Zur Ausgabe
Artikel 86 / 115

LITERATUR Die Einsamkeit der Liebesspieler

In seinem gefeierten Debütroman »Strategie« erzählt der junge Brite Adam Thirlwell von der Last der sexuellen Freiheit.
aus DER SPIEGEL 4/2004

Es geht um Sex in diesem Roman. Um rosa Plüschhandschellen und Unterwerfungsphantasien, um Lederwäsche und einen Dildo mit Leopardenmuster, um lesbische Lust und eine Ménage-à-trois. Doch obwohl der Autor höchst ausführlich, seitenlang und anatomisch genau von Sex erzählt, ist »Strategie« ein völlig unerotisches Buch*. Das ist nicht so erstaunlich: Biologieunterricht und Erotik bilden nur selten eine Schnittmenge. Dass dieser Roman aber zugleich ein zartes Buch ist, verwundert schon.

Der Autor Adam Thirlwell ist gerade 25 Jahre alt. Thirlwell ist ein kleiner Mann mit wuscheligem Haar, mit runden Augen und tiefen Ringen darunter. Er sitzt in der »Clerkenwell Bar« im Londoner East End und trägt ein zerknautschtes Hemd. Es ist fünf Uhr am Nachmittag, vor ihm steht eine Bloody Mary.

Auf die Frage, ob er selbst schon mal eine Ménage-àtrois erlebt habe, wird er fast so rot wie sein Drink. »Nein«, sagt er, aber es sei doch leicht, sich so eine Situation auszumalen. »Ich muss doch nicht im Himalaja verschollen gewesen sein, um über das Gefühl des Verlorenseins schreiben zu können.« Eben dieses Verlorensein ist das wesentliche Gefühl seiner Figuren.

»Strategie« ist Thirlwells erster Roman. Vorher hat er in Oxford studiert und eine kleine Literaturzeitschrift herausgegeben; zwischen Schule und Studium hat er in einem Altenheim gearbeitet. Heute, nach diesem Debüt, das bereits in 17 Sprachen übersetzt wurde, besitzt er eine Eigentumswohnung in London und zählt zu den literarischen Jungstars Großbritanniens.

Der Roman, der nächste Woche erscheint, erzählt die Geschichte von Moshe und Nana. Moshe ist halb jüdisch, aber »nicht mal beschnitten«, wie Nana feststellt.

Sie ist etwa zehn Zentimeter größer als er, weißblond und die Tochter eines gebildeten, lebensklugen Vaters. Moshe verliebt sich in Nana, und Nana verliebt sich auch ein wenig in Moshe, aber der Sex zwischen beiden gelingt nicht so, wie sie es sich wünschen. Also strengen sie sich an, erst ein bisschen, dann ganz furchtbar.

Und Thirlwell schildert jede dieser Anstrengungen bis ins kleinste Detail. »Moshe schwankte über Nanas langem und schlankem Körper. Liebevoll streichelte er mit dem Handrücken ihren Bauch. Nana hielt seinen Penis hart in der Hand. Es war kein erigierter Penis. Und sie blickten einander an, wie sie es tun zu müssen glaubten - mit ernstem Blick, mit entschlossenem Blick. Es war ein sehr entschlossener Blick. Moshe sah an sich runter. Er wollte nachsehen, was sein Penis vorhatte. Dann bemerkte er die durchhängende Wölbung seines Bauchs. Während sie beide seinen uneleganten Penis beobachteten, versuchte Moshe den Bauch einzuziehen. Es sah entfernt wie eine Sexszene aus, war aber keine. Es war Slapstick.«

Wenn Thirlwell von Moshe und Nanas Sex-Missgeschicken berichtet, erzählt er zugleich von ihren Traumbildern und Komplexen, vom Zustand ihrer Liebe. Sie könnten genauso gut in einem Café sitzen und ihre Beziehung diskutieren. Bei Thirlwell ist Sex nur eine weitere Möglichkeit, sich misszuverstehen.

Neben Nana und Moshe und dem Mädchen Anjali, das die beiden später kennen lernen, gibt es in diesem Buch noch einen namenlosen Erzähler. Er führt den Leser durch die Geschichte, so als handelte es sich dabei um die Besichtigungstour einer Beziehung. Er duzt und bevormundet den Leser; »ich denke, Moshe wird euch gefallen«, sagt er gleich zu Beginn. Der anmaßende Ton dieser Erzählerfigur nervt und amüsiert gleichermaßen.

Die Komik entsteht durch Penetranz und formale Frechheiten. So werden die Szenen zwischen Nana und Moshe kontrastiert mit Episoden aus dem Leben von Künstlern und Diktatoren. Einmal etwa erzählt Thirlwell von einem Treffen zwischen einer Filmschauspielerin und Adolf Hitler. Hitler bettelt die Schauspielerin an, ihn zu treten. Der Schauspielerin ist das unangenehm, aber schließlich erfüllt sie ihm seinen Wunsch. Auf abenteuerliche Art verbindet Thirlwell diese Anekdote, die er in einem Buch gefunden hat, mit seiner Geschichte: »Das Komische an Peinlichkeiten ist, dass man am Schluss lieber das tut, was einem die ganze Zeit peinlich war, anstatt noch weiter peinlich berührt zu sein. Man bringt es hinter sich.«

Dafür haben Moshe und Nana erst mal nicht die Kraft. Vorher probieren sie es zu dritt mit dem Mädchen Anjali. Aber zu dritt ist alles noch viel komplizierter als zu zweit: Zwar verstehen sich Moshe und Anjali bestens beim Sex, doch beide lieben nur Nana. Die wiederum wird immer eifersüchtiger auf die Ekstase der anderen zwei.

Thirlwell trinkt seine zweite Bloody Mary an diesem Nachmittag und erzählt von seinem peinlichsten Moment mit dem Buch. Bei einer Gruppenlesung in den USA war das, irgendwo im Mittleren Westen. Vor ihm war ein Autor aus Afghanistan dran. Der las die Geschichte eines Liebespaars, das von den Taliban zu Tode gesteinigt wird, weil es Sex hatte. »Ich stand hinter der Bühne und begann hektisch in meinem Buch zu blättern, auf der Suche nach einer Szene, die man in dieser Situation noch vorlesen konnte«, erzählt er. Nach seinem Auftritt habe das Publikum kalt geschwiegen.

In Großbritannien dagegen wurde gejubelt über das Buch, das am Ende doch die romantische Liebe feiert. Thirlwell erhielt einen Platz auf der renommierten »Granta-Liste«, die nur alle zehn Jahre erscheint und die wichtigsten jungen Schriftsteller Englands versammelt. Und der junge Autor bekommt neuerdings fast jeden Tag Post von Frauen, die ihn unbedingt treffen wollen. »Die glauben alle«, sagt er, »ausgerechnet ich sei der Mann, der sie besser verstehen würde als jeder andere.« CLAUDIA VOIGT

* Adam Thirlwell: »Strategie«. Aus dem Englischen von ClaraDrechsler und Harald Hellmann. S. Fischer Verlag, Frankfurt amMain; 320 Seiten; 18 Euro.

Zur Ausgabe
Artikel 86 / 115
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.