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FERNSEHEN / Telemann DIE EISZEIT

aus DER SPIEGEL 6/1961

Welche Begleiterscheinung des Winters erfüllt unser Fernsehen Jahr für Jahr mit neuer Selbstachtung und Zuversicht?

Früher hatte Telemann geglaubt, es sei der zeitige Anbruch der Dunkelheit, weil doch die TV-Gemeinde an laugen Abenden dankeifriger und aufnahmefroher ist als an kurzen. Heute weiß er: Der Hauptvorteil, den ein Fernsehsender aus dem unwirtsamen Abschnitt des Kalenders zu ziehen vermag, liegt in dem Umstand, daß Wasser bei null. Grad Celsius seinen Aggregatzustand verändert. Entweder wird Schnee daraus, was zu Übertragungen von Ski-, Bob- und Rodelereignissen Anlaß gibt, oder es entsteht jene telegene Substanz, auf der sich Eishockey, Eiskunstlauf, Eisschnellauf und Eisschießen veranstalten lassen.

35 Wintersportsendungen verheißt der bislang ausgedruckte Spielplan für einen Zeitraum von rund fünf Wochen.

So weit, so erfreulich.

Nun ist aber den »weißen« Sportarten, vergleicht man sie mit den »grünen«, eine Sonderheit eigen, die den Übereifer der TV-Sendlinge zunächst etwas unbedacht erscheinen läßt.

Sportübertragungen im Sommer - das bedeutet: den Stil des Sprinters, den Sitz des Reiters, die Haltung des Turmspringers, wahrnehmen, Fehler erkennen, Leistungen würdigen; es bedeutet, wenn Kameraleute und Techniker ihr Handwerk verstehen, von Anfang bis Ende miterleben.

TV-Wintersport hingegen heißt, zumindest bei den volksbeliebten Disziplinen: Der Zuschauer muß seine Phantasie strapazieren oder, im Ermangelungsfall, seine Langmut.

Da sieht er auf greller Flackerscheibe viele schwarze Fähnchen und Funktionärchen und, in schicklichen Intervallen, Skiläuferchen, die sich eiligst um die Fähnchen herumschlängeln. Dieses Ereignis heißt »Riesenslalom«.

Oder man zeigt ihm, wie ein Schlitten voller Sturzhelme startet, eine Kurve nimmt, noch eine Kurve nimmt, durchs Ziel rasselt. Immer Wieder zeigt man es ihm, garniert mit reichlich Schneelandschaft. Und jedesmal ist es das gleiche Bild, überschrieben: »Deutsche Meisterschaft im Viererbob«.

Ja, sogar die Eishockey-Begegnungen, die doch an der Spitze aller Winterwonnen rangieren, vollziehen sich zu schleunig, um ein wirklicher Wohnzimmergenuß zu sein. Gar nicht zu reden von der Schwierigkeit, einen rundum gepolsterten Füssener von einem rundum gepolsterten, Krefelder zu unterscheiden.

Ginge alles mit rechten Dingen zu, müßten Wintersportsendungen ungeheuer einschläfernd wirken. Aber es

geht nicht mit rechten Dingen zu. Denn: Auf Eis und Schnee passiert ungleich mehr als auf Aschenbahnen.

Deshalb das viele Publikum in den Stadien, das da grölt, pfeift, mit Knallfröschen wirft, den Schiedsrichter, »Glatzkopf« schmäht und dabei auf komplizierte Brüche lauert.

Deshalb auch die vielen Sportfreunde vor den Empfangsröhren, willens und imstande, sich lustvoller Wallung gleich zwiefach hinzugeben: einmal, wenn die ersehnte Körperverletzung oder das Foul geschieht, das ändere Mal, wenn das Tribünenvolk seinem Mangel ans Zartgefühl Stimme gibt. »Schade, daß unser schöner Sport so ausarten muß« sagt in solchem Fall der Fernsehkommentator (Hugo Murero am 14. Januar), damit der Zuschauer merkt, daß es eigentlich gesitteter zugehen könnte.

In anderen Fällen, wenn der Nervenkitzel schier, zu gewaltig wird, weiß der unsichtbare Ratgeber auch Beruhigung zu spenden.

»Nur ein bißchen die Nase aufgeschlagen«, sagt er nach einem Viererbob-Sturz. Oder: »Bobfahrer sind harte Männer, die fliegen auf den Pinsel, und am nächsten Tage, wenn's nur irgendwie geht, sitzen sie wieder auf ihrem Schlitten« (Murero am 22. Januar).

Oder er steuert etwas aus dem Schatze seines Fachwissens bei: »Wenn Eishockeyspieler einmal länger als 30 Sekunden liegenbleiben, kann man annehmen, daß etwas Ernsthaftes passiert ist« (Rainer Günzler am 11. Januar).

Und wenn die TV-Familie rätselt, warum der Verteidiger Ambros schon wieder auf die Strafbank muß, erläutert der Freund alles Schönen bekümmert: »Ein großer Teil der Regelwidrigkeiten passiert ganz, offensichtlich in den Ecken, die unsere Kamera nicht erfassen kann« (Günzler).

Wintersport-Kommentatoren möchten, daß selbst über der Niederung eines Eisstadions noch ein olympischer Hauch zu verspüren sei; auf daß sich die Sensationsgier nicht über die Schranken der Stehtribüne hinauswage. Ohne ein hehres Hochziel tun sie's nicht, die Braven.

Telemann hat dafür Verständnis, meint aber: Wenn eine Darbietung, deren Sinn in der Einhaltung bestimmter Regeln liegt, nur dadurch Anteilnahme erlangt, daß die Regeln je öfter, je lieber verletzt werden, sollte man sich dieser Darbietung halber nicht in idealistische Unkosten stürzen.

Mag sein, daß die Randalierer und Knallfroschwerfer vorn ästhetischen Standpunkt zu verurteilen waren - eines hatten sie den Predigern des »schönen weißen Sports« voraus: Sie meinten es ehrlich.

Merke: »Die Freude des Heuchlers währet einen Augenblick« (Hiob; Kapitel 20, Vers 5).

telemann
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