt gewesen sein. Nur: Gibt es nicht Themen, die zu ernst für die bloße Lust an der Provokation sind?

Nicht nur Journalisten haben den Aufsatz als ahnungslos verurteilt. Der österreichische Schriftsteller Milo Dor etwa, Sohn einer Belgrader Familie, rügte, daß Handkes »Augenschein« wenig zur Klärung der Situation auf dem Balkan beigetragen habe, »weil er selbst nicht ausreichend informiert ist«.

Von den Verteidigern rechnen einige auffällig lustvoll mit Handkes Kollegen Peter Schneider ab, der sich als einer der ersten Kritiker zur Serbien-Reportage geäußert hat (SPIEGEL 3/1996). So war etwa in der Zeit die Anmerkung zu lesen, Handke behalte selbst dort, wo er irrt, noch recht »gegen die trostlose Rechthaberei eines Peter Schneider«.

Ähnlich widersprüchlich-trotzig argumentiert nun auch Handke im Interview: »Ich stelle nicht die Frage, was dort geschehen ist auf dem Markt von Sarajevo. Ich stelle die Frage: Was ist da wirklich passiert?« Das ist tautologisches Fragegefuchtel, nur scheinbar am Wirklichen interessiert.

Das Gespräch, geführt von einem Journalisten, der sich zuvor - in der Tageszeitung - als peinlicher Lobredner empfohlen hatte ("Wo bittschön hätte man in den letzten Jahren eine so gründliche Medienkritik gelesen?"), ist ein einziges Zurückweichen vor der sachlichen Erörterung, kaum je gestört durch kritisches Nachfragen.

Handke beschimpft seine Kritiker, ohne ihnen zu antworten - mal als »debil« (so über den Philosophen Andre Glucksmann), mal als »durchgedreht« (über den Filmregisseur Marcel Ophuls). Wer seinen Bericht nicht so liest, wie er ihn nun verstanden wissen möchte ("Jede einzelne Beschreibung ist bestimmt von Schrecken, Kummer und Mitgefühl"), ist für ihn ein »Lesetrottel«, womöglich von »Altersirrsinn« befallen. Oder noch einfacher: »Diese Leute können keine Friedensleute sein.«

Merkt er nicht, daß das nur noch ein schrecklich hohles Getöse ist? Wie will Handke noch jemand von der Plausibilität seiner Medienkritik überzeugen, wenn er pauschal drei höchst unterschiedliche Presseorgane (die Frankfurter Allgemeine, Le Monde und den SPIEGEL) als »kriminell«, ja »auf andere Weise auch kriegsverbrecherisch« bezeichnet - ohne sich die Mühe einer aufwendigen Analyse zu machen?

Er habe sich beim Aufbruch zu dieser Reise wie in einem Western gefühlt, erklärt Handke - als ginge es hier um ein Kinoerlebnis a la »Der Rächer von Chaville«. Ein Pamphlet sei nicht seine Absicht gewesen, sagt er - und wenig später, der Text habe »sicherlich auch Momente von einem Pamphlet«.

Das Interesse des Schriftstellers an Jugoslawien hat mit seiner Herkunft zu tun. Handke, geboren mitten im Zweiten Weltkrieg in Kärnten, hatte einen deutschen Vater und eine slowenische Mutter. Schon als junger Mann hat er sich Slowenien, das »Land meiner Vorfahren«, regelrecht erwandert.

Und Slowenien gehörte für ihn »seit je zu dem großen Jugoslawien, das südlich der Karawanken begann und weit unten, zum Beispiel am Ohridsee bei den byzantinischen Kirchen und islamischen Moscheen vor Albanien oder in den makedonischen Ebenen vor Griechenland, endete«. So schrieb er 1991, nachdem sich Slowenien selbständig gemacht hatte.

Daß ihm jetzt mit seiner neuen Intervention derart viel Aufmerksamkeit erwiesen wird, zeigt vor allem zweierlei: zum einen die Achtung, die ein Schriftsteller vom Range Handkes immer noch genießt (sowie die Bereitschaft, einem sensiblen Einzelgänger wie ihm zunächst einmal zuzuhören), zum anderen die stille Hoffnung, es könnten sich die Greuelnachrichten vom Krieg auf dem Balkan nachträglich doch noch als journalistische Übertreibungen herausstellen, eine - vielleicht uneingestandene - Sehnsucht danach, nicht schon wieder mit Leichenbergen in diesem massenmörderischen Jahrhundert konfrontiert zu werden.

Dafür spricht offenbar wenig. Das, was Handke jetzt im Interview unglücklichsalopp als »diese Geschichte von Srebrenica« bezeichnet, die »geklärt werden« müsse, könnte sich nur zu bald als Teildrama im größten Völkermord auf europäischem Boden seit Ende des Zweiten Weltkriegs erweisen.

Und viele haben es - per Fernsehnachricht - kommen sehen und konnten es doch nicht verhindern. Diese Qual treibt gewiß manchen aus der Generation Handkes um, einer Generation, die doch so gern die eigenen Eltern wegen mangelnden Widerstands im Nazireich anklagte.

Jenes Dritte Reich besuchte im Frühjahr 1935 ein damals noch junger Schriftsteller aus der Schweiz: Max Frisch (1911 bis 1991). Die Neue Zürcher Zeitung veröffentlichte den Reisebericht damals in vier Teilen. Titel: »Kleines Tagebuch einer deutschen Reise«. Ganz arglos war der Schweizer nicht. Er betrat den »deutschen Boden« immerhin mit einer »merkwürdigen Spannung«, mit einem »gewissen Bangen«. Doch er wollte nur zu gern das »geistige Deutschland«, das ihm lieb war, im »wirklichen und heutigen« wiederfinden - kein »ernster Deutschschweizer« dürfe leichten Herzens das nachbarliche Land aufgeben, war seine Überzeugung.

Frisch wollte seine »dankbare Liebe zum deutschen Land« ungern erschüttern lassen, dessen Kultur er seine »großen, lebensgestaltenden Eindrücke« der Jugend verdanke. Der Reisende ließ sich - darin ein Vorgänger Handkes - von der Landschaft betören und »dem vielen Schönen«, das ihm Freunde zeigten, er ließ sich von einem Verleger und einem Buchhändler beschwichtigen, die Deutschen zögen die stille Literatur der Propaganda vor.

Freilich übersah er dann doch nicht die Auslage eines Buchladens, wo »zwischen allerlei Kampfbüchern und erzählenden Werken« drei blanke Dolche die Dekoration bildeten. Und er geriet - für seinen im ganzen erstaunlich milden Bericht die Rettung - in eine Berliner Ausstellung mit dem Titel »Wunder des Lebens«, wo die Juden derart verspottet wurden, daß es selbst dem gutwilligen Schweizer schwer wurde, »über diesem dritten Reich das ewige Deutschland nicht zu vergessen«.

In den dreißiger Jahren war es unter europäischen Schriftstellern, von Lion Feuchtwanger bis Romain Rolland, auch Mode, in die Sowjetunion zu fahren und sich per »Augenschein« (Handke) von den Errungenschaften des Kommunismus zu überzeugen - nur Andre Gide räumte 1932 in seinem Tagebuch ein: »Ich fühle übrigens immer stärker meine Inkompetenz, je mehr ich mich mit diesen politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Fragen befasse.«

Sind Handke solche Zweifel fremd? Immerhin fragt sich der Ich-Erzähler in seinem Roman »Mein Jahr in der Niemandsbucht« (1994), warum er stets wieder vom Pfad politischer Enthaltsamkeit abweiche und in eine »todfalsche Mitte« ziele, als »Artikelschreiber, der sich einbildete, wie einst Emile Zola Geschichte machen zu können«.

Handke hat immer schon zwei Gesichter gehabt: hier der in Bücherwelten und Landschaften versunkene Grübler und Beobachter, dort der Rebell und Amokläufer. Von seinem ersten medienwirksamen Auftritt auf der Tagung der Gruppe 47 im Jahr 1966 über seine Attacke gegen die politisch engagierte Literatur generell bis hin zur öffentlichen Verteidigung der in Verruf geratenen Zeitschrift Super Illu des Verlegers Hubert Burda, eines alten Freundes: Handke war immer für eine Überraschung gut. Manchmal war er allen eine Nasenlänge voraus, manchmal lag er auch bloß schrecklich daneben.

Seine »Winterliche Reise« durch Serbien vermittelt den Eindruck des vorläufig Formulierten - so als ob Handke es aufgegeben hätte, dem Mix aus Polemik und Einfühlung eine endgültige Form zu geben. Abgesehen einmal vom politischen Streitwert - der Text ist auch als Erzählung, als Beschreibung einer Reise durch Serbien und den Kopf des Reisenden eine Enttäuschung.

Handke hat sich mehr verdorben als nur einen Auftritt. Seine poetische Sprechweise, die Suchbewegung seiner Schriftsteller-Figuren aus vielen wunderbaren Prosawerken, auch seine erzählerischen Unbeholfenheiten, die nicht selten den Reiz des Spröden und absichtsvoll Unfertigen haben - dies hat er, in ungeschützte Rhetorik umgemünzt, an eine Allmachtphantasie verraten: als könne er, der genaue Beobachter, auf seine dichterisch-seherische Weise die Welt draußen besser erkunden als alle profanen Faktenhuber zusammen.

Eine Neuigkeit enthüllt Peter Handke im Zeit-Gespräch schließlich doch noch, eine Information, die dem Leser der Reportage vorenthalten wird: Auf der serbischen Winterreise begleitete ihn seine frisch angetraute Ehefrau. »Die Fahrt nach Serbien war, auch wenn es absurd klingt, unsere Hochzeitsreise.« Liebe macht eben doch blind. Y

Weiß der Dichter mehr als alle profanen Faktenhuber?

* Peter Handke: »Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save,Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien«. Suhrkamp Verlag,Frankfurt am Main; 136 Seiten; 24,80 Mark.

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