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Die Emanzipation einer Knolle

Jutta Rosbach über Volker Elis Pilgrims Bestseller »Muttersöhne« Jutta Rosbach, 31, ist freie Rundfunkjournalistin in Hamburg. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Nicht Männer machen Geschichte, sondern Muttis. Volker Elis Pilgrim, erprobter Schlachtermeister der Männergesellschaft, weiß: »Auch das stärkste Mannerfleisch zieht lebenslang einen Frauenschleier hinter sich her.« In »Muttersöhne«, seiner neuesten Auslassung, liegen die Macher von Nero bis Reagan auf der Couch. Der Befund: Ob Hitler, Stalin, Papst Wojtyla, Rilke, Hölderlin oder der Herr Jesus - die versammelte Altherrenriege des Abendlands krankt nicht an ihrem Zuviel an Machismo, sondern an ihrem Mangel an Männlichkeit.

Der entsteht nämlich dann, wenn das männliche Kind sich nicht mit seinem Vater identifizieren kann, weil der entweder brutal, nichtssagend, von der Ehefrau ungeliebt, tot oder häufig abwesend ist. Die Folge: Die alleingelassene, emotional und gesellschaftlich unbefriedigte Frau bindet sich um so stärker an ihre Kinder. Wenn dies für die Tochter Vorbereitung auf das sprichwörtlich entsagungsreiche Frauenleben ist, wirkt sich die Identifikation mit der Mutter für den Sohn ungleich schlimmer aus: In einer männlich bestimmten Gesellschaft muß der Muttersohn, so Pilgrim, seine anerzogene Weiblichkeit leugnen, um zu überleben. Da er tief drinnen nicht Mann, nicht Frau ist, sondern »die unentfaltete Gestalt einer Knolle« hat, muß er nach draußen zerstörerisch wirken.

Für Pilgrim, der kürzlich dem deutschen Fernsehvolk in »Leute« vortalkte, er sei am liebsten der letzte Kopernikus, wächst sich das persönliche Desaster der Muttersöhne zur Katastrophe von kosmischen Ausmaßen aus: »Wer einen Weltbrand verhindern will, muß die Männerfrage stellen. Die Männerfrage ist die Mutterfrage. Die Mutterfrage ist die Frauenfrage. Die Frauenfrage ist die Männerfrage.« Die Mutter-Männer-Frauenfrage ist ein geschlossenes System ohne Widersprüche, ohne Historizität: »Dreitausend Jahre Zerstörungsgeschichte von König David bis zu Reagan auf den Nenner des Mangels an Männlichkeit gebracht, und alles wird ganz einfach.« Eben. Pilgrims Buch hat die innere Struktur unzähliger Kreise. Im verbissenen Versuch, immer wieder das gleiche zu beweisen, verkehrt sich ein kritischer Denkansatz in spießigste Herrenideologie. Geschichte verkommt zu einer Reihe von geschwätzigen, fragmentarischen Episoden.

Zeugnisse von Napoleons Lebensunmut ("Das Leben ist mir zur Last, weil ich keine Freude genieße und weil alles mir zur Qual gereicht") nebst ein paar Briefen von Mutter Letizia Bonaparte (in denen beklagt sie einmal mangelnden Respekt des Sohnes, ein anderes Mal fordert sie eine höhere Apanage) - und schon ist das Kriegsgehabe des selbstherrlichen Franzosenkaisers erklärt.

Hitler haßte seinen brutalen Vater und stand als Achtzehnjähriger fassungslos am Grab seiner Mutter. Außer diesen beiden Informationen nutzt Pilgrim das geläufige Hitlerbild, wertet den frühen künstlerischen Dilettantismus des Obernazis als typisches Kennzeichen von Muttersöhnen und beschreibt seine bekannten Auftritte mit sexuell aufgepfropfter

Metaphorik: »Hitler kostümierte sich mit Männlichkeitszeichen: Schwellkörper Uniform, Versteifung rechter Arm in die Höhe, eindringendes Augenrollen, hin- und herreibende Rede, multiple Ohnmacht des Höhepunkts bei jeder Massenveranstaltung.«

Göring ist ebenfalls flugs überführt, denn »das Handwerk des Zeugens hatte er nicht gelernt«. Hitler hatte angeblich nur einen Hoden. Goebbels einen Klumpfuß. Die erschütternd dürftige Argumentation von Volker Elis Pilgrim ruht sich auf dem Halbwissen der sogenannten kritischen Leser aus. Im Eifer der antifaschistischen Empörung fällt es gar nicht so auf, wenn die Nazis mit Methoden einer allzu naiven Physiognomik kritisiert werden, die ganz gefährlich an die Lehre von Rassemerkmalen im Dritten Reich erinnern.

Da die Rede vom zerstörerischen Patriarchat längst zum selbstverständlichen Szeneschnack gehört, rennt Pilgrim offene Türen ein, wenn er Papst Wojtyla zur »derzeit bekanntesten Hausfrau der katholischen Kirche« kürt oder den angepaßten Muttersohn Thomas Mann »als gutmütiges Nashorn auf sein wohlverdientes Greisendasein zuschrumpeln« läßt. Es gehört nicht viel dazu, den schriftstellernden Muttersöhnen reihenweise innere Unsicherheit und Todessehnsucht nachzuweisen.

Politische Allianzen geraten in den Bildunterschriften der Politikerphotos zu einer gemütvoll grausigen Familiensaga: Hitler und Franco heißen da »Die Cousinen«. Mussolini und Hitler »Die zwei Schwestern« Goebbels und Hitler »Die Liebenden«. Die Gefährlichkeit der Männer ergibt sich aus ihrem Mangel an Männlichkeit, das Unheil verkappter Weiblichkeit korrespondiert bei Pilgrim mit dem Ruf nach dem Vater. Aus dem »Filiarchat« soll ein Patriarchat werden.

Kein Wunder, daß da der Ausschluß der ebenso ohnmächtigen wie todbringenden Frau aufs neue behauptet wird. Die Frau hat für den Muttersohn lediglich »Schraubenfunktion": »Sie wird eingesetzt in das Ich-Loch des Mannes und kann sich dort mit seinen Unternehmungen mitdrehen.« Glück haben nur die Vatertöchter. Aus Aschenputtel wird die Königin: Maria Theresia, Katharina die Große, Simone de Beauvoir, Margaret Thatcher. Die Herrscherinnen führen sich - im Namen des Vaters - nie so schlecht auf wie die herrschenden Muttersöhne: »Ein Muttersohn an Frau Thatchers Stelle hätte nicht nur die Falklandinseln zurückerobert, sondern Argentinien besetzt.« Bei soviel Determinismus wird selbst aus einer Eisernen Lady ein friedfertiges Frauchen.

Richtig Gut-Sein ist aber erst bei den - na? - richtig: den Vatersöhnen. Pilgrims Heiligenreihe birst nicht gerade vor Originalität, schließlich gehören Goethe, Mozart, Brecht, Sartre, Lenin, Rudolf Steiner und Bertrand Russell zu den ohnehin bekannten Goodies der Geschichte. Die dünne Fortschrittstünche - »Lenin war ein Liebender, Sich-Verbindender, alte Unterdrückungsformen Sprengender« - wird abermals mit wunderlichen Spielerargumenten untermauert: »Sein Leben steht übersichtlich vor der Nachwelt. Er lernte etwas Richtiges. Rechtswissenschaft.«

Die sogenannten Vätersöhne bestätigen das herkömmliche Männerbild. Mozart etwa liebte nicht nur Gott, sondern »auch das Leben und die Frauen«. Möglich wurde dieser behagliche Männermatsch durch die enge Bindung zwischen Vater Leopold und Sohn Wolfgang bei gleichzeitiger Distanz zur Mutter. »Hätte Mozart diese Nähe zu seiner Mutter erfahren, wäre ihm der Durchbruch zu Gott nicht gelungen.«

Stellenweise erinnern die stereotyp wiederkehrenden Argumente in ihrem aufgepolsterten Sprachschwulst an die Stilblüten eines bemühten Schülers: »In einer der entsetzlichsten Mutterbindungsplackereien, die ein Männerleben auszuhalten genötigt war, wand Hölderlin sich sein Dasein lang, bis er zusammenbrach. Außer seiner unfreiwilligen Komik zeigt dieser Satz Pilgrims Hang zur verblasenen Übersteigerung. Gegen Ende des Buches häufen sich Wörter wie »Rache«, »Strafe«, »Katastrophe«, und die seelischen Bedingungen der Männer werden Naturgesetzen gleichgesetzt. Besonders wenn Pilgrim in Beweisnot gerät, kriegen die Mamis etwas Dämonisches. Kein Wunder, daß gegen die Brut dieser Weiber kaum ein Kraut gewachsen ist, es sei denn, die Menschheit hat den Mut zur »Drachenbekämpfung«.

Neben all diesem Hirnquark hat der Autor, der eigentlich weniger als Wissenschaftler, sondern eher als Künstler gesehen werden will, den einen oder anderen Schimmer von Selbsterkenntnis: »Die Aufgabe des Künstlers«, befindet der geläuterte Muttersohn, »sein Ich

zum Brennpunkt seiner gesellschaftlichen Verhältnisse zu machen, tut den Ich-Kränkelnden auf die Dauer so weh. daß sie diese Aufgabe eines Tages verraten müssen.« Schwamm drüber - Hauptsache, der Volker hat, oedipus-schnoedipus, seine Mami richtig lieb.

Jutta Rosbach
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