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THEATER »Die DDR lebt!«

aus DER SPIEGEL 8/1997

Der umstrittene Theaterregisseur und Autor Einar Schleef, 53, über sein neues Stück »Drei Alte tanzen Tango«, das am Samstag in Schwerin uraufgeführt wird, und seinen Abgang vom Berliner Ensemble

SPIEGEL: Ende der siebziger Jahre haben Sie in »Totentrompeten« das tägliche Leiden an der DDR beschrieben. Warum folgt jetzt - Jahre nach der Wiedervereinigung - ein zweiter Teil?

SCHLEEF: Weil die drei Schauspielerinnen so toll sind. Aber natürlich auch wegen der Geschichte. Das Stück spielt kurz vor der Wende und beschreibt den Untergang der DDR in der Form einer Tragödie: Die Situation ist unerträglich geworden, und jeder Ausbruchsversuch verkehrt sich in sein groteskes Gegenteil.

SPIEGEL: Also ist Ihr Stück ein Totentanz auf die DDR?

SCHLEEF: Aber Entschuldigung - die DDR lebt! Sie hat sich reformiert und treibt die schönsten Blüten; um das festzustellen, muß ich bloß jeden Tag durch Berlin gehen. Allerdings sind meine Figuren nicht nur durch das DDR-System gebrochen. Die haben vier deutsche Reiche erlebt. Bespitzelung gab es in der Nazizeit und im Kaiserreich - das gehört anscheinend zum deutschen Wesen.

SPIEGEL: Im Frühjahr erscheint Ihr Buch »Droge Faust Parsifal«. Wann werden Sie wieder als Regisseur arbeiten?

SCHLEEF: Also im Berliner Ensemble hätte man ohnehin nie wieder etwas von mir gesehen. Dort hat man jede Arbeit von mir verhindert. Aber im März wäre mein Vertrag sowieso beendet gewesen.

SPIEGEL: Das BE war schneller und hat Sie im Dezember vor die Tür gesetzt. Als Begründung hieß es, Sie hätten fünf »Puntila«-Vorstellungen ausfallen lassen. Sie sagen, Sie konnten nichts dafür.

SCHLEEF: Richtig. Zu den »Puntila«-Vorstellungen kam ich angedüst - und fand einen Trümmerhaufen vor. Ich wollte mich nur mit einer guten Arbeit verabschieden und das Ensemble wieder zusammenbringen, damit es mit Herrn Wuttke weiterläuft.

SPIEGEL: Bedauern Sie Ihren Abschied?

SCHLEEF: Bedauern ist nicht das richtige Wort. Ich konnte die mir angebotenen Verträge nicht akzeptieren. Außerdem hassen die meisten in diesem Betrieb meine Arbeit. Was soll ich denn für Leute empfinden, die mich und meine Inszenierungen quasi liquidieren?

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