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DREIGROSCHENOPER Die 30-Jahre-Oper

Noch einmal zelebriert Strehler eines seiner Glanzstücke, »Die Dreigroschenoper«. Diesmal in Paris mit dem Staraufgebot Milva, Barbara Sukowa und Michael Heltau. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Die Liaison währt nun schon dreißig Jahre: Im Februar 1956, wenige Monate vor Brechts Tod, inszenierte Giorgio Strehler am Mailänder Piccolo Teatro zum ersten Mal die »Dreigroschenoper«.

Der Autor war anwesend, lachte bei einigen Szenen laut und beifällig und schrieb dem (damals 34jährigen) Strehler einen hymnischen Dankesbrief. Noch aus Mailand berichtete er auch seiner verflossenen Freundin Ruth Berlau über die Inszenierung. Die Aufführung sei sehr lang (viereinhalb Stunden) und Strehler, »vermutlich der beste Regissör Europas«, habe die Handlung vor den Ersten Weltkrieg verlegt. Statt im Pferdestall spiele sie jetzt in einer Autogarage.

Paris, November 1986: Giorgio Strehler inszeniert die »Dreigroschenoper« (die hier »vier Sous« wert ist). Sie dauert viereinhallb Stunden, die Hochzeit spielt in einer von Mackies Ganoven eilig mit Zusammengeklautem geschmückten Autogarage, das Hochzeitsbett wird in einer Luxuskarosse bereitet: Brautnacht im Purpur ausgeschlagenen Rolls-Royce.

Das Stück spielt wieder 1914 vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Eindeutiger Star der Aufführung ist Milva als Jenny. Mit ihrer herrlich vulgären Röhre singt sie alles und alle anderen an die Wand. Sie ist das Satansweib. Inbegriff aller Spießerangst vor der edlen, aber männerverschlingenden Nutte.

Wenn sie in die Scheinwerferkegel auf dem Laufsteg vor dem Orchester oder am Wellblechvorhang gerät, bilden das weiße Fleisch ihres Oberschenkels und das weißgeschminkte Gesicht einen provokanten Kontrast zu dem dunkelrot flammenden Haar und dem schwarzen Kleid. Ein wenig ist das auch schon _(Mit Michael Heltau und Barbara Sukowa. )

nostalgisches Klischee: Milva, die Milva vorführt.

Milva ist so sehr der Star, daß Strehler ihr den »Seeräuber-Song«, der eigentlich der Polly gehört, zugeschoben hat. Schon 1973 in Mailand sang Milva die Jenny. Schon damals war sie so sehr das Herz der Strehler-Inszenierung, daß sie auch hier an Pollys Statt vom »Schiff mit acht Segeln singen durfte: »Die Seeräuber-Jenny« als Auftrittsarie.

Von Mailand 1973 nach Paris 1986 hat Strehler auch die Änderung des Plots herübergerettet: Es geht nicht mehr, wie bei Brecht, um die Krönung der Königin Viktoria, die durch den Bettlerumzug gestört werden soll, sondern um eine US-Präsidentschaftswahl. Aus Londoner Ganoven sind also amerikanische Gangster geworden, die das Spektakel mit einer Maschinengewehrsalve eröffnen.

Im Mailänder Parkett von 1956, wie gesagt, hörte man das meckernde Lachen Brechts. Auf der Pariser Bühne von 1986 steht ein großes Trichtergrammophon. Bert Brecht mit seinerrr herrrlich rrollenden und krächzenden Stimme singt die Moritat von Mackie Messer. Eine dreißigjährige Liaison darf sich sentimentale Reminiszenzen erlauben.

Auch die radikale Neusicht, die Strehler Brechts Werk angedeihen ließ, ist in die Jahre gekommen: Die Slapstick-Einfälle, mit denen er die Mackie-Messer-Bande ausstattet, die Fin-de-siede-Ironie, mit der er das Bordell tapeziert, das antimilitaristische Pathos, mit der er die (doch falschen, weil nachgemachten) Kriegskrüppel paradieren läßt - all das betrachtet man wie durch eine trübe Milchglasscheibe zeitlicher Distanz.

In Paris zelebriert der Italiener Strehler vor allem ein deutsch-österreichisches Staraufgebot in französischer Sprache: Dem Regissör ist nichts zu schwör. Neben die Milva stellt er Barbara Sukowa. Und Mackie Messer läßt er von Michael Heltau spielen und singen.

Aber seltsam: Da die Schauspieler sich in Strehlers längst zur Perfektion eingefahrener Inszenierung wie Puppen eines putzigen Musical-Theaters bewegen, bleiben auch diese beiden Gaststars harmlos, putzig, musicalhaft. Heltau, der sich mit nervösem Eifer seine spärlichen, pomadigen Mackie-Haare an den Kopf kämmt und seine Schuhe an der Hose noch im Gefängnis zu tadellosem Glanz poliert, zeigt, daß Mackie heutzutage bestenfalls ein angejahrter Gigolo ist - kaum noch eine Mischung aus Spießer, Geschäftsmann und Raubtier, kaum noch eine Projektion für romantisch verquere Mädchenträume.

Und auch Barbara Sukowa ist eher die niedliche Heldin des Musicals »Kiss me, Polly« als jenes energiegeladene Kitsch-Bündel, das die Rolle einst war.

Schon Brecht ächzte 1956 zwischen den Zeilen über die Dauer der (ungekürzten) Aufführung - aller Autoren-Eitelkeit zum Trotz. Er führte die Länge darauf zurück, daß Strehler bis zur Premiere noch keine Gelegenheit zum Durchlauf gehabt hatte.

Inzwischen, nach 30 Jahren Durchlauf, hat Strehler immer noch kein Zeitmaß gefunden: Der zweite, der Zweieinhalb-Stunden-Teil wird zum Durchhalte-Manöver. Überstehen ist alles. Hellmuth Karasek

Mit Michael Heltau und Barbara Sukowa.

Hellmuth Karasek
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