Samira El Ouassil

Systemrelevante Berufe Die Ausbeutung der Hilfsbereiten

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Die Pandemie macht sichtbar, wie ungerecht unsere Arbeitswelt ist: Sie benachteiligt am meisten jene, auf die wir in dieser Krise am meisten angewiesen sind.

Wissen Sie, was für mich gerade genau das Gegenteil von systemrelevant ist? Abmahnkanzleien. Genauer: Abmahnkanzleien, die Näherinnen oder Näher dafür abmahnen, sogenannte Community-Masken, also selbst genähte Gesichtsmasken herzustellen. Also die Mundbedeckung, welche die Virusausbreitung verhindern kann und von der es momentan viel zu wenige gibt, und die deshalb ersatzweise händisch und pro bono von Freiwilligen produziert wird.

Dass jetzt Nähende durch Anwältinnen oder Anwälte eingeschüchtert werden, weil sie angeblich unerlaubt medizinische Produkte kopieren, obwohl sie zumeist ehrenamtlich und zum Selbstkostenpreis eben keinen Ersatz von solcher medizinischen Ausrüstung, sondern vielmehr nur eine improvisierte Alternative anfertigen, ist bemerkenswert schäbig. Ja, ein Abmahnanwalt ist hier genau das Gegenteil von systemrelevant: Er hilft damit keinem Menschen, sichert damit kein Überleben, stabilisiert damit nicht das zivile Leben. Aber zumindest ermöglichen uns solche Abmahnanwälte nun ex-negativo einzukreisen, wer oder was genau gemeint ist, wenn wir von "systemrelevanten" Berufen sprechen. Jetzt, wo das öffentliche Leben auf die nötigsten Vitalfunktionen heruntergefahren wurde, ist sicht- und spürbar, welche Tätigkeiten gemeint sind, wenn Politiker von "systemrelevanten Berufen" sprechen.

Es sind jene, die dabei helfen, den Kollaps der Zivilisation vor unserer Haustür zu verhindern und die gesellschaftliche Ordnung aufrechtzuerhalten: die Menschen, die in Krankenhäusern, in der Pflege, an der Kasse, bei der Müllabfuhr, in Speditionen, in der Kanalisation, in Apotheken arbeiten. Ihnen allen: tausend Dank.

Hinzu kommt, dass nun manche Bevölkerungsgruppen wie beispielsweise Eltern durch das Homeschooling noch viel mehr als zuvor bemerken, was für eine aufreibende und systemrelevante Arbeit in der Schule und im Kindergarten geleistet wird. Und Systemrelevanz schließt auch Tätigkeiten ein, die gar nicht bezahlt werden, die sogenannte Care-Arbeit. Die Elternteile, die normalerweise zum Arbeiten das Haus verlassen, können nun wahrnehmen, wie viel Arbeit die daheim bleibende Person hat, wobei es sich statistisch gesehen immer noch vor allem um Frauen handelt, die zugleich Köchin, Putzhilfe, Einkäuferin, Näherin, Hausaufgabenbetreuerin und Chauffeurin sein muss.

Was unterscheidet all diese Tätigkeiten in ihrer Sinnhaftigkeit von der Arbeit eines - sagen wir beispielsweise Abmahnanwalts? Es sind Handlungen der Fürsorge, der Hilfe, der Unterstützung. Es sind alles physisch und emotional auszehrende Aufgaben und zudem solche, die für die systemische Relevanz, die sie zweifellos haben, erschreckend unterbezahlt oder unbezahlt sind; denn sie schaffen einen gesellschaftlichen Wert, der messbar größer ist, als die Vergütung, die sie dafür bekommen - wenn sie denn überhaupt eine bekommen.

Das war schon immer ein Problem, aber die pandemische Krise macht diese strukturelle Dysfunktionalität im Umgang mit Arbeiten, die genau jetzt unser Überleben sichern, besonders sichtbar: Es benachteiligt die Personen, die alles am Laufen halten und zudem einem höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind, eben weil sie alles am Laufen halten.

Frecherweise kommt hinzu, dass die Überlastung eben dieser uns am Leben haltenden Menschen Teil der gesamtgesellschaftlichen Kalkulation ist: Besonders das Gesundheitswesen und Betreuungssystem baut in der Praxis auf der Prämisse auf, dass die Beteiligten sich aus einer Arbeitsethik und Idealismus heraus bis zur Erschöpfung in unbezahlten Überstunden verausgaben. Die Überarbeitung aus Pflichtbewusstsein ist ökonomisch einkalkulierter Teil der ausgereizten gewinnorientierten Gleichung.

Zugleich nehmen wir es als utilitaristischen Kollateralschaden hin, wenn diese Menschen systematisch unterbezahlt werden. Das muss man noch mal im Kopf kreisen lassen: Besonders hilfsbereite und/oder finanziell abhängige Personen, die in den systemrelvantesten Berufen arbeiten, arbeiten schon ohnehin mehr, als sie können, eben weil ihre Berufe so systemrelevant sind, und kriegen dann dafür auch noch weniger, als sie sollten. Das ist ein komplett verkorkstes Prinzip, in dem die Personen, die derart viel gesellschaftlichen Wert schaffen, gleich zweimal ausgebeutet werden. Und die Schieflage nicht nur staatlich dankend angenommen, sondern aus Pragmatismus eingeplant wird.

Da brauchen wir wirklich viel mehr als Applaus (voll lieb gemeint, ich weiß) und Videos, in denen wir alle "Krisenhelden" sind (auch voll lieb gemeint, ich weiß).

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Im Rahmen der unbezahlten Care-Arbeit halten wir elterliche Fürsorge für eine vollkommen selbstverständliche ökonomische Konstante, auf die sich gesamtgesellschaftlich gestützt wird, was eben wirtschaftlich, aber auch nur deshalb funktioniert, weil es unbezahlte Arbeit ist. Mütter zerfasern sich, geben buchstäblich Körper und Herz für das Großziehen von Kindern oder für die Pflege eines Verwandten, arbeiten härter in einem Monat als so mancher Abmahnanwalt in seiner ganzen Karriere und machen das ihr Leben lang unbezahlt - aus Liebe.

Und das ist natürlich romantisch und nachvollziehbar, natürlich schützen und stützen wir uns aus Verantwortungsbewusstsein und Bindung, und vermutlich auch aus Biologie, aber das gesellschaftsökonomische Ausnutzen eben dieser Liebe ist ungerecht; weil es die bestraft, die besonders viel aufgrund von Fürsorge und Liebe arbeiten, und diejenigen belohnt, die das genau nicht tun, wie zum Beispiel Abmahnanwälte.

Wir haben es nicht mit einem gesunden System zu tun, wenn die Stabilität einer ganzen Gesellschaft auf der mentalen und körperlichen Zerreibung der fürsorglichsten und/oder ökonomisch abhängigsten Personen basiert, wenn notwendiger Bestandteil des gemeinschaftlichen Überlebens notorische Ausnutzung von Hilfsbereitschaft sein muss; und es handelt sich zudem um eine ökonomische Ausbeutung, die Frauen noch mehr benachteiligt, da statistisch betrachtet häufiger Frauen Care-Arbeit leisten.

Ein anderes Beispiel, wo mit zu viel Selbstverständlichkeit von staatlicher Seite davon ausgegangen wird, dass die Systemrelevantesten einen wesentlich Teil gesamtgesellschaftlicher Aufgaben schon unterbezahlt irgendwie bewältigen, sind die Tafeln. Etwa 60.000 systemrelevante Menschen arbeiten dort überwiegend ehrenamtlich, die meisten Rentner können aber nun aufgrund von Covid-19 nicht mehr weitermachen, weshalb momentan etwa die Hälfte der Tafeln geschlossen ist. Dadurch fällt jetzt auch für die Hälfte der 1,65 Millionen regelmäßigen Nutzer diese Lebensmittelversorgung weg.

Unsere Gesellschaft kann nur so stark und stabil sein wie diese Tätigkeiten gewürdigt werden, symbolisch im Ansehen, aber vor allem auch ökonomisch. Die Diskrepanz zwischen Beruf und Bezahlung macht sich auch rein marktwirtschaftlich bemerkbar: Normalerweise müssten zum Beispiel Pfleger schon aufgrund der berühmt-berüchtigten Marktlogik besser bezahlt werden. Die Nachfrage für qualifizierte  Pflegekräfte oder Grundschullehrer ist größer als das Angebot, dementsprechend müssten die Gehälter steigen. Tun sie aber nicht. Warum also werden diese Berufe nicht besser bezahlt, wenn sie verhindern, dass wir uns die Köpfe einschlagen? Warum werden Menschen, die tatsächlich einen Wert für die Gesellschaft erzeugen, dafür nicht ausreichend honoriert?

Weil Hilfsbereitschaft und Fürsorglichkeit noch als charakterliche Selbstverständlichkeit und nicht als Ressource betrachtet wird, die Menschen in Fürsorgeberufen und gesellschaftsstützenden Tätigkeiten aber verbrauchen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will nicht eine gute Eigenschaft plötzlich durchökonomisieren, Hilfsbereitschaft sollte selbstverständlich sein - aber ökonomisch sollte nicht einfach so vorausgesetzt werden, schon gar nicht von staatlicher Seite, dass Menschen aus Hilfsbereitschaft umsonst oder unterbezahlt arbeiten können, wenn sie dabei gesellschaftlichen Wert schaffen.

Hilfsbereitschaft muss, zumindest als psychologischer Trick, mehr wie eine Diplom gehandelt werden, eine Qualifikation, oder eine Kapitalform von Bourdieu, die jemand in den Job mitbringt und dementsprechend auch dafür ausreichend bezahlt werden sollte. "Ich habe in der Sorbonne zwei Semester Hilfsbereitschaft studiert durch praktische Herzensbildung." Und schon versteht man den wesentlichen Unterschied zwischen gesellschaftsrelevanten Berufen, wie Pflegekräften, und dem Abmahnanwalt: Die Menschen in den systemrelevanten Berufen haben einen Doktor der Hilfsbereitschaft, Abmahnanwälte vermutlich nur einen Baumschulabschluss.

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