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Fernsehen Dick ist sexy

Ein Psychologe, der mit dem eigenen Leben überfordert ist, löst Mordfälle - das ZDF zeigt die englische Kult-Krimiserie »Für alle Fälle Fitz«.
aus DER SPIEGEL 32/1996

Der Mann ist Kettenraucher, spielt und ist immer pleite. Er trinkt zuviel, ist zu dick und betrügt seine Frau. Doch so einer, der alles tut, was man nicht tun soll, der jeden Tag Kämpfe mit seinen inneren Dämonen ausficht, weiß, was im tiefsten Dunkel der Köpfe vor sich geht. Er versteht den zu Haß gewendeten Selbsthaß, die in Aggression gedrehte Frustration.

Deshalb ist Eddie Fitzgerald den Spießern und jungen Aufsteigern bei der Polizei so unheimlich - und so nützlich: Die Kriminalbeamten können Spuren sichern. Fitzgerald kann sie deuten.

Fitzgerald, den alle Fitz nennen, ist Psychologe mit eigener Praxis und der Mann, den die Ermittler in Manchester holen, wenn sie in einem Mordfall wieder mal nicht weiterkommen. Und er ist Hauptfigur der englischen Krimiserie »Für alle Fälle Fitz«, die das ZDF an den nächsten neun Sonntagen ausstrahlt.

Mehr als 20 internationale Auszeichnungen hat die zwischen 1993 und 1995 entstandene Serie (Originaltitel: »Cracker") erhalten. 13 Millionen Briten saßen im Durchschnitt bei den 23 Folgen vor dem Fernseher; manche »Cracker«-Sendungen, produziert vom englischen Privatsender Granada TV, erreichten gar 58 Prozent Marktanteil. »Die beste Fernsehserie weit und breit«, befand der Daily Telegraph, und die New York Times lobte die Filme als »elektrisierend«.

Es sind Besessene, Vereinsamte, Verzweifelte, die in der Serie zu Killern werden. Sie vergewaltigen und töten, sie fühlen sich zu mörderischen Missionen verpflichtet, weil sie unter einem inneren Zwang stehen. Fitz analysiert und interpretiert, und er liefert der Polizei Motive und Profile der Täter. Die Spannung der Serie liegt weniger im »Wer war der Täter?«, denn in einigen Folgen steht der Mörder von vornherein fest. Überführt wird er, weil Fitz sich für die Frage nach dem »Warum?« interessiert.

Da ist zum Beispiel der unscheinbare Handelsvertreter, für den die Frauen immer nur Verachtung übrig hatten, der nie eine abkriegte und der sich dafür an ihnen rächen will. Den Hübschesten schneidet er die Kehle durch. Oder der junge Stotterer: Nur im Zustand äußerster Erregung kann er ganze Sätze fehlerlos herausschreien; der Psychologe Fitz erkennt in ihm den Killer, bevor der überhaupt einen Mord begangen hat.

Fitz-Darsteller Robbie Coltrane, 46, spielte früher vor allem komische Rollen, als der Dicke vom Dienst. Doch der Schotte schaffte es, aus diesem Minus-Mann, der mit seinem Privatleben nicht fertig wird und der so gar nicht dem Schönheitsideal vom gesunden Athleten entspricht, ein Sex-Symbol zu machen: Er kann zuhören, er ist sensibel, er ist mit sich überfordert, er ist ein Macho - dick ist sexy. Damit wurde Coltrane in England zum Star. Tausende von Frauen deckten ihn mit Liebesbriefen ein: »Ich möchte dich überall ablecken«, schrieb eine Verehrerin dem 127-Kilo-Mann. »Ich glaube, Frauen mögen Fitz, weil er sehr vital ist«, sagt Coltrane, »er fürchtet sich vor nichts.«

In England war die Serie trotz ihres Erfolgs umstritten, denn der Drehbuchautor Jimmy McGovern schreckte nicht davor zurück, die Gewalt auch in blutigen Details zu zeigen. Da wird auf dem Bildschirm vergewaltigt und mit dem Messer zugestochen, die Opfer schreien und zappeln.

Doch »Für alle Fälle Fitz« ist nicht nur dunkel und führt in die Abgründe menschlicher Psychopathien. Die Serie ist auch, wie könnte es bei einer britischen Produktion anders sein, komisch. Zum Beispiel, wenn Fitz wieder einmal einen Taxifahrer mit einem - vermutlich ungedeckten - Scheck bezahlt. »Sie wollen einen Tip?« fragt er, was auf englisch auch Trinkgeld heißt. »Dahlien immer im Herbst umtopfen«, sagt Fitz. Dreht sich um und geht.

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