Zur Ausgabe
Artikel 67 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Heinrich Böll über Horst-Eberhard Richter: "Flüchten oder Standhalten" Die Ängste der Chefs

aus DER SPIEGEL 14/1976

Horst-Eberhard Richter, 52, Psychoanalytiker und Direktor des Psychosomatischen Universitäts-Zentrums in Gießen, schrieb 1972 den Bestseller »Die Gruppe« und 1974 das Buch »Lernziel Solidarität«.

Vorweg sei gesagt: Hier ist ein Systemveränderer am Werk, keiner, dem man unterstellen könnte, was üblicherweise als erstes unterstellt wird, daß einer »da unten« grollt, von Neid oder gar Brotneid erfüllt. Hier ist einer selbst Chef und äußert -- unter anderem -- seine Zweifel am Chefsystem, nicht nur gegen, mehr im Interesse der Chefs und der »Sache«, die sie jeweils betreiben. Isoliert sind laut Richter nicht nur die Unterprivilegierten, auch die Chefs, und nicht nur die medizinischen, und möglicherweise sind die Ängste beziehungsweise Isolationsängste, von oben nach unten gereicht, von unten nach oben zurückgegeben, sogar der Herd aller Ängste. Nicht nur medizinische, auch kirchliche Chefs, Wirtschaftsmanager, Chefliteraten und -redakteure sollten wenigstens über die vielsagende Überschrift eines Kapitels meditieren »Die Karriere vollendet oft die psychische Selbstaufgabe in Raten«. Besser noch: Sie würden es lesen, dieses Kapitel und einiges mehr. Vielleicht wächst ja dem einen und anderen Chef Macht zu, der er nicht gewachsen ist und die er gern teilen möchte. Horst-Eberhard Richter hat offenbar die Fähigkeit: zu teilen, und was für einen Autor ebenso wichtig ist: mitzuteilen.

Richter ist sich des Dilemmas bewußt: Sozialer Fortschritt, der darin besteht, in Recht zu verwandeln, was früher Gnade war, ist ohne Bürokratie nicht denkbar und doch durch Bürokratie allein nicht zu verwirklichen; sie bedarf der Ergänzung, vielleicht sogar der Ermutigung, der Spontaneität und Phantasie der Außenseiter, und das betrifft nicht nur die Sozial- und Krankenverwaltung, es mag die Verwaltung des Rechts (und der Kunst und Literatur) ebenso betreffen.

Und gerade der Wissenschaftler Richter warnt ausdrücklich vor unkritischer Wissenschaftsgläubigkeit: »In der Tat. fließt der Wissenschaft im Augenblick viel von der Gläubigkeit zu, die zuvor anders gebunden war.« Und: »In Wirklichkeit gedeihen in den Institutionen der Wissenschaft die gleichen Ängste, Rivalitäten und Manipulationen wie auch sonst im menschlichen Zusammenleben.« (Als Literat erlaube ich mir, eine Warnung vor Literaturgläubigkeit einzuflechten, und Rechtsgelehrte möchten vielleicht vor der Rechtsgläubigkeit warnen.)

Richters Buch ist voll, reich und gefüllt, zu sehr, nicht für den Leser, doch für den Rezensenten, der nicht über alle Probleme, Details, Analysen, Erkenntnisse, Diagnosen und Therapien ausführlich referieren kann; viel Stoff, viele Erfahrungen und Reflexionen, Kritik und Selbstkritik. Es wird über den Patienten als Individuum reflektiert und über den »Patienten Gesellschaft«, der da produziert und produziert, ohne zu ahnen, wieviel Angst und Krankheit und wieviel da an menschlichem »Abfall« mitproduziert wird. In einer Welt, die fast nur noch auf den Markt schielt, drohen der Patient als Individuum und der Patient Gesellschaft zur nur noch verwalteten Einheit zu werden; sie werden nur noch als Verwaltungs- oder statistische Erfolgsbeziehungsweise Mißerfolgsdaten registriert. Weder Macht als solche noch Bürokratie als solche kritisiert Richter, er macht nur auf die Gefahren aufmerksam, wenn beide in Selbstzweck und Erfolgsselbstgefälligkeit revolvieren. Warum auch sollte Fortschritt so »emotionale« Instanzen wie Sympathie, Gnade, Erbarmen oder Barmherzigkeit ausschließen? Und warum sollten sie abstrakter oder karitativer Selbstzweck sein, warum sollten nicht auch, die sie ausüben, mitgeheilt werden können?

»Flüchten oder Standhalten«, das bedeutet natürlich: Standhalten, denn wohin sollte man vor der Angst, der Isolation noch fliehen: in mehr Angst, noch mehr Isolation, zur Flasche oder Droge hin? Standhalten, das klingt heroisch; gewiß ist nicht mehr oder nicht nur der »Einzelkämpfer« gemeint, der ja auch eine Art »Chef« ist; eher die Gruppe, vielleicht die Gruppe als »Held«? So muß man dieses Buch als Fortsetzung verstehen und lesen, von »Patient Familie«, »Die Gruppe« und »Lernziel Solidarität«; vielleicht hätte Flüchten oder Standhalten den Untertitel haben können: »Patient Gesellschaft und Patient Hierarchie«.

Das bedeutet nicht oberflächlich propagierte Demokratisierung, die oft genug scheitert, es schließt den Hinweis auf eben jenen Richterschen Grundbegriff, den der Gruppe, ein. Als Gruppe Probleme angehen, nicht gegen Bürokratie und Verwaltung, mit ihnen, die man beleben und wiederbeleben muß. Staatlich oder kommunal basierte Gruppen gemeinsam mit Initiativgruppen. Richter führt Beispiele dafür an, ein besonders eindrucksvolles auf Seite 258, Es wäre auf manches Kapitel besonders hinzuweisen« etwa »Menschen vor dem Sterben«; eine Fußnote zu diesem Kapitel bedarf der besonderen Erwähnung, in der Richter Hildegard Knefs »Das Urteil« gegen die Reduzierung auf bloße Kritik an der Ärzteschaft verteidigt, es als eine Darstellung der »psychischen Einsamkeit des Schwerkranken in Institutionen der Medizin« verteidigt.

Die sterile, phantasielose Ausstattung der Krankenhäuser, die Angst des Beförderten vor der mit ihm beförderten Angst, die Angst des Angepaßten in dem Augenblick, wo er erkennt, daß die Tarnung zu seiner neuen Haut geworden ist. Richters Warnung an die Politiker, im Umgang mit Wissenschaftlern nicht zu ängstlich zu sein, wenn sie sich fürchten, für »dumm« gehalten zu werden. Er belegt die Fehlbarkeit der Wissenschaften mit dem Hinweis auf ein Untersuchungsergebnis an einer technisch hochentwickelten Universitätsklinik, wo in nur 40 Prozent der Fälle die Todesursache der Diagnose entsprach, bei 60 Prozent der Patienten die Ärzte nicht wußten, woran sie gestorben waren. Ich nehme an, diese Irrtumsproportion läßt sich auf andere Wissenschaften übertragen, Theologie und Literaturwissenschaft inbegriffen.

Nur scheinbar widersprüchlich ist der bei Richter an einigen Beispielen nachgewiesene Zusammenhang zwischen Anpassung und Isolation. Als unbedarfter Laie sollte man doch meinen (hätte ich gemeint), Anpassung durchbreche wenigstens die Isolation; das Gegenteil scheint zuzutreffen: Angepaßt -- etwa an den »Chef« -- paßt

man sich auch seiner Angst, seiner Isolation an, tritt nicht aus seiner Angst heraus, nur in deren Zirkulation ein bis zur Selbstaufgabe. Altmodisch ausgedrückt »verkauft da einer seine Seele«, und was Seelenlosigkeit oder gar Entseeltheit bedeutet, bedarf wohl keiner Erläuterung.

Im Zusammenhang mit Anpassung und Funktionieren ist wichtig, was Richter bei der Auswertung der berühmt-berüchtigten Milgram-Experimente fragt: »Wo überall reagieren wir bereits so wie Milgrams Versuchspersonen? Und wer sind die Autoritäten, die uns unter Umständen schon seit längerem ähnlich suggestiv steuern wie jener Versuchsleiter?« In diesen Problemkreis gehört die in fast allen Institutionen mitgegebene Warnung: Nicht zu nahe an den Schüler, an den Patienten, an den Klienten heran, ihn nicht zu nahe kommen lassen, schon gar nicht sich mit ihm identifizieren. Die Chef-Angst (die nicht die Angst vor dem Chef, sondern die Angst des Chefs ist) wird zur Berührungsangst. Zur Illustration dieses Problems zitiert Richter den Bericht eines Referendars.

Fast nirgendwo wird Richter »direkt« politisch; wie hochpolitisch die Probleme sind, ergibt sich von selbst. Radikalenerlaß, Numerus clausus, Arbeitslosigkeit, eine finanziell bedingte, nostalgisch gestimmte Reformmüdigkeit ("Ach, wie schön war Opas Schule"), all das signalisiert eine innere Bedrohung, die rasch zur äußeren werden kann: Was wird, wenn die jetzt 18- bis 25jährigen Angepaßten uns in 10 bis 20 Jahren regieren, sie, die gezwungen werden, auf den Markt zu schielen, ihren eigenen Marktwert, ihre Marktchancen immer zu bedenken; die man vor »Emotionen« wie vor einer ansteckenden Krankheit warnt; denen man Sexualität und Eros wie eine Ware anpreist, als wären sie so beliebig reproduzierbar wie Kugelschreiber?

Es wird schon fast Mode, Moralisten und »Moralisten« zu belächeln, meistens tun"s die, die zugleich auf die Autorität von Staat und Kirche pochen. Da wäre zu fragen: Wer setzt denn moralische Maßstäbe, wer macht die Gesetze, die sittliche Normen bilden sollen? Es sind die Staaten in ihren Legislativen und die Kirchen in ihren diversen Gremien. Nicht die Moralisten machen die Gesetze und Gebote. Sie messen nur die durch Legislativen gesetzten Normen an ihrer Verwirklichung durch die Exekutiven.

Trotz aller wenig erfreulichen Analysen, Erkenntnisse und Feststellungen ist Richter keineswegs entmutigt. Das beweist nicht nur sein Hinweis auf verschiedene erfolgreiche Aktivitäten, auch die Schilderung des skandalösen Falles der Frau M., die, obwohl auf Grund ihrer Herkunft kaum mit Schulbildung gesegnet, nicht floh, sondern standhielt, in einer Situation hoffnungsloser »Asozialität«. Sozialarbeiterin und später Richter ermutigten sie, halfen ihr. Doch Frau M. hatte mehr Glück als die meisten vergleichbaren Fälle: Das ZDF brachte ihren Fall in die Öffentlichkeit, und die zuständigen Behörden, die sich in diesem Fall peinlich entblößten, reagierten erst, als die »Blamage« drohte.

Wer hat schon das Glück, durch Fernsehen der zuständigen Behörde auf die verantwortliche »Seele« gebunden zu werden? So viele Sender und soviel Sendezeit gibt es gar nicht, wie da notwendig wäre. Konsequent warnt Richter dann auch vor »Modellen«, die ja dann wohl wie »Chefs« isoliert da stehen bleiben. Er lehnt Modelle nicht ab. warnt nur vor ihrer Vorzeigefunktion: und die Politiker haben den Vorsatz vergessen, daß sie hier ursprünglich nur Probierwerkstätten für allgemeine anwendbare Neuerungen einrichten wollten.«

Zur Ausgabe
Artikel 67 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.