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Die Dichter-Photographin

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aus DER SPIEGEL 41/1985

Ihren Photo-Termin in der Pariser Wohnung des abergläubischen Iren James Joyce verschaffte sie sich mit einem Trick: indem sie ihm unter dem Namen ihres Ehemannes schrieb, der zufällig so hieß wie eine Romanfigur aus dem »Ulysses«. Und Jean Cocteau verriet ihr das Geheimnis, daß er nicht nur in seiner Dichtung, sondern auch in seinen Lebensgewohnheiten zum Surrealen neigte: »Kommen Sie nicht vor drei Uhr nachmittags. Ich stehe nie früher auf.« Kaum einem Photographen dieser Welt haben so viele Künstler und Literaten Modell gesessen wie der heute 72jährigen Gisele Freund, die in Berlin geboren wurde, mit 20 Jahren vor der Gestapo nach Frankreich und Südamerika floh und seit Jahrzehnten wieder in Paris lebt. Ihren Ruf, für die Photokunst zu sein, was Lotte Eisner für den Film war, nämlich eine sensible Chronistin, begründete Gisele Freund bereits mit ihrer von Walter Benjamin gepriesenen Dissertation »Photographie und bürgerliche Gesellschaft«. Nun legt die alte Dame unter dem Titel »Photographien« (Schirmer/Mosel Verlag, München; 224 Seiten; 205 Tafeln; 128 Mark) eine Monographie vor - mit Schriftsteller-Porträts aus der Pionierzeit der Farbaufnahme, die, in so großer Zahl, zum erstenmal als Buch erscheinen. Diese Porträts präsentieren keine Star-Ästhetik; sie zeigen Gesichter verletzlicher Menschen.

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